Die Pandemie hat deutliche Auswirkungen auf die Psyche: Die Deutschen sind gestresster und gereizter als noch vor sechs Monaten und klagen öfter über Schlafprobleme. Foto: imago images / Ikon Images

Corona ist überall. Die Infektionszahlen steigen wieder, erneut gibt es Regeln, mit wie vielen Menschen man sich treffen kann. Abends ein Bierchen in der Kneipe zu trinken, geht nicht uneingeschränkt. Corona beeinflusst unseren Alltag massiv. Das geht nicht spurlos an allen vorbei. 

In Deutschland fühlen sich die Menschen deutlich gestresster und erschöpfter als vor der Pandemie. Das belegt eine Studie, in Auftrag gegeben von der Meditations-App Headspace. Etwa 3000 Frauen und Männer im Alter von 16 bis 75 Jahren aus Deutschland, Frankreich und Großbritannien wurden im September zu ihrer mentalen Gesundheit befragt.

66 Prozent der 1100 Studienteilnehmer aus Deutschland sind öfter gereizt und auch öfter wütend (61 Prozent) als noch vor sechs Monaten. Etwa 38 Prozent leiden häufiger an Schlafproblemen. In Großbritannien sind es sogar 70 Prozent, in Frankreich 60. Die Menschen fühlen sich ängstlich und kommen schwerer zur Ruhe.

Das Gefühl, die Kontrolle zu verlieren

„Das Virus stellt eine ‚unsichtbare‘ Bedrohung dar“, sagt Gebhard Hentschel, Psychotherapeut und Vorsitzender der Deutschen Psychotherapeuten-Vereinigung. „Wir sind in der Einschätzung der Gefahren auf die Expertise der Experten und in den Maßnahmen auf die Anordnungen der politischen Entscheider angewiesen. Das bedeutet einen Verlust an Kontrolle, der verunsichern kann“, erläutert Hentschel auf die Frage, wieso uns die Pandemie so in Angst versetzt.

Seiner Einschätzung nach seien die größten Stressfaktoren neben der Ansteckungsgefahr die Veränderungen am Arbeitsplatz, Kurzarbeit und drohender Arbeitsplatzverlust. Das deckt sich mit den Ergebnissen der Studie. Dort gaben einige der Befragten an, durch die Krise in finanzielle Schwierigkeiten geraten zu sein.

Die größte Veränderung im Alltag erleben die meisten dadurch, dass sie ihre Arbeit vom Büro ins Homeoffice verlagern müssen. Hierbei fühlen sie sich allerdings recht gut von ihrem Arbeitgeber unterstützt, gerade was Arbeitsabläufe und auch Fragen zur Hygiene betrifft. Etwa 95 Prozent der Befragten empfinden die Maßnahmen ihrer Arbeitgeber als hilfreich.

Reden hilft

Über ihre mentalen Probleme zu reden, fällt vielen schwer. Die Mehrheit fühlt sich unwohl bei dem Gedanken, die eigene psychische Gesundheit zu thematisieren. Die Auswirkungen auf die Psyche scheinen ein Tabu-Thema zu sein. 55 Prozent der Deutschen haben noch nie mit anderen über ihr mentales Wohlbefinden gesprochen – und wollen dies auch in Zukunft nicht tun.

Wenn sich die Befragten jemandem anvertrauen, dann suchen sie das Gespräch im privaten Umfeld. An erster Stelle steht hier die Familie (69 Prozent), gefolgt vom Freundeskreis (63 Prozent). Das meistgenutzte professionelle Angebot ist der eigene Hausarzt oder Apotheker mit 43 Prozent.

Sich mit Freunden und Familienmitgliedern über stressende Situationen auszutauschen und gemeinsam nach Lösungen zu suchen, kann laut Hentschel helfen, Ängste zu überwinden. Er empfiehlt den Austausch im eigenen Umfeld. „Auch eine feste Tages- oder Wochenstruktur in den Aktivitäten können Halt bieten“, so der Psychotherapeut.

Sich auf das Wesentliche besinnen

Über alle Länder hinweg wollen die Befragten laut der Studie ihrer Psyche etwas Gutes tun. So hat etwa ein Drittel während der Pandemie damit begonnen, regelmäßig zu meditieren (Deutschland: 22 Prozent, Frankreich: 36 Prozent und Großbritannien: 30 Prozent). Auf die Frage, was zu einer Verbesserung des Wohlbefindens in Zeiten von Corona beiträgt, kommen bei den Deutschen Aktivitäten an der frischen Luft an erster Stelle (53 Prozent), gefolgt von Lesen (41 Prozent) und Musik hören (40 Prozent).

Und die Deutschen räumen gerne auf, mit 36 Prozent erreichen sie im Ländervergleich den höchsten Wert diesbezüglich. Die Franzosen kochen lieber (44 Prozent), während die Briten sich eher körperlich fit halten (39 Prozent).

Die Pandemie hat auch positive Auswirkungen: Durch Corona wird der Alltag entschleunigt. Die Befragten konzentrieren sich wieder mehr auf das Wesentliche und lernen, die kleinen Dinge im Leben mehr zu genießen. Für 49 Prozent der Deutschen ist dies der positivste Effekt.

Auf das Beziehungsleben hat die Pandemie bei der Mehrheit kaum einen Einfluss gehabt. Etwa zwei Prozent der Deutschen, Franzosen und Briten gaben bei der Befragung an, ihre Beziehung beendet zu haben. Beeinflusst haben diese Entscheidung Corona und die mit der Pandemie verbundenen Einschränkungen. Bei etwa 10 Prozent habe sich die Beziehung zu ihrem Partner verbessert.