Sind Faszien verklebt, kann das zu Schmerzen führen, insbesondere zu Rückenschmerzen. Gezieltes Training hilft. Foto: imago images / Panthermedia

Wer mit wachen Augen durch die Welt geht, sieht sie derzeit überall. Fitness-Studios werben mit speziellen Kursen, Kaffee-Shops preisen sie im Schaufenster an, und manche Großmütter haben sie im Wohnzimmer zu liegen. Die Rede ist von der Faszienrolle, in der Regel etwa unterarmlang, meist schwarz, manchmal pink, oder mit kleinen Punkten und 150 Gramm leicht. Profisportler schwören auf sie und trainieren mit ihr ihre Faszien.

Aber was genau sind Faszien? Robert Schleip, der führende Wissenschaftler der deutschen Faszien-Forschung, beschreibt sie so: „Unser Körper ist umhüllt von einer Art Verpackungsmaterial, das unter der Haut liegt. Es ist ein alles miteinander vernetzendes, faseriges Netz aus Bindegewebe, etwa 0,3 bis 3 Millimeter dick.“ Rund 20 Prozent des Körpers seien Faszien; in den Muskeln, den Knochen, in jeder Zelle kommen sie vor.

Auf die Technik kommt es an

Sind Faszien verklebt, kann das zu Schmerzen führen, insbesondere zu Rückenschmerzen. Die meisten Menschen bewegen sich viel zu wenig, sitzen stundenlang starr vor dem Computer und starren auf den Bildschirm. Zwar ist der Zusammenhang noch nicht genau erforscht: Wahrscheinlich werden aber durch unzureichende Muskelaktivität auch die Faszien steif und unbeweglich.

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Die Faszienrolle soll helfen, mit gezielten Bewegungen das Gewebe wieder elastisch zu machen. Aber sie muss auch richtig benutzt werden. „Ich habe schon eine Menge Hypes kommen und gehen sehen“, sagt Ramona Bruchmüller, Leiterin der Sporttherapie in den Sana Kliniken Sommerfeld. „Viele neue Trainingsarten machen Sinn und helfen den Patienten. Wichtig ist nur die richtige Anwendung, sonst verschwindet der Hype genauso schnell, wie er gekommen ist.“

Probleme auf einfache Art zu lösen, sieht die Sporttherapeutin eher skeptisch. „Alle Welt setzt Faszien-Training mit den Übungen auf der Blackroll gleich. Dabei ist Faszien-Training viel umfangreicher, Rollentraining ist nur ein ganz kleiner Teil davon.“

Leistungssportler schwören auf die Rolle

Vor sechs Jahren war Ramona Bruchmüller zum ersten Mal bei einer Fortbildung zum Thema Faszie. Es war das Jahr, nachdem der erste Artikel über ein spezifisches Faszien-Training erschien – als Kapitelbeitrag im ersten umfassenden Lehrbuch über Faszien von Dr. Robert Schleip. „Dabei waren Faszien schon damals keine Neuerfindung“, sagt die Therapeutin. „Früher haben wir Bindegewebe gesagt“. Dem Bindegewebe sei aber keine große Bedeutung für den Körper und speziell bei der Bewegung beigemessen worden.

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Mittlerweile hat die Forschung gezeigt, dass Faszien viel mehr an der Bewegung beteiligt sind als gedacht. Sie besitzen viele Rezeptoren, so beispielsweise auch Schmerzrezeptoren. Neu ist auch, dass Faszien auf emotionalen Stress reagieren.

„Eigentlich ist jedes Training auch ein Faszien-Training“, sagt Ramona Bruchmüller. Und genau deshalb sieht die Sporttherapeutin den Hype um das Rollentraining skeptisch. „Ich glaube persönlich nicht, dass sich mit der Blackroll Faszien isoliert trainieren lassen. Die wichtigste Botschaft ist, dass sich die Leute zu wenig bewegen, und die Faszien deshalb verkleben. Mit jedem Training werden eben auch die Faszien mobilisiert.“

Immerhin: Leistungssportler schwören auf die Rolle . Inzwischen ist sie auch in vielen Fitnessstudios und in so manchem Haushalt für den morgendlichen Frühsport zu finden.

„Die Fitnessindustrie hat diesen Trend dankbar aufgenommen, ich denke, dass es auch eine einfache Sache für das Training zu Hause ist“, vermutet Ramona Bruchmüller. „Als ich die Weiterbildung gemacht habe, war auch ich begeistert. Mittlerweile kann ich sagen: Die erhoffte Wirkung ist nicht bei allen Patienten eingetreten. Aber von manchen Patienten bekomme ich auch ein richtig gutes Feedback.“

Vorsicht nach Verletzungen

Eine Sporttherapie ohne Rollen sei auch in ihrem Berufsleben nicht mehr denkbar, gibt Ramona Bruchmüller zu. Die Leute fragten danach. Und manchmal sei Faszien-Training richtig sinnvoll, um bestimmte Schmerzpunkte zu behandeln.

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Durch Bewegungen mit Hilfe der Faszienrolle wird Wasser aus der Faszie verdrängt, die sich dann wieder vollsaugt, wodurch Verklebungen gelöst werden. Dies mache aber nur ein Viertel des Trainings aus, sagt Therapeutin Bruchmüller. Für „Wikinger-Menschen“, stabile Typen, steif und fest, sei Faszien-Training prinzipiell besser geeignet als für „Schlangenmenschen“, die hypermobil sind.

Nach Verletzungen ist allerdings Vorsicht geboten. Ebenso bei entzündlichen Gelenkerkrankungen und bei Einnahme von Blutverdünnern. Bei Osteoporose ist das Rollentraining wegen des Drucks, bei Diabetes wegen fehlender Körperwahrnehmung nicht gut geeignet.

Maximal 10 bis 15 Minuten

Von unkontrolliertem Eigentraining rät Ramona Bruchmüller ab. Dazu gehört auch, sich von Filmchen anleiten zu lassen. „Man kann vieles falsch machen.“ Ihr Tipp: sich auf jeden Fall einen Trainer suchen, der sich auskennt, zum Beispiel in einer Physiotherapie oder einem guten Fitnessstudio.

„Die meisten Patienten rollen zu schnell“, sagt die Sporttherapeutin. Die Bewegungen sollten ganz langsam vollzogen werden, „um die Strukturen zu bearbeiten“, wie sie sagt. Auch sei das Training auf der Rolle oft zu aggressiv. Ihre Lösung: Eine weichere Rolle oder auch eine durchgeschnittene Poolnudel. Zudem müsse das Training nicht auf dem Boden liegend ausgeführt werden. Man könne sich mit der Rolle auch gegen eine Wand lehnen, sagt sie. Dann werde weniger Druck ausgeübt.

Faszien-Faszinierten empfiehlt Bruchmüller das klassische Rollentraining: zwei bis dreimal in der Woche, maximal 10 bis 15 Minuten, 10 bis 15 Wiederholungen pro Übung. „Rollentraining ersetzt andere Trainingsformen nicht“, sagt sie. „Wer sich nicht bewegt, braucht auch keine Übungen auf der Black-roll.“