Das Heim der Wilmersdorfers Seniorenstiftung an der Lentzeallee. Foto: Gerd Engelsmann

Wenn das Pflegeheim in der Lentzeallee in Schmargendorf im nächsten Jahr zumachen wird, sollen sich die Angestellten und die Bewohner keine Sorgen machen, heißt es vor Ort. Sie kämen problemlos anderswo unter. Der Träger, die Wilmersdorfer Seniorenstiftung, betreibt noch zwei weitere Heime im Südwesten der Stadt und hat dort genügend Platz. Das Haus in der Lentzeallee stammt aus den 70er-Jahren und hat bauliche Mängel. Ursprünglich war das Heim für 143 Menschen ausgerichtet. Doch auch weil Pflegekräfte fehlen, wurden zum Schluss nur 85 Bewohner versorgt. Die Kosten stiegen. Die Schließung ist kein Einzelfall in Berlin. Die Stadt hat in letzter Zeit immer mehr Pflegeeinrichtungen dichtmachen müssen.

Es sind die großen, älteren Heime, die in den vergangenen Jahren zugemacht haben. 2019 schloss das Pflegeheim des Jüdischen Krankenhauses. Kurz darauf kamen die  Senioren-Domizile Am Alexanderplatz in der Magazinstraße und in der Invalidenstraße hinzu. Ein anderes Haus der Wilmersdorfer Seniorenstiftung wird vom Arbeiter-Samariter-Bund genutzt. Hier wohnen jetzt von Obdachlosigkeit bedrohte Menschen.

Natürlich werden über die Stadt verteilt auch neue Pflegeeinrichtungen gebaut und eröffnet. Tatsächlich geht die Zahl der Heime und Residenzen in Berlin langsam, aber kontinuierlich zurück. 2009 gab es 299 Heime. Anfang 2019 waren es noch 288 Heime. Die aktuelle Zahl vom Juli 2020 liegt bei 283. Die Zahlen stammen von der Senatsverwaltung für Gesundheit, Pflege und Gleichstellung. 

Pfleger und Ärzte, mit denen der KURIER sprach, berichten unabhängig voneinander, dass es ein „Überangebot an stationärer Pflege und Leerstand“ gebe. Weil die Heime nicht saniert und zu wenig Fachkräfte eingestellt wurden, fallen Pflegeplätze weg. Die Entscheidung trifft die Heimaufsicht des Landesamts für Gesundheit und Soziales (Lageso). Das Ergebnis: Große Häuser, die eigentlich für mehr Senioren gebaut wurden, sind nicht ausgelastet, arbeiten nicht mehr kostendeckend und machen irgendwann zu. Wie das Heim in der Lentzeallee. Laut Gesundheitsstadtrat Detlef Wagner (CDU) würde die Wilmersdorfer Seniorenstiftung sogar insolvent gehen, wenn man sich jetzt nicht von dem Haus trennt.  

Die Zahl der Pflegeplätze ist ebenso rückläufig: Anfang 2019 gab es 32.832 Plätze. Aktuell liegt die Zahl laut Gesundheitsverwaltung bei 31.627 Pflegeplätzen. Zur Auslastung der Pflegeheime teilt die Verwaltung von Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD) auf Anfrage nichts mit. Deutschlandweit liegt die Auslastung in den Heimen bei etwas über 90 Prozent.

75 Prozent der Pflegebedürftigen werden aktuell zu Hause betreut. „Gut möglich, dass dieser Effekt in der Corona-Krise verstärkt wird“, sagt Andrea Eisenbart, Leiterin des Seniorenheims in der Lentzeallee. Sie sieht deswegen den Umzug der 85 Bewohner ziemlich entspannt. „Die Angehörigen müssen sich keine Sorgen machen.“ Gesundheitsstadtrat Detlef Wagner (CDU) hat versprochen, den Umzug zu finanzieren.

Ganz so entspannt wie Andrea Eisenbart sehen das nicht alle. Holger Eich vom Bundesverband der kommunalen Senioren-und Behinderteneinrichtungen sagt: „Die Zahl der Pflegebedürftigen wird weiter steigen. Da sollte man sich gut überlegen, ob und wo man Pflegeeinrichtungen einfach so schließt.“ Eich ergänzt, dass ein Umzug gerade für hochaltrige Menschen eine enorme Belastung sein kann.

Gesundheitsminister Spahn (CDU) will mit einem neuen Intensivpflegegesetz die Pflege stärken. Spahns Kritiker glauben,  dass dann mehr beatmungspflichtige Patienten in Pflegeeinrichtungen ziehen sollen. Dazu zählen auch jüngere Menschen mit schweren Erkrankungen, die rund um die Uhr Versorgung brauchen. Natürlich möchte Spahn, so zumindest der Vorwurf,  mit dem Gesetz auch die Pflegeheime stärken. 

Sein Gesetz ist bei Betroffenen äußerst umstritten. Sie sehen ihr selbstbestimmtes Leben gefährdet. Sie werfen Jens Spahn vor, dass er mit der neuen Regelung Pflegekräfte, die vorher ambulant unterwegs waren, sowie mehr Patienten in die Einrichtungen holen möchte. Gerade Letztere bringen den Einrichtungen Geld, so der Vorwurf. 

Die letzten beiden Absätze sind im Vergleich zu einer früheren Version des Textes leicht umformuliert worden.