In Deutschland sind nach den letzten verfügbaren Zahlen rund 5000 Kassenarzt-Sitze zu vergeben. Foto: dpa/Patrick Pleul

Um die Frage, ob es in Deutschland genug Ärzte gibt, tobt ein in der Öffentlichkeit kaum bemerkter Krieg. Die Bundesländer sind der Auffassung, dass die Bundesregierung durch eine Reform der Medizinerausbildung auf einen Mangel hinsteuere.

Die Rentnerin Sabine Z. (82) war nach einem milden Schlaganfall kurzatmig. Das Krankenhaus empfahl, einen niedergelassenen Lungenarzt aufzusuchen. Aber es dauerte Monate, bis sie im eigentlich gut mit Ärzten ausgestatteten Berlin einen Termin bekam.

Ein Indiz dafür, dass Deutschland – auch wegen vieler anstehender Pensionierungen –  mehr Ärzte und deshalb mehr Medizin-Studienplätze braucht. Wissenschaftler, die sich mit der Arzt-Versorgung befassen, sprechen von einem notwenigen Plus von 6000 Studienplätzen.

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Das Bildungsministerium von Anja Karliczek (CDU) äußerte sich auf KURIER-Anfrage zu einen möglichen Bedarf neuer Studienplätze und Ärzte gar nicht. Systematische Analysen für den Arztbedarf würden ihm nicht vorliegen, und man möge sich an das Gesundheitsministerium von Jens Spahn (CDU) wenden.

Gesundheitministerium hat keine belastbaren Informationen

Das vermeldet, es habe keine belastbaren Informationen über Pensionierungen in den kommenden fünf Jahren. Es verweist aber darauf, dass Kassenärzte nach den aktuellsten Zahlen im Schnitt knapp gut 54 Jahre alt seien, zehn Jahre zuvor waren es knapp 52 Jahre. Bei den Hausärzten war mehr als ein Drittel über 60 Jahre alt. Bei ihnen habe es nach der letzten Statistik bundesweit 3280 freie Niederlassungsmöglichkeiten gegeben, bei den anderen Fachärzten knapp 2000.

Das ist eine erkennbare Lücke, die noch größer wäre, würde sich Deutschland nicht mit inzwischen über 52.000 ausländischen Ärzten behelfen, fast fünfmal so viele wie 1996.

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Wegen all dem forderte der Vorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Andreas Gassen, dass bis 2035 jährlich 3000 bis 6000 Studienplätze mehr angeboten werden müssten als jetzt, um die ambulante Versorgung auf dem jetzigen Stand zu halten.

Falls nicht, müssten jedes Jahr 3600 ausländische Ärzte aus dem Ausland nach Deutschland ziehen, hatte 2019 eine Studie des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung in der Bundesrepublik Deutschland (ZI) über die Entwicklung bei den rund 370.000 Kassen- und Klinikärzten ergeben, auf der Gassens Forderung beruhte. Auf Nachfrage erklärte das ZI, die Aussagen gälten weitgehend noch heute.

Die Zahlen des Bedarfs variieren, weil niemand weiß, wie viele neue Ärzte beispielsweise in die Forschung oder in die Industrie gehen werden. Darauf weist die Kultusministerkonferenz (KMK) hin.

Weitere Unwägbarkeiten liegen darin, ob sich der Trend fortsetzt, dass Ärzte sich nicht als Selbstständige niederlassen, sondern sich in Praxen anstellen lassen, damit feste Arbeitszeiten anstreben und die Arbeitszeit pro Kopf sinkt.

Die Zahl der Medizinstudienplätze liegt in Deutschland bei knapp 11.400 in staatlichen Universitäten, dazu kommen etwa 1000 in privaten Einrichtungen. Außerdem studieren weit über 7000 junge Deutsche Medizin im Ausland, vorwiegend in Österreich, Ungarn und Polen.

Neue Medizin-Hochschule in Brandenburg

Gegenwärtig bauen mehrere Bundesländer weitere Standorte auf, unter anderem in Augsburg, Bayreuth und Bielefeld. Brandenburg ist dabei, eine eigene medizinische Hochschule mit Zentrale in Cottbus einzurichten, die rund 250 Studienplätze haben soll. In anderen Universitäten würde die Zahl der Plätze aufgestockt. In der Summe könnte 2025 die Zahl von 12.000 staatlichen Medizinstudienplätzen überschritten sein.

Bei der Kultusministerkonferenz und dem Zusammenschluss der medizinischen Hochschulen, dem Medizinischen Hochschultag, sieht man den die Forderung nach mehreren Tausend neuen Studienplätzen kritisch. Mit 200.000 bis 300.000 Euro, die ein einziger Medizinstudienplatz koste, sei die Arzt-Ausbildung die teuerste in Deutschland.

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Von KMK und Fakultätentag wird darauf hingewiesen, dass der hohe Ärztebedarf auch anders gemildert werden könne.

Das beginne damit, dass die Menschen in Deutschland überdurchschnittlich häufig zum Arzt gehen. Das könne man beispielsweise ändern, wenn man skandinavischen Vorbildern folge, die bei Krankheiten erst nach sieben Tagen ein Attest für den Arbeitgeber vorsehen. Im Gegenzug werde der erste Krankheitstag nicht bezahlt.

