Ein Abend für die Ewigkeit: Der 1. FC Magdeburg schlägt den AC Mailand im Europapokalfinale der Pokalsieger 1974. Foto: Imago Images

Selbst Legenden kommen in die Jahre. Nirgendwo ist das besser zu beobachten als bei Heimspielen des 1. FC Magdeburg. Wolfgang „Paule“ Seguin (74), der Dauerbrenner, ist nach wie vor drahtig und hat volles, aber gänzlich grau-weißes Haar; Manfred Zapf (73), der kernige Kapitän der einst goldenen Generation, hat an Statur gewonnen, an Beweglichkeit zugleich verloren; Martin Hoffmann (65), als damaliges Küken ein Jahrhunderttalent, trauert seinen dereinst unverwüstlichen Gelenken nach; Joachim Streich (69), nach Länderspielen und erst recht nach Toren DDR-Rekordmann, ist wegen eines künstlichen Hüftgelenks nicht mehr ganz so brandgefährlich. Die Helden von einst mögen es nicht persönlich nehmen, irgendwie aber stehen sie sinnbildlich für den Zustand des einzigen Europapokalsiegers der DDR, der 1974 bei den Pokalsiegern den großen AC Mailand mit dessen damaligem Trainer Giovanni Trapattoni und den Superstars Gianni Rivera und Karl-Heinz Schnellinger 2:0 besiegte: Es ist eine ziemlich zertrümmerte Tradition.

Nicht einmal die immer überaus fröhliche Sause, die sie seit Jahrzehnten am 8. Mai, dem Tag des einzigartigen Triumphes damals in Rotterdam, organisieren, haben sie in diesem Jahr durchziehen dürfen. Sie ist, natürlich, Corona zum Opfer gefallen. „Paule“ Seguin, als Final-Torschütze ein Held unter Helden, und Martin Hoffmann hatten eine Floßfahrt in Parey so gut wie organisiert, sind in ihrem Ehrgeiz jedoch ausgebremst worden. Aufgeschoben aber ist für sie alle nicht aufgehoben. „Wir haben alles auf den 11. September verschoben“, sagt Seguin, „den Spaß wollen wir uns nicht verderben lassen und stolz sind wir auf damals sowieso. Das alles lassen wir uns von niemandem nehmen.“

Einzigartig ist ihr Triumph auch deswegen, weil er – von Heinz Krügel mal abgesehen, das Trainer-Unikum ist in Zwickau großgeworden – auf das Konto einer Regionalauswahl geht. Alle Spieler stammen aus dem einstigen Bezirk Magdeburg, Torhüter Ulrich Schulze aus Darlingerode, Manfred Zapf aus Stapelburg, Jürgen Pommerenke aus Wegeleben, Detlef Raugust aus Zerbst, Detlef Enge aus Schwanebeck, Helmut Gaube aus Schnarsleben, Martin Hoffmann aus Gommern, Axel Tyll aus Magdeburg, Wolfgang Abraham, er ist 2013 verstorben, aus Osterburg, Jürgen Sparwasser aus Halberstadt, Wolfgang Seguin aus Burg ... Joachim Streich, der Junge aus Wismar, ist erst danach einer von ihnen geworden.

Womöglich hinterlassen die Granden – dreimal werden sie Meister und triumphieren in allen sieben Endspielen, die sie im FDGB-Pokal erreichen – zu große Fußstapfen. Anscheinend derart große, dass ihre sportlichen Enkel und Urenkel darin hin- und herrutschen und kaum festen Halt finden. Als ob sie sich keinen mieseren Zeitpunkt hätten aussuchen können, driften sie ausgerechnet in der letzten Saison der DDR-Oberliga ab. Zehnter nur werden sie. Es ist eine einzige Enttäuschung und das schlechteste Abschneiden seit dem Abstieg 25 Jahre zuvor. Die Qualifikation selbst für die 2. Bundesliga rückt in weite Ferne. Nicht einmal das Anlehnen an einen Likörproduzenten aus Wolfenbüttel, den mit dem Zwölfender auf dem Etikett – böse Zungen behaupten, bei den Prozenten kein Wunder –, lindert die Taumelei.

Als die Spielklassen neu strukturiert werden, als auch Joachim Streich als Trainer nicht mehr da ist, geht es steil bergab. Nicht einmal in der drittklassigen Amateur-Oberliga finden die Blau-Weißen zu sich, obwohl dort die Gegner SC Charlottenburg und SV Thale, Anhalt Dessau und VfB Lichterfelde, FSV Velten und BSV Spindlersfeld heißen. Schlimmer geht’s nimmer? Von wegen! Als 1994 die Karten erneut gemischt werden, diesmal für die neue Regionalliga, scheitern die Magdeburger aufgrund der schlechteren Torquote an Hertha Zehlendorf auch deshalb, weil sie im letzten Heimspiel gegen den VfB Lichterfelde zwei (!) Elfmeter vergeigen und 1:2 verlieren. Und das auf den Tag genau 20 Jahre nach ihrem größten Triumph.

Was folgt, sind Berg- und Talfahrten, Triumphe im Landespokal, großartige Auftritte im DFB-Pokal mit Siegen gegen den 1. FC Köln und sogar gegen Bayern München, 120 Tore in der Oberliga-Saison 2000/01 und über die Relegation gegen den BFC Dynamo der Sprung in die Regionalliga, aber ein dort erst durch Spendenaktionen und eine Bankbürgschaft gedeckter Etat. Was mit dem Auftreiben von fünf Millionen D-Mark gerade noch gelingt, klappt ein Jahr später nicht mehr: Es folgen Insolvenz und Zwangsabstieg. