Wie schnell breitet sich die neue Corona-Variante Omikron aus? Sind die Krankheitsverläufe wirklich schwerer? Und wie gut wirken die Impfstoffe noch? dpa/Michael Buholzer/KEYSTONE

Nach ersten Nachweisen der Omikron-Variante in Deutschland und ihrer Einstufung als besorgniserregend durch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) ist die Aufregung groß. Wie schnell breitet sich die neue Corona-Variante aus? Sind die Krankheitsverläufe wirklich schwerer? Und wie gut wirken die Impfstoffe noch? Viele Fragen, viele Antworten – der KURIER klärt auf.

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Wie viele Corona-Varianten gibt es?

Experten gehen davon aus, dass es weltweit mehr als 1500 Mutationen des Corona-Virus gibt. Längst nicht alle haben sich durchgesetzt oder sind bekannt geworden. Die meisten sind absolut unbedeutend, andere stehen unter Beobachtung der Weltgesundheitsorganisation. Zu den wirklich wichtigen Varianten, den „Variants of Concern“ der WHO, zählen die bei uns auch bekannten. Ein Überblick:

Alpha (B.1.1.7): Diese Corona-Variante war im Herbst 2020 in Großbritannien aufgetreten. Das Virus galt als hoch ansteckend, die Reproduktionszahl des Virus sowie die Viruslast (die Menge der Viren) hatten sich noch weiter erhöht. Alpha dominierte im Frühjahr 2021 das Geschehen in Europa.

Beta (B.1.351): Aus Südafrika kam die Beta-Variante zu uns herüber.

Gamma (P.1): Diese Variante breitete sich vor allem in Brasilien aus.

Delta (B.1.617.2): Diese Corona-Variante kommt aus Indien. Sie setzte sich zunächst in Großbritannien durch und ist noch einmal um 40 bis 60 Prozent ansteckender als die Alpha-Variante. Seit dem Sommer gilt sie als dominierende Variante in Deutschland.

Omikron (D614G): Seit Ende November spukt nun die Omikron-Variante auch durch Deutschland. Auch in Berlin gibt es nachgewiesene Fälle. Darüber wie ansteckend und tödlich die neue Varianten ist, wird derzeit noch gerätselt. Ein paar Antworten gibt es aber schon.

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Warum mutiert das Corona-Virus überhaupt?

Ravindra Gupta, klinischer Mikrobiologe an der University of Cambridge, erklärte bereits im Frühjahr: „Das Virus wird noch einige seltsame, unerwartete Dinge tun.“ Denn mit den Mutationen bewirkt das Virus eine immer schnellere Ansteckung und eine noch größeren Verbreitung.

Dabei spielt auch der sogenannte Selektionsdruck eine Rolle. Das bedeutet: Wo schon eine gewisse Immunität in der Bevölkerung herrscht oder ein Großteil der Menschen bereits geimpft ist, haben jene Virus-Varianten einen Vorteil, die das Immunsystem nicht erkennt, sogenannte Escape-Mutanten wie die Omikron-Variante.

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Wie mutiert das Corona-Virus? Was bedeutet Mutation überhaupt?

Coronaviren besitzen mit etwa 30.000 Basen das größte Genom aller RNA-Viren. Bei einer Infektion docken sie an Zellen an, schleusen ihre RNA ein und zwingen die Zellen, in kürzester Zeit Millionen neuer Viren zu produzieren. Dabei entstehen Kopierfehler, Mutationen genannt. Ganz wichtig ist dabei das sogenannte Spike-Protein, das wie kleine Kronenzacken auf der Oberfläche des Virus angeordnet ist.

Die Alpha-Variante hatte bereits 17 Mutationen, davon acht am Spike-Protein. Bei der Omikron-Variante sind von insgesamt etwa 1270 Bausteinen des Spike-Proteins sogar schon 32 verändert, erklärt der Berliner Molekularbiologe Emanuel Wyler, der sich mit der Erbgutsequenz der Omikron-Variante befasst.

Bei der Corona-Variante Omikron sind die Spike-Proteine stark verändert.  imago images/Christian Ohde

Sie neue Mutationen immer auch gefährlicher?

Nein, sind sie nicht. „Es gibt keinen Druck für das Virus, tödlicher zu werden, weil Tote den Erreger ja nicht mehr übertragen“, sagte Richard Neher, Leiter der Forschungsgruppe Evolution von Viren und Bakterien an der Universität Basel, bereits vor einem Jahr bei Zeit online.

Allerdings gibt es nach Meinung von Forschern durchaus einen breiten Spielraum zwischen harmlos und tödlich. „Der Selektionsdruck des Virus dürfte eher dazu führen, dass es sich effizienter überträgt“, sagte Neher. „Das geht per se weder mit mehr noch mit weniger Gefährlichkeit einher.“

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Ist die Omikron-Variante wirklich ansteckender?

Vermutlich handelt es sich bei der Omikron-Variante um eine sogenannte Escape-Mutation. Sie unterscheidet sich an 50 Stellen vom Urtyp und hat sich mit hoher Wahrscheinlichkeit in einem Menschen mit einer Immunschwäche entwickelt. Das Problem bei Escape-Varianten ist allerdings, dass das Immunsystem sie nicht erkennt.

Denn das Spike-Protein ist wesentlich verändert. Vor allem in Regionen, die von Antikörpern erkannt werden, wurden zentrale Aminosäuren ausgetauscht. Das bedeute, dass Antikörper das Virus nicht mehr so gut erkennen können. Und das wiederum bietet eine höhere Chance für die Omikron-Variante, sich auch unter Geimpften und Genesenen auszubreiten und von ihnen übertragen zu werden.

Bei der Delta-Variante dauerte es im Frühsommer 2021 drei Monate von der ersten nachgewiesene Ansteckung bis zur Vorherrschaft. Die erste Ansteckung mit der Omikron-Mutation wurde in Europa Mitte November in den Niederladen nachgewiesen.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) teilte am Freitag mit, dass noch kein Todesfall im Zusammenhang mit Omikron gemeldet worden sei. Südafrikanische Experten wiesen aber auf einen deutlichen Anstieg der Krankenhauseinweisungen kleiner Kinder wegen Corona-Infektionen sowie auf ein deutlich höheres Risiko einer Wiederansteckung hin. Die Zusammenhänge und die Gefährlichkeit von Omikron sind jedoch weiter unklar.

Ist bei einer Ansteckung mit der Omikron-Variante ein schwerer Verlauf zu erwarten?

Die Vorsitzende des südafrikanischen Ärzteverbands, Angélique Coetzee, berichtet über zwar ungewöhnliche, aber milde Symptome: leichte Muskelschmerzen, ein kratziger Hals und trockener Husten, kein Geschmacks- oder Geruchsverlust. „Ihre Symptome waren so anders und milder als die, die ich zuvor behandelt hatte“, sagte sie. „Die Patienten klagen meist über einen schmerzenden Körper und extreme Müdigkeit, und wir sehen es bei der jüngeren Generation, nicht bei den älteren Menschen“, erzählte Coetzee auch.

Doch ist das Virus wirklich so harmlos, wie es die Aussagen aus seinem Herkunfts-Land Südafrika vermuten lassen?

Das ist schwierig einzuschätzen, da dort kaum ältere Menschen betroffen sind. In Südafrika sind nur 5,5 Prozent der Menschen 65 Jahre und älter, in Deutschland fast 22 Prozent. Wie schwer die Verläufe also bei den Älteren und chronisch Kranken sind, lässt sich bisher schlecht abschätzen. Mut machen die Schilderungen der südafrikanischen Ärztin aber allemal.

Die als besorgniserregend eingestufte Corona-Variante Omikron wurde auch in Deutschland bereits mehrfach nachgewiesen.  imago images/Bihlmayerfotografie

Welche Impfung bietet den besten Schutz gegen die Omikron-Variante?

Eine neue Nature-Studie erbrachte eine interessante Erkenntnis: Im Modell ergab eine Kombination aus genesen und geimpft die beste Immunantwort. Diese wirkte auch gegen eine mögliche zukünftige Variante von Sars-CoV-2 mit noch mehr Veränderungen als Omikron. Wer also geimpft ist und sich zudem ansteckt, ist so gut wie auf der sicheren Seite.

Jüngst erst hatte auch Christian Drosten in seinem Podcast gesagt: Wenn nahezu 100 Prozent der Menschen geimpft seien – in jüngeren Altersgruppen 90 Prozent –, könnte eine „Nach-Durchseuchung“ sinnvoll sein, da die allermeisten Geimpften nach einer Infektion mit Sars-CoV-2 nicht mehr als eine Erkältung durchmachen.

Brauchen wir einen neuen Impfstoff gegen die Omikron-Variante?

Biontech-Chef Ugur Sahin geht davon aus, dass wegen der Omikron-Mutante ein neuer Covid-19-Impfstoff nötig sein wird. Ich glaube grundsätzlich, dass wir ab einem bestimmten Zeitpunkt einen neuen Impfstoff gegen diese neue Variante benötigen werden", sagte Sahin auf der Konferenz „Reuters Next“. Die Frage sei, wie dringend dieser benötig werde. „Ein neues Vakzin zu entwickeln könnte relativ schnell gehen, aber die Entwicklung ist sehr komplex, verläuft in vielen Schritten und dauert etwa 100 Tage.“