Kinder unter neun Jahren haben so gut wie nie einen schweren Verlauf, sagt Prof. Dr. Harald Matthes.  Foto:  Marijan Murat/dpa

Ab Sonnabend gelten in Berlin neue Maßnahmen zur Bekämpfung der Corona-Pandemie. Prof. Dr. Harald Matthes ist leitender Arzt und Geschäftsführer des Berliner Krankenhauses Havelhöhe. In einem aktuellen Interview mit dem Info3-Verlag sagt der Mediziner über seine grundsätzliche Einschätzung zu vielen der derzeit geltenden Corona-Maßnahmen: „Was ich am meisten kritisiere, ist, dass die Maßnahmen für alle Bevölkerungsteile gleich gelten sollen“.

Dann nennt Matthes ein konkretes Beispiel: „Wenn ich zum Beispiel weiß, dass Kinder unter neun Jahren so gut wie nie einen schweren Verlauf haben und dass es auch keinen Beleg dafür gibt, dass sie ihre Lehrer anstecken, dann muss ich für diese Altersgruppe nicht die gleichen Maßnahmen ergreifen, als wenn ich im Altenheim einen Covid-19-Ausbruch verhindern will.“

In Bezug auf Kinder und Jugendliche bemängelt der Medzinier zudem, dass die Möglichkeit, „dass vielleicht eine Herdenimmunität in der jungen Bevölkerung gegebenenfalls möglich wäre, weiterhin gar kein politisches oder öffentliches Thema“ sei.

"Das Kriterium der Angemessenheit ist mittlerweile verletzt“

Im Sozialen gebe es zudem „kein kategorisches Richtig oder Falsch, sondern hier gilt das Kriterium der Angemessenheit. Und das ist mittlerweile verletzt“. Wenn es in der ersten Phase der Pandemie das Ziel gewesen sei, eine „Überlastung der Intensivkapazitäten zu verhindern und wir jetzt die Erfahrungen haben, dass es in dieser Hinsicht keine Bedrohung war und gegenwärtig auch nicht mehr ist, dann lassen sich die Corona-Maßnahmen in dieser Pauschalität nicht mehr rechtfertigen“.

Es sei ihm zudem „völlig unverständlich, warum Virologen, die ja das Virus untersuchen, immer noch die wesentlichen politischen Maßgaben bestimmen“, obwohl seiner Ansicht nach „die klinische Einschätzung das Entscheidende ist: Wie viele Menschen werden tatsächlich krank?“

Derzeit hätten „15 Prozent der Infizierten Symptome und nur fünf Prozent erkranken schwer, so dass wir gegenwärtig überhaupt keinen Anlass zu großer Besorgnis haben. Trotz der Zunahme an positiven Testergebnissen sehen wir eine weitere Abnahme der schwer Erkrankten und Intensivpatient*innen und auch der Toten“, so Matthes weiter. Die jetzt angeordneten Maßnahmen seien „sicher für fünf bis zehn Prozent der Bevölkerung sinnvoll und notwendig, aber sie werden auf die gesamte Bevölkerung ausgedehnt, das ist nicht an den realen Risiken orientiert und das ist auch sozial nicht kompatibel“.

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Man müsse sich fragen, wie man „die etwa zehn Prozent der besonders gefährdeten Bevölkerung effektiver schützen“ könne. Matthes weiter: „Bei den alten Menschen sollten wir Abstandsregeln und Maskentragen bei Besuchen beachten, bei der überwiegenden übrigen Bevölkerung kommen wir mit deutlich lockereren Maßnahmen aus, besonders in den Schulen“.