Das Verbot von Menthol-Zigaretten gilt ab dem 20.Mai 2020 europaweit. Foto: imago images/Petra Schneider

Niemand steht so für die Menthol-Zigarette wie Helmut Schmidt. Schon 2013, ein Jahr bevor in der EU das Verbot der Menthol-Zigaretten beschlossen wurde, verbreitete der damalige SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück die Legende, dass der Altkanzler 200 Stangen seiner Stammmarke Reyno im Keller seines Hauses in Hamburg gehortet habe - aus Angst, seine geliebten Glimmstängel bald nicht mehr zu bekommen.

Ohne Menthol-Zigaretten war Deutschlands wohl berühmtester Raucher bis zu seinem Tod 2015 nie zu sehen. Zwei Schachteln pro Tag rauchte er im Schnitt - auch an Orten, an denen es nicht erlaubt war. Noch lange nach seinem Tod wurden immer wieder Reyno-Schachteln auf seinem Grab gefunden.

Ab Mittwoch  haben Raucher mit Vorliebe für Menthol-Zigaretten und ohne Vorrat ein Problem: Dann tritt in der EU endgültig ein Verkaufsverbot für ausnahmslos alle Zigaretten und Drehtabak mit charakteristischen Aromen in Kraft. Es ist das Ende einer vierjährigen Übergangsphase für Produkte mit einem höheren Marktanteil als drei Prozent. In Deutschland betrifft das laut einer Studie von 2016 immerhin 2,1 Prozent der Raucher, wie aus einer Studie in der Fachzeitschrift „TID“ („Tobacco Induced Diseases“) hervorgeht. In anderen EU-Staaten wie Polen ist die Quote deutlich höher.

Ende schon vor sechs Jahren besiegelt

Die Geschichte von Schmidts Zigarettenvorrat bewahrheitete sich letztlich doch nicht. „Entsprechend dem berühmten Schmidt-Zitat „Willen braucht man – und Zigaretten“ haben wir in der Tat im Haus im Neubergerweg zwar einen reichhaltigen Fundus an Zigaretten und Schnupftabak-Dosen gefunden“, sagt Ulfert Kaphengst von der Bundeskanzler-Helmut-Schmidt-Stiftung, die den Privatbesitz von Helmut und Loki Schmidt inventarisiert. „Allein die „200 Stangen im Keller“ suchen wir noch vergeblich.“

Nun geht es den Menthol-Kippen also an den Kragen. Besiegelt wurde ihr Ende allerdings schon vor sechs Jahren als die EU-Tabakrichtlinie nach mühsamen Verhandlungen verabschiedet wurde. 2016 traten die Regeln dann in Kraft. Seitdem müssen auch zwei Drittel der Vorder- und Rückseite von Zigarettenschachteln und Drehtabakverpackungen für Schockbilder und aufklärende Warnhinweise reserviert sein. Ziel der Regeln ist, die Raucherquote von Jugendlichen zu senken und „Fälle der vorzeitigen Sterblichkeit“ zu reduzieren.

Aber was ist so schlimm an Menthol-Zigaretten? „Das größte Problem an dem Menthol ist, dass es eine kühlende und schmerzlindernde, leicht betäubende Wirkung hat“, sagt Katrin Schaller von der Stabsstelle Krebsprävention des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) in Heidelberg. Dies führe dazu, dass der normalerweise kratzige Rauch leichter zu inhalieren sei. Das mache Menthol-Zigaretten vor allem für Rauch-Neulinge attraktiv.

Nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sterben weltweit jährlich acht Millionen Menschen vorzeitig an den Folgen von Zigarettenkonsum. Aus gesundheitspolitischer Sicht sei das EU-Verbot also zu begrüßen, sagt Schaller.

Raucherquote der 12- bis 17-Jährigen stark gesunken

Jan Mücke spricht hingegen von einer „bedauernswerten Entscheidung“ und einer „willkürlichen Regulierung“ auf EU-Ebene. Er selbst sei Mentholraucher und habe unterm Schreibtisch einen Vorrat angelegt, sagt der Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands der Tabakwirtschaft und neuartiger Erzeugnisse. Die Begründung für das Verbot überzeugt ihn nicht. Die Quote rauchender Kinder und Jugendlicher gehe schließlich seit Jahren zurück - trotz Menthol-Zigaretten .

Tatsächlich ist die Raucherquote der 12- bis 17-Jährigen laut Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung seit 2001 von 27,5 auf 6,6 Prozent 2018 gesunken. Der Anteil jugendlicher Nichtraucher war nie größer. Auch das Argument, das Menthol erleichtere das Inhalieren des Rauchs, hält Mücke nicht für hinreichend belegt. Kinder- und Jugendschutz habe für seine Branche absolute Priorität, betont er.

Das Verbot von Menthol-Zigaretten bedeutet aber nicht, dass Raucher künftig auf Zigaretten mit Menthol-Geschmack verzichten müssen. So weist ein Händler auf seiner Internetseite darauf hin, dass diverse Hersteller mit Nachfolgeprodukten in den Startlöchern stünden. Das deutsche Unternehmen Reemtsma etwa setzt seit April auf Aromakarten. Diese müssen einem Sprecher zufolge mindestens eine Stunde in die Zigarettenschachtel gesteckt werden, um ihr Aroma abzugeben. Reemtsma nimmt am Mittwoch vier Zigarettensorten aus dem Sortiment. Einen gestiegenen Absatz der Menthol-Zigaretten habe das Unternehmen zuletzt nicht gespürt, sagt der Sprecher.