Gesundheitsminister Jens Spahn (rechts) und Lothar Wieler vom RKI. Foto: Tobias Schwarz/Pool Photo via AP

Nach einem sprunghaften Anstieg bei den Corona-Neuinfektionen hat das Robert-Koch-Institut (RKI) vor einer unkontrollierten Verbreitung des Virus in Deutschland gewarnt. Es sei "möglich, dass wir mehr als zehntausend neue Fälle pro Tag sehen und dass sich das Virus unkontrolliert verbreitet", sagte RKI-Präsident Lothar Wieler am Donnerstag in Berlin. Auch Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) zeigte sich besorgt und rief zur Einhaltung der Abstands- und Hygieneregeln auf. 

An den Infektionszahlen beispielsweise in Berlin könne man sehen, was bei einem sorglosen bis hin zu „ignorantem Verhalten“ passiere, sagte der Minister.

Die Zahl der gemeldeten Neuinfektionen ist dem RKI zufolge von Mittwoch auf Donnerstag auf 4058 gestiegen. Am Mittwoch hatte die Zahl noch bei 2828 gelegen. Derzeit sei unklar, "wie sich die Lage in Deutschland in den nächsten Wochen entwickeln wird", sagte Wieler. Er hoffe aber, "dass wir es schaffen, die Infektionen auf einem Level zu halten, mit dem wir umgehen können".

Wieler äußerte zugleich die Befürchtung, dass sich wieder mehr ältere Menschen infizieren könnten. Das Durchschnittsalter der Betroffenen sei im Sommer gesunken und steige jetzt wieder an. Die Zahl der Patienten auf den Intensivstationen liege zwar noch bei 470, habe sich damit in den vergangenen Wochen aber wieder verdoppelt.

Charaktertest für uns als Gesellschaft

Spahn rief eindringlich zur Einhaltung der Hygiene- und Abstandsregeln auf. "Diese Pandemie ist auch ein Charaktertest für uns als Gesellschaft", sagte Spahn auf der Pressekonferenz. "Wenn 80 Millionen mitmachen, sinken die Chancen des Virus gewaltig."

Den Anstieg der Neuinfektionen bezeichnete Spahn als "besorgniserregend". Er wies aber zugleich darauf hin, dass auch die Zahl der Todesfälle und gesunken sei. Deutschland sei "bislang gut durch die Krise gekommen". Es liege nun "an uns allen selbst, ob wir es schaffen, das Erreichte zu sichern", sagte der Minister.

Zurückhaltend äußerte sich der Gesundheitsminister zu der Entscheidung der meisten Bundesländer, Menschen aus inländischen Risikogebiete den Zugang zu Hotels zu verwehren. Er habe zwar Verständnis für die Sorgen der Länder.

Besser als ein solches "Beherbergungsverbot" sei es aber, bei stärkeren Ausbrüchen "vor Ort" zu agieren, um das Infektionsgeschehen einzudämmen.

Klassischer Beginn einer zweiten Welle

Spahn wandte sich auch gegen die Debatte über einen zweiten Lockdown. Es existiere inzwischen viel mehr Wissen über die Ausbreitung. Es gebe im Einzelhandel oder dem öffentlichen Nahverkehr kaum Ausbrüche. Maßnahmen seien hingegen notwendig bei Feiern und Veranstaltungen.

Nach Einschätzung von Kanzleramtschef Helge Braun (CDU) steht Deutschland an der Schwelle zu einer zweiten Corona-Infektionswelle. In einigen Großstädten stiegen die Infektionszahlen "sehr sehr schnell" an, sagte Braun den Sendern RTL und n-tv. "Das heißt, dass die Kontaktnachverfolgung in den Gesundheitsämtern möglicherweise an einigen Stellen nicht mehr funktioniert, und das ist der klassische Beginn einer zweiten Welle."

Der Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Andreas Gassen, bezeichnete den Anstieg im jetzigen Herbst als "nicht wirklich überraschend". Er sagte auf der Pressekonferenz mit Spahn und Wieler: "Wahrscheinlich wird uns Virus dauerhaft begleiten." Das Gesundheitssystem sei aber gut aufgestellt. "Wir sind weit entfernt von einer Überlastung."

Gassen wies zudem darauf, dass der Anteil der positiven Befunde bei allen Getesteten mit rund 1,5 Prozent deutlich niedriger liege als noch vor einigen Monaten. Nach seinen Worten gibt es derzeit rund eine Million Tests pro Woche.

Bundesforschungsministerin Anja Karliczek (CDU) sagte, dass ihr die Entwicklung der Infektionszahlen "wirklich Sorge" bereite. Der Anstieg zeige, "dass wir weltweit und in Deutschland die Pandemie noch lange nicht hinter uns haben", sagte die Ministerin. Sie rief dazu auf, die Corona-Schutzregeln einzuhalten: "Es kann ganz einfach sein, wenn alle mitmachen."