Die Bewohnerin eines Altenzentrums im Corona-Hotspot Heinsberg. Foto: Jonas Güttler/dpa

Die Bemühungen, die Corona-Pandemie in Deutschland einzudämmen und zu verlangsamen, werden immer intensiver. Seit dem gestrigen Dienstag schätzt das Robert-Koch-Institut die Gefährdung der Bevölkerung als hoch ein.

Mit vielen der getroffenen Schutzmaßnahmen haben die Akteure, die für die öffentliche Gesundheit zuständig sind, vor allem die Bevölkerungsgruppe der Senioren und Hochbetagten im Blick. Denn wenn sie erkranken, ist die Wahrscheinlichkeit für einen schweren Verlauf der neuen Lungenkrankheit Covid-19 besonders hoch.

Nach Angaben des Robert-Koch-Instituts ist die Infektion mit dem neuartigen Coronavirus Sars-CoV-2 bei 80 Prozent der Betroffenen mild, manchmal sogar symptomlos. In 20 Prozent der Fälle ist es jedoch nicht mit Halskratzen, Husten, leichtem Schnupfen und etwas Fieber abgehakt.

Schwaches Immunsystem

Daten aus China zeigen, dass knapp 15 Prozent der Infizierten schwere Verläufe aufweisen – also Lungenentzündungen, Atemnot und Sauerstoffmangel im Blut entwickeln. Und gut 5 Prozent der Fälle verlaufen kritisch bis lebensbedrohlich: Bei ihnen kommt es zu Lungenversagen, sogenanntem septischen Schock wie bei einer Blutvergiftung, und dem Versagen mehrerer Organe.

Bestimmte Bevölkerungsgruppen haben ein erhöhtes Risiko für diese schweren Verläufe. Und dazu gehören neben Rauchern und Personen mit Vorerkrankungen – etwa des Herzens und der Lunge – vor allem alte Menschen.

„Das Risiko erhöht sich graduell ab Mitte 50, steigt ab 75 Jahren nochmal deutlich an und ist bei Über-80-Jährigen extrem erhöht“, sagt Hans Jürgen Heppner, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie (DGG) sowie Chefarzt der Klinik für Geriatrie am Helios Klinikum Schwelm und Inhaber des Lehrstuhls für Geriatrie der Universität Witten/Herdecke.

Er macht das am Parameter der Fallsterblichkeit deutlich, die angibt, wie viel Prozent der diagnostizierten Covid-19-Fälle tödlich verlaufen. „Die geschätzte Sterblichkeit liegt hierzulande aktuell im Schnitt bei 3,5 Prozent. Bei Patienten im Alter zwischen 55 und 70 Jahren sind es mehr als 4 Prozent, ab 80 Jahren erhöht sie sich auf 14,8 Prozent“, sagt der Altersmediziner.

Zugleich verweist er darauf, dass diese Zahlen mit äußerster Vorsicht zu betrachten sind. Je nach Entwicklung der Infektionswelle seien sie einem sehr dynamischen Prozess unterworfen.

Ein schwaches Herz steckt die Erkrankung schlechter weg

Wie der Experte erläutert, kommt es natürlich vor allem auf den individuellen Gesundheitszustand an, der auch bei 80-Jährigen noch fabelhaft sein kann. Trotzdem ist das Alter an sich ein Risikofaktor. „Im Laufe der Zeit kommt es zur sogenannten Immunseneszenz. Dann funktioniert die Infektabwehr langsamer und schwächer als bei jüngeren Patienten. Grundsätzlich sind Senioren also anfälliger für Infektionen, insbesondere auch akute Atemwegsinfekte“, sagt Heppner.

Darüber hinaus sind viele ältere Menschen aber auch chronisch krank – und das macht sie noch gefährdeter. „Vor allem Erkrankungen der Atemwege wie Asthma und die Lungenkrankheit COPD, aber auch Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems erhöhen das Risiko für einen schweren Verlauf von Covid-19“, sagt der Geriater. Das liegt daran, dass Atemnot und Lungenentzündungen oft Stress für Herz und Kreislauf bedeuten. „Den steckt ein ohnehin schon schwaches Herz oder eines mit defekten Herzklappen schlechter weg“, sagt Heppner.

Weitere Risikofaktoren seien schwere Nierenerkrankungen – weil dann die Entgiftung weniger gut funktioniert und Medikamente vorsichtiger dosiert werden müssen. Bei Diabetikern komme es sehr darauf an, wie gut ihr Blutzuckerspiegel behandelt sei und welche weiteren Erkrankungen sie haben.

Zunächst bis Ostern

Keine Frage also, Senioren und Hochbetagte müssen sich in diesen Zeiten besonders gut schützen. Doch was bedeutet das konkret? Wenn es um den anstehenden Geburtstag der Großmutter geht oder eine lange geplante Familienfeier, fällt es schwer, Entscheidungen zu treffen.

Noch Ende vergangener Woche gab die Deutsche Gesellschaft für Geriatrie eine Pressemitteilung heraus, in der es hieß, „Oma und Opa dürfen weiter besucht werden“ und „niemand wird weggesperrt“. Angesichts der Dynamik der Epidemie hierzulande korrigiert Heppner nun jedoch diese Ansage. „In den nächsten Wochen sollten Oma und Opa nur dann besucht werden, wenn es unbedingt notwendig ist“, sagt er.

Zunächst für die Zeit bis Ostern hält er es nun für geboten, sehr auf Distanz zu gehen (siehe Hinweise). Ob diese Karenzzeit noch einmal verlängert werden müsse, sei schwer absehbar. Heppner: „Bestenfalls zeigen die jetzt getroffenen Maßnahmen dann schon Wirkung und das Leben kann sich nach Ostern allmählich wieder normalisieren.“

Die wichtigsten Hinweise für die nächste Zeit

·         Besuch: Senioren sollten die Zahl der Personen, die sie besuchen kommen, stark limitieren – und zwar so, dass alle untereinander zwei Meter Abstand halten können. Die Besuchszeit sollte nicht zu lange ausfallen und zum Beispiel nicht mehr als 45 Minuten betragen.

·         Heime: Senioren- und Pflegeeinrichtungen haben bereits Regeln für Besuche getroffen oder Besuche ganz untersagt. Angehörige sollten sich danach erkundigen und daran halten. Vor allem mit Erkältungssymptomen sollte man diese Einrichtungen nicht betreten.

·         Kommunikation: Innerhalb der Familie kann man jetzt andere Kommunikationswege erproben – etwa Videotelefonate per Tablet-Computer oder Smartphone.

·         Feste: Bis einschließlich Ostern sollten Familienfeste abgesagt und auf etwaige Gottesdienstbesuche verzichtet werden.

·         Haushalt: Bei pflegebedürftigen Senioren, die im häuslichen Umfeld von Familienmitgliedern versorgt werden, sollte penibel auf Schutzmaßnahmen geachtet werden, etwa Händehygiene und Räume regelmäßig lüften.

·         Physiotherapie-Termine, die nicht zwingend notwendig sind, sollten für die nächsten zwei Wochen abgesagt werden. Für medizinisch dringend erforderliche Behandlungen ist es ratsam die Praxis telefonisch zu konsultieren und um Termine zu bitten, bei denen das Wartezimmer nicht voll ist. Gleiches gilt für Zahnarzt- und andere verschiebbare Arzttermine.

·         Einkäufe von Nachbarn oder Angehörigen erledigen lassen – im Zweifelsfall die Tasche nur bis vor die Tür bringen lassen. Senioren, die selbst einkaufen gehen wollen, sollten Stoßzeiten vermeiden, Abstand zu anderen halten und nach dem Kontakt mit Einkaufswagen und Co. die Hände gründlich waschen oder noch unterwegs mit Desinfektionsgel behandeln.

·         Öffentliche Verkehrsmittel: Wege mit Bussen und Bahnen soweit es geht einschränken, Stoßzeiten meiden, Abstand einhalten.

·         Ambulante Pflegedienste: Senioren, die von ambulanten Pflegediensten versorgt werden, sollten darauf achten, dass das Personal Schutzausrüstung wie Handschuhe trägt und sich an die Hygieneregeln hält.

·         Pneumokokken-Impfung: Der Schutz vor Pneumokokken sollte unbedingt sein. Er ist wichtig, da bei geimpften Patienten eine Lungenentzündung mit deutlich milderen Symptomen verläuft als bei nicht geimpften. Denn ähnlich wie bei der Influenza ist auch beim Coronavirus nicht immer das Virus an sich, sondern die sich daraus entwickelnde zusätzliche Lungenentzündung am Ende fatal. Dabei spielen Pneumokokken sehr häufig eine Rolle.

·         Die Grippeimpfung kann man jetzt noch nachholen. Allerdings ist die Welle dieser Saison bald vorbei und vielerorts kein Impfstoff mehr vorhanden. Für den Herbst vormerken!

·         Spaziergänge an der frischen Luft sind gut. Sie trainieren die Immunabwehr.