Bis 2025 wird ein Viertel der Kinderärzte in Rente gegangen sein, prognostiziert ihr Verband, und Nachwuchs sei knapp.
Foto: imago images/Westend61

Es müsse auch überlegt werden, ob einige Untersuchungen, für die bislang ein Arzt verpflichtend ist, auch von Assistenten erledigt werden können.

Weiterhin seien die Vielzahl kleiner Krankenhäuser und die Verteilung der Ärzte über das Land zu hinterfragen. Während es in Berlin Straßen gibt, in denen jedes Haus eine Praxis beherbergt, herrscht auf dem Land Mangel – so kamen Ende 2019 in Berlin 154 Einwohner auf einen Arzt, in Brandenburg 248. Das war der schlechteste Wert aller Bundesländer, besser als Berlin war nur Hamburg mit 135.

Mehrere Bundesländer haben darauf mit Landarzt-Programmen geantwortet. Brandenburg unterstützt künftige Ärzte mit Stipendien, wenn sie sich verpflichten, nach der Facharzt-Zulassung mindestens fünf Jahre in ländlichen Gebieten zu arbeiten. Andere Länder erleichtern entsprechend den Studienzugang, sodass die Abiturnote weniger Gewicht hat.

Heftiger Streit ums Geld

Jenseits dieser Bemühungen tobt seit Jahren Streit zwischen Bund und Ländern um Geld. Denn das teure Medizinstudium dürfte noch teurer werden. Frank Wissing, Generalsekretär des Fakultätentags, rechnet mit bis zu 40.000 Euro mehr, wenn ein von Bund und Ländern vereinbarter „Masterplan Medizinstudium 2020“ zur Verbesserung des Studiums mitsamt mehr Praxisorientierung so umgesetzt wird wie von Spahns Ministerium vorgesehen.

Die Frage des Berliner Kurier, was das in der Summe kostet und wie das finanziert werden soll, beantwortete das  Bundesgesundheitsministerium nicht, sondern verwies auf die Zuständigkeit der Bundesländer für die Hochschulen.

Dabei war der Finanzierungsstreit kürzlich öffentlich geworden. Niedersachsens Wissenschaftsminister Björn Thümler (CDU) kritisierte seinen Parteifreund Jens Spahn. Die zur Realisierung des Masterplans notwendige neue Approbationsordnung aus Spahns Ministerium sei derartig überbürokratisiert, dass das allein in Niedersachsen zu jährlichen Mehrkosten von bis zu 40 Millionen Euro führen würde.

Ein Medizinstudium ist teuer, kostet 200.000 bis 300.000 Euro, und es könnte noch teurer werden. Foto: dpa/Guido Kirchner

Die müssten irgendwo herkommen – oder man müsste die Zahl der Medizinstudienplätze entsprechend senken. Thümler sagte dem Weser-Kurier: „Und das vor dem Hintergrund, dass man vor kurzem in Berliner Regierungskreisen davon gesprochen hat, 5000 Studienplätze mehr zu schaffen. Mit der neuen Approbationsordnung macht man das genaue Gegenteil.“

Thümlers Aussage, er sei sich parteiübergreifend mit seinen Länderkollegen einig, wird von Berlins Wissenschaftsstaatssekretär Steffen Krach (SPD) bestätigt. Spahns Approbationsordnung sei „maximal überreguliert“ und die Finanzierungsfrage ungeklärt.

Die Kostensteigerung würde auch Berlin betreffen, das in der Charité über den eigenen Bedarf Mediziner ausbilde. Die Zahl der Studienanfänger in der Humanmedizin stieg von 669 im Jahr 2016 auf 686 im vergangenen Jahr, gegenwärtig sind 4801 junge Frauen und Männer in dem Studiengang eingeschrieben. Die Charité bekommt 2021 rund 238 Millionen Euro für Forschung, Lehre und Studium, entscheidet über die Verteilung aber selbst.

Pflege-Studium belastet Berlins Haushalt

Die Kosten für die Länder werden durch weitere Vorschläge aus dem Hause Spahn steigen, ohne dass geklärt ist, wie das zu finanzieren ist. Die Verlagerung der Ausbildung für eine Reihe von Gesundheitsberufen an die Hochschulen, wie sie von Bund und Ländern vereinbart wurde, kostet Berlin 2021 allein beim Pflege-Bachelor 3,5 Millionen Euro, die Hebammenstudiengänge würden künftig ähnlich teuer. Berlin stemmt also bereits erhebliche zusätzliche Mittel.

Krach aber warnt: Die geplanten Änderungen gibt es nicht zum Nulltarif, das könne manche Standorte an die Grenze ihrer Leistungsfähigkeit bringen. Bei der Arztausbildung zu sparen und das Studienangebot zurückzufahren, wäre als Ausweg verheerend.

Was die Umsetzung von Vorhaben und deren Finanzierung angehe, lasse Spahn die Länder im Stich. Staatssekretär Krach fordert daher, der Bund müsse sich finanziell beteiligen, um den hohen Qualitätsstandard in der Medizinerausbildung zu halten.