Im Pandemiewinter ist es ratsam, Vitamin D zu nehmen. Es stärkt die Abwehrkraft und senkt das Infektionsrisiko. Foto: imago images/Panthermedia

Ein Vitamin, das preisgünstig in jedem Drogeriemarkt erhältlich ist, soll gegen Corona helfen. Das klingt zu einfach, um wahr zu sein. Und tatsächlich ist es nicht lupenrein wissenschaftlich belegt. Doch nach einigem Hin und Her in der Fachwelt gibt es nun eine Art inoffiziellen Konsens. Und der lautet: Im Pandemie-Winter 2020/21 ist es für Erwachsene sicherlich förderlich, regelmäßig Vitamin-D-Präparate einzunehmen. Denn das Vitamin, das eigentlich eine Hormon-Vorstufe ist und mithilfe von UV-Licht in der Haut aus einer Cholesterinvariante gebildet wird, kann dabei helfen, Sars-CoV-2 abzuwehren. Ganz wichtig jedoch: Das Motto „Viel hilft viel“ trifft in dieser Sache überhaupt nicht dazu. Eher schon der Spruch „Allzu viel ist ungesund“.

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Zu den Befürwortern einer solchen Nahrungsergänzung (Supplementation) in moderater Dosis zählt zum Beispiel Carmen Scheibenbogen, Leiterin der Immundefekt-Ambulanz am Institut für Medizinische Immunologie der Charité Berlin. Sie empfiehlt das Vitamin Erwachsenen hierzulande in einer Dosierung von 800 bis 1000 Internationalen Einheiten (I.E.) täglich – und verweist auf diverse Studien, die gezeigt haben, dass unter denjenigen Menschen, die positiv auf Sars-CoV-2 getestet wurden, besonders viele mit niedrigen Vitamin-D-Konzentrationen im Blut sind. „Die aktuelle Datenlage macht es sehr wahrscheinlich, dass Vitamin D die Abwehrkraft verbessert und das Corona-Infektionsrisiko senkt“, sagt die Professorin.

Vor allem Senioren mangelt es häufig an Vitamin D

Da man zugleich wisse, dass in unseren Breiten viele Menschen im Herbst und Winter einen Mangel an Vitamin D entwickeln, findet sie es vertretbar, im Angesicht der Pandemie die Tabletten – die für einen Monat teils weniger als zwei Euro kosten – pauschal zu empfehlen. „Schließlich ist die Einnahme quasi nebenwirkungsfrei, solange man das Vitamin nicht überdosiert“, sagt Carmen Scheibenbogen.

Die Daten sind inzwischen so gut, dass man nicht noch mal ein oder zwei Jahre ins Land gehen lassen sollte, um kontrollierte Studien abzuwarten.

Carmen Scheibenbogen, Institut für Medizinische Immunologie, Charité Berlin

Fachgesellschaften wie die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) halten sich mit pauschalen Empfehlungen hingegen zurück. „Weil Vitamin-D-Mangel aber im Alter weitverbreitet ist, sprechen wir uns bei immobilen, ans Haus gebundenen Senioren mit fehlender Sonnenlichtexposition für eine Supplementation mit 800 I.E. Vitamin D pro Tag aus“, sagt DGE-Referentin Silke Restemeyer.

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Um die Wirkung zweifelsfrei nachzuweisen, bräuchte es eigentlich eine beobachtende Studie, in der eine Gruppe von Probanden Vitamin D einnimmt, eine Kontrollgruppe ein Placebo erhält und in der auch die betreuenden Ärzte nicht wissen, wer zu welcher Gruppe gehört, und die Teilnehmer nach dem Zufallsprinzip verteilt werden. Prospektiv, randomisiert und placebokontrolliert nennen sich solche Untersuchungen, die den höchsten Grad an wissenschaftlicher Evidenz bieten. Carmen Scheibenbogen räumt ein, dass derartige Studien fehlen. Sie sieht die Angelegenheit aber pragmatisch: „Die Daten sind inzwischen so gut, dass man nicht noch mal ein oder zwei Jahre ins Land gehen lassen sollte, um kontrollierte Studien abzuwarten“, findet sie.

Warnung vor Überdosierung bei Vitamin D

Anders hingegen bewertet die Immunologie-Professorin die Datenlage zu der Frage, ob Vitamin-D-Supplementation Covid-19-Erkrankungen abmildern kann. Zwar gebe es einige Studien, die zeigen, dass Patienten, die schwere Infektionsverläufe haben, niedrige Vitamin-D-Werte im Blut aufweisen. Es sei aber auch möglich, dass dieser Vitaminmangel eine Folge der schweren Covid-19-Erkrankung ist – nicht aber ursächlich dazu beigetragen hat.

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Ähnlich urteilt der Pharmakologe und Ernährungsexperte Martin Smollich von der Universität Lübeck, der sich unter anderem in seinem Ernährungsmedizin-Blog mit dem Thema befasst hat. „Obwohl aktuell weltweit randomisiert-kontrollierte Interventionsstudien zur Anwendung von Vitamin D bei Covid-19-Patienten laufen, teilweise sogar mit extrem hohen Dosierungen, gibt es bisher keinerlei aussagekräftigen Daten zur Wirksamkeit“, sagt der Professor.

Als regelrecht gefährlich betrachtet er die Initiativen einzelner Forscher, die dafür plädieren, allen Covid-19-Patienten pauschal hochdosiertes Vitamin D in Mengen von 50.000 bis 300.000 I.E. zu verabreichen. Denn zu den potenziellen Nebenwirkungen dieser Megadosen gehören Nierenverkalkungen und Nierenversagen sowie Störungen des Herz-Kreislauf-Systems. Ausgerechnet Nieren, Herz und Blutgefäße sind bei Covid-19 ohnehin gefährdet, weil die Infektion auffallend häufig zu entzündlichen Prozessen in diesen Organen führt.

Vitamin-D-Mangel erhöht die Infektionsgefahr

Dass Vitamin D jedoch einen Beitrag zur Prävention von Sars-CoV-2-Infektionen leisten kann, hält auch Smollich für plausibel. „Die physiologische Bedeutung von Vitamin D für ein funktionierendes Immunsystem ist gut erforscht und völlig unstrittig“, sagt er. Er geht allerdings davon aus, dass sich vor allem dann ein Effekt einstellt, wenn Menschen unterversorgt mit dem Vitamin sind – und verweist auf bisherige Studien dazu: „Zur Prävention von grippalen Infekten, von viralen Atemwegserkrankungen und auch von Influenza ist eine Vitamin-D-Supplementation nur dann wirksam, wenn vorher ein Vitamin-D-Mangel bestand“, sagt Martin Smollich.

Als optimale Vitamin-D-Konzentrationen gelten dem Experten zufolge Werte von 30 bis 50 Nanogramm 25-Hydroxy-Vitamin-D pro Milliliter Blutplasma. Eine im September im Fachmagazin „Plos One“ veröffentlichte Studie aus den USA zeigte zum Beispiel, dass sich Menschen mit niedrigem Vitamin-D-Spiegel offenbar häufiger mit Sars-CoV-2 infizieren als diejenigen, die gut mit dem Vitamin versorgt sind. Die Forscher um Michael Holick von der School of Medicine der Boston University hatten für ihre Arbeit Daten von mehr als 190.000 Amerikanern ausgewertet, bei denen im Jahr vor der Pandemie der Vitamin-D-Spiegel bestimmt worden war.

Im Zeitraum von Mitte März bis Mitte Juni steckten sich rund 39.000 Menschen aus diesem Kollektiv mit Sars-CoV-2. Dabei fiel auf: In der Gruppe, bei der der Vitamin-D-Level unter 20 Nanogramm pro Milliliter lag, infizierten sich 12,5 Prozent, bei Plasmawerten zwischen 30 und 34 waren es 8,1 Prozent und bei Werten über 55 sogar nur 5,9 Prozent.

Die Studie ist eindrucksvoll. Martin Smollich wünscht sich dennoch mehr Evidenz, um Vitamin D guten Gewissens als Corona-Schutzfaktor zu empfehlen. Darüber hinaus befürchtet er, dass sich einige Menschen durch die Einnahme der Vitamine immun fühlen könnten und andere Schutzmaßnahmen wie Masken vernachlässigen. „Selbstverständlich bietet Vitamin D keinen hundertprozentigen Schutz vor der Infektion. Es kann dem Körper bestenfalls helfen, die Viren besser abzuwehren“, sagt der Pharmakologe.

Vor allem für Menschen mit Vorerkrankungen wie Diabetes und Bluthochdruck können Mengen von mehr als 4000 I.E. pro Tag sehr gefährlich sein.

Martin Smollich, Institut für Ernährungsmedizin, Universität Lübeck

Ihm wäre es grundsätzlich lieber, wenn zunächst beim Hausarzt der Vitamin-D-Spiegel bestimmt würde, um festzustellen, ob ein Mangel vorliegt und wie groß er gegebenenfalls ist. „Gravierende Mängel, wie sie zum Beispiel auch bei starkem Übergewicht nicht selten sind, lassen sich nämlich nicht mit niedrigen Vitamindosierungen beheben“, gibt der Pharmakologe zu bedenken. Allerdings kann er die pragmatische Sichtweise der Charité-Immunologin Scheibenbogen nachvollziehen und hat darum in der jetzigen Situation nichts gegen eine unspezifische Supplementation, wie er es nennt. Anders als Carmen Scheibenbogen, die eine Dosis von 800 bis 1000 Internationalen Einheiten (I.E.) empfiehlt, findet er bei der Dosierung einen Spielraum von 800 bis 2000 I.E. pro Tag angemessen.

Vor größeren Mengen Vitamin D warnen jedoch beide Experten eindringlich. „Vor allem für Menschen mit Vorerkrankungen wie Diabetes und Bluthochdruck können Mengen von mehr als 4000 I.E. pro Tag sehr gefährlich sein. Dadurch riskieren sie Schäden an Herz und Nieren“, sagt Smollich.

In welchem Ausmaß Vitamin D gegen Corona helfen kann, ist allerdings unklar. „Es wäre unseriös, dazu Aussagen zu treffen“, sagt Smollich. Daten des Robert-Koch-Instituts zur Vitamin-D-Versorgung in Deutschland helfen vielleicht, die Macht des Vitamins ein wenig einzuordnen. So ergab eine Studie zur Gesundheit von Erwachsenen, dass unter den 18- bis 79-Jährigen hierzulande im Winter 52 Prozent mangelhaft und 30 Prozent suboptimal mit Vitamin D versorgt sind. Im Sommer liegt bei nur bei acht Prozent ein veritabler Mangel und bei rund 25 Prozent eine suboptimale Versorgung vor. Verbesserungsbedarf besteht also auf alle Fälle.