Problematisch werde das Infektionsgeschehen nur, wenn es in komprimierter, kurzer Zeit auftrete, sagt Drosten. Foto: dpa

Bis Sonntag sind in Deutschland nach Angaben des Robert Koch-Instituts (RKI) weit über hundert Coronavirus-Infektionen nachgewiesen worden. Noch am Freitag waren es erst 53. Allein in Nordrhein-Westfalen sind es nach der aktuellen Liste mittlerweile 66 Fälle, in Bayern 19 und in Baden-Württemberg 15. Nach Ansicht von Experten sind aber aber noch weit höhere Zahlen zu erwarten.

„Es werden sich wahrscheinlich 60 bis 70 Prozent infizieren, aber wir wissen nicht, in welcher Zeit“, sagte der Virologe Christian Drosten von der Berliner Charité. „Das kann durchaus zwei Jahre dauern oder sogar noch länger.“ Problematisch werde das Infektionsgeschehen nur, wenn es in komprimierter, kurzer Zeit auftrete. „Darum sind die Behörden dabei, alles zu tun, um beginnende Ausbrüche zu erkennen und zu verlangsamen.“

Zahlen aus China deuten laut Drosten darauf hin, dass es so kommen könnte wie bei den großen Grippe-Pandemien 1957 und 1968. „Dass es so wird wie die Spanische Grippe 1918, glaube ich nicht.“ Das Muster mit einem Rückgang der Zahlen im Sommer und einem Wiederauftreten danach könne aber ähnlich sein.

Deutschland sehr gut vorbereitet

Deutschland sei hervorragend auf die Lungenkrankheit Covid-19 vorbereitet. „Wenn das ganze Pandemiegeschehen, bevor das Virus zu einem landläufigen Erkältungsvirus wird und nicht mehr weiter auffällt, sich so in zwei Jahren abspielt, da können wir damit umgehen“, sagte Drosten.

„Wenn es ein Jahr ist, wird es deutlich schwerer, weil wir dann in derselben Zeit deutlich mehr Fälle haben.“ Er mahnte dennoch: Die benötigte Zahl der Therapiebetten auf den Intensivstationen könne man schwer vorhersagen, aber, „wenn wir jetzt nichts tun, dann werden die vielleicht nicht ausreichen“.

Die Zeitkomponente sei sehr wichtig: „Im Moment haben wir eine sehr, sehr gute Chance, die einstweilige Verbreitung dieses Virus deutlich aufzuhalten.“ In den wärmeren Monaten werden laut Drosten noch helfende Effekte dazukommen: „Die Wärme im Sommer, UV-Strahlen und die Tatsache, dass Leute vermehrt draußen sind und sich weniger aneinander infizieren können.“

In der zweiten Jahreshälfte müsse man sich dann aber in Europa darauf einstellen, dass es wieder kälter werde und dieser Zusatzeffekt wegfalle, sagte Drosten. „Die Zeit, die wir bis dahin gewonnen haben, dürfen wir nicht vertrödeln.“ Bis dahin müssten bestimmte Entscheidungen und Investitionen erfolgen: Personalpläne anpassen, bestimmte Geräte kaufen für schwerkranke Fälle, „die man sonst in dieser Zahl nicht vorhält“. Auch die Industrie müsse sich auf den Bedarf bestimmter Produkte einstellen. Die Politik müsse nun schon entsprechend planen.

Virus vermehrt sich im Rachen

Das Virus vermehre sich im Rachen. Während ein Infizierter spreche oder huste, gebe er Tröpfchen von sich. „Die fliegen vielleicht so 1,5 Meter weit und fallen relativ schnell zu Boden. Es ist das Einatmen einer solchen Wolke, die einen infiziert in den meisten Fällen.“ Im Moment sei das Risiko, bei einem Kratzen im Hals eine Covid-19-Erkrankung zu haben, in Deutschland „unglaublich klein“.

„Nur in Kontaktsituation gibt es ein reales Risiko“, sagte Drosten - wenn man etwa mit einem Infizierten so etwa eine Viertelstunde gesprochen habe. Dann solle man bei Erkältungssymptomen beim Arzt anrufen, der dann je nach Region entscheidet, was zu tun ist. Wenn es zu einer weiteren Verbreitung gekommen sein sollte, in zwei oder drei Monaten, dann müsse sich jeder bei Erkältungssymptomen testen lassen.

Drosten möchte eine zweite Ansteckung desselben Menschen biologisch nicht komplett ausschließen. „Aber ich halte es für extrem selten.“ Vielleicht sind das auch Menschen die einfach nie ganz frei von den Viren gewesen seien. Es werde frühestens im Sommer nächsten Jahres einen Impfstoff geben.