Eine Mitarbeiterin vom bayerischen roten Kreuz (BRK) bereitet in einem Impfzentrum den Impfstoff von Biontech/Pfizer gegen das Corona-Virus SARS-CoV-2 für eine Impfung vor.  Foto: Sven Hoppe/dpa

In den vergangenen Tagen häufen sich Meldungen, dass Menschen nach ihrer ersten Impfung an Covid-19 erkranken. So wurden 18 Bewohner und Pfleger in bayerischen Pflegeheimen positiv auf das Coronavirus getestet, nachdem sie etwa eine Woche zuvor die erste Impfdosis gespritzt bekommen hatten. Auch in Nordrhein-Westfalen sind solche Fälle bekannt geworden.

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Die gute Nachricht ist: Das ist kein Grund zur Besorgnis. Die Impfung wirkt mit hoher Wahrscheinlichkeit trotzdem. Es kann jedoch – das ist vielleicht die schlechte Nachricht – passieren, dass sich bereits geimpfte Menschen noch mit Sars-CoV-2 anstecken können. Das hat mit dem Zeitpunkt der Infektion und der Dauer des Immunschutz-Aufbaus zu tun. „Zu einer Erkrankung kann es auch dann kommen, wenn eine Infektion in den ersten Tagen nach der Impfung erfolgt ist, bevor der Impfschutz vollständig ausgebildet werden konnte“, gibt das Robert-Koch-Institut (RKI) auf Anfrage der Berliner Zeitung Auskunft.

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Eine der Tücken des Virus ist die lange Inkubationszeit. Von der Ansteckung bis zum Ausbruch der Krankheit können im Mittel fünf bis sechs Tage vergehen. Es kann aber auch bis zu 14 Tagen dauern.

Wenn die erste Dosis Impfstoff gespritzt wird, beginnt der Körper Abwehrmechanismen aufzubauen. Die Präparate, die bisher bei uns in Deutschland verimpft werden können, sind genbasierte Impfstoffe, sogenannte RNA-Impfstoffe. Sie enthalten einen Teil der Erbinformation des Virus, die Bauanleitung für ein Virusprotein.

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Nach der Impfung beginnen die menschlichen Zellen, das Protein des Erregers zu produzieren. Antikörper können sich entwickeln. Bei späterem Kontakt mit dem Erreger erkennt das Immunsystem das Protein wieder und kann das Virus gezielt bekämpfen. Bis der Körper diese Abwehrstoffe gebildet hat, vergeht jedoch einige Zeit. „Eine Wirkung tritt in der Regel zehn bis 14 Tage nach der ersten Impfung ein“, so das RKI.

Wie gut der Impfschutz nach der ersten Impfung ist, lässt sich nicht genau sagen. Experten gehen für den Biontech/Pfizer-Impfstoff von rund 90 Prozent Schutzwirkung aus, höher als in den Publikationen der Phase-3-Studien zu Comirnaty angegeben. Dort wird von einer Wirksamkeit von 50 bis 80 Prozent ausgegangen. Für das Astrazeneca-Vakzin, das bald auch in der EU zugelassen werden soll, rechnet man mit etwa 70 Prozent.

Einen vollständigen Impfschutz haben Geimpfte erst nach der zweiten Impfung. Diese wird je nach Produkt drei bis vier Wochen nach der ersten verabreicht. Es dauert dann noch mal etwa sieben Tage bis sich die Antikörper in ihrer Passgenauigkeit noch weiter verbessert haben und eine lang anhaltende Wirkung aufgebaut ist. Von der ersten Impfung bis zu einem vollständigen Impfschutz vergehen also mindestens vier Wochen.

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Trotz Impfung steht Möglichkeit einer Infektion

Zu beachten ist dabei: Wenn von Impfschutz die Rede ist, bedeutet dies nicht, dass sich die geimpfte Person nicht trotzdem mit dem Virus infizieren kann. Es geht zunächst um den Schutz vor Covid-19 – also vor der Erkrankung. Auf Anfrage verweist das Paul-Ehrlich-Institut hierzu auf die Produktinformation zum Biontech-Impfstoff Comirnaty. Darin steht, dass das Vakzin zur Vorbeugung von Covid-19 angewendet wird. „Der Impfstoff soll vor einer Erkrankung schützen. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass die geimpfte Person sich trotz der Impfung mit Sars-CoV-2 infizieren und positiv getestet werden kann“, erläutert eine Sprecherin des Paul-Ehrlich-Instituts.

Ob jemand, der geimpft ist, auch andere mit dem Coronavirus anstecken kann, ist noch nicht sicher. Dazu fehlen noch wissenschaftliche Daten. „Daher ist es auch trotz Impfung notwendig, sich und andere zu schützen, indem Sie die AHA-A-L-Regeln beachten“, mahnt das Paul-Ehrlich-Institut.

Was die genannten Fälle in den Pflegeheimen betrifft, so ist nicht klar, ob der Impfschutz bei allen Altersgruppen gleichermaßen erreicht wird. „Die Wirksamkeit war zwar vergleichbar, allerdings war die Gruppe der über 75-Jährigen mit 774 von 17.411 Geimpften insgesamt in dieser Analyse klein“, schreibt das RKI zu Studienergebnissen über die Wirksamkeit des Vakzins. Es wird sich erst in den kommenden Wochen zeigen, wie gut die Impfstoffe wirklich schützen.

Auch welche Nebenwirkungen auftreten können, muss noch beobachtet werden. Das Paul-Ehrlich-Institut weist darauf hin, dass jeder Mensch anders reagieren kann. Jedes Immunsystem funktioniere individuell. Daher seien pauschale Antworten auf viele Fragen zu den Impfstoffen nicht möglich, so eine Sprecherin.

Kurz zusammengefasst

- Von der Infektion bis zur Erkrankung können 5 bis 14 Tage vergehen.

- Auch nach der ersten Impfung kann man an Covid-19 erkranken.

- Die erste Impfung kann das Risiko für einen schweren Verlauf mindern.

- Ein vollständiger Impfschutz ist erst etwa sieben Tage nach der zweiten Impfung erreicht.

- Trotz Impfung kann man sich mit Sars-CoV-2 infizieren und positiv getestet werden.

- Ob man das Virus auch nach der Impfung noch verbreiten kann, lässt sich nicht eindeutig beantworten.

Das ist jedoch kein Grund, sich nicht impfen zu lassen. „Keine Impfstoff bietet einen hundertprozentigen Schutz“, so eine Sprecherin des RKI. „In der Regel verläuft die Erkrankung dann aber mit milderen Symptomen oder sogar asymptomatisch.“ So ist es wohl auch bei den Corona-Ausbrüchen in den bayerischen Pflegeheimen. „Bei einem Teil der infizierten Bewohner seien erhöhte Temperaturen gemessen worden, insgesamt aber zeigten sie bislang leichte Verläufe“, schreibt die Süddeutsche Zeitung über den Fall. Aus Sicht des RKI gibt es keine Gründe, die Impfung nicht auch in Senioren- und Altenpflegeheimen anzubieten oder fortzuführen, in denen zeitgleich einzelne Covid-19-Fälle auftreten.