Endoskopische Lungen-Operationen wie diese in Gera werden sicher nicht ambulant durchgeführt werden, andere Eingriffe schon.
Endoskopische Lungen-Operationen wie diese in Gera werden sicher nicht ambulant durchgeführt werden, andere Eingriffe schon. dpa/Bodo Schackow

Das Durchschnittsalter der niedergelassenen Ärzte in Deutschland liegt bei 50 Jahren,  die Pensionierungswelle rollt an. Junge Ärzte gehen kaum aufs Land, und gleichzeitig fehlen den Krankenhäusern jenseits der großen Städte Einnahmen. Eine giftige Mischung, die die medizinische Versorgung auf dem Lande gefährden dürfte. So geht in vielen Landratsämtern bereits eine Schreckvorstellung um: In nicht allzu ferner Zukunft könnten sowohl die Arztpraxis als auch das örtliche Kreiskrankenhaus zur Schließung gezwungen sein. Gesundheitsökonomen schließen daraus, dass Krankenhäuser verstärkt ambulante Behandlungen anbieten müssen.

„Wir brauchen auf dem Land eine solide Basisversorgung, die häufig durch gute ambulante Angebote gewährleistet werden kann, ergänzt um pflegerische Angebote und vernetzt mit den Spezialisten in den Zentren“, sagt Boris Augurzky, Leiter des Bereichs Gesundheit am Wirtschaftsforschungsinstitut RWI Essen und Mitglied der Regierungskommission Krankenhaus des Bundes.

„Manche kleine Klinik könnte dabei ihre Rolle komplett ändern“, sagt Augurzky. „Weg von der stationären Versorgung, hin zu einer ambulanten Großklinik mit telemedizinischer Andockung an Zentren, gegebenenfalls ergänzt um Überwachungsbetten und Kurzzeitpflege.“

Die Kliniken sind willig, sich auf die auch vom Bund angestrebte Ambulantisierung einzulassen: „Dies hätte beispielsweise den Vorteil, das nur begrenzt verfügbare Fachpersonal, insbesondere in der Pflege, auf die Patienten mit höherem Pflegebedarf im stationären Bereich zu konzentrieren“, sagt Henriette Neumeyer aus dem Vorstand der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG).

Entsprechend empfiehlt ein verbandsübergreifendes Gutachten eine Erweiterung des sogenannten AOP-Katalogs für ambulantes Operieren. So könnten Biopsien (Gewebeentnahmen) in aller Regel ambulant erfolgen, auch Endoskopien von Magen oder Darm müssten nicht mit einem stationären Aufenthalt einhergehen.

Ein Fünftel der stationären Behandlungen könnte ambulant erfolgen, sagt ein Regierungsberater

„Viele heute stationär erbrachte Fälle könnten auch ambulant erbracht werden. Ich rechne mit rund 20 Prozent“, sagt Augurzky. „Es dürfte sich dabei aber um komplexere ambulante Fälle handeln, die aufwendiger sind und für die im Fall von Komplikationen die Gerätschaften, das Fachpersonal und die Betten des Krankenhauses genutzt werden können.“

Zumindest manche Häuser hoffen, mit der „Ambulantisierung“ ihre Finanzlage aufbessern zu können, nach der Formel: mehr Patienten gleich höhere Einnahmen. Die Hoffnungen der Krankenkassen gehen allerdings genau in die entgegengesetzte Richtung: Wenn die Kliniken mehr ambulant behandeln dürften, müssten sie auch weniger operieren. Kassenvertreter werfen den Krankenhäusern seit Jahren vor, ihre Patienten viel zu häufig zu operieren, um Umsatz zu machen.

Die im Mai vorgestellte Kommission soll ausdrücklich Einsparmöglichkeiten untersuchen: „Das Ambulantisierungspotenzial bisher unnötig stationär erbrachter Leistungen ist auch Gegenstand der Regierungskommission Krankenhaus“, heißt es aus dem Gesundheitsministerium.

60 Prozent der deutschen Krankenhäuser rechnen mit einem Jahresverlust

Unbestritten ist, dass die finanzielle Lage vieler Häuser schlecht ist. Rund 60 Prozent der Krankenhäuser in Deutschland rechneten für 2021 mit wirtschaftlichen Verlusten, sagt Neumeyer. Die hohe Inflation hat die finanzielle Notlage der Kliniken noch verschärft. Sie sollen nach politischer Vorgabe zwar wirtschaftlich arbeiten, können aber anders als ein Unternehmen ihre Preise nicht eigenständig erhöhen.

„Wir benötigen jetzt kurzfristig einen deutlichen Inflationsausgleich, um die Krankenhäuser arbeitsfähig zu halten“, sagt Neumeyer. Die Politik müsse die Krankenhäuser finanziell für erneut stark steigende Corona-Fallzahlen im Herbst wappnen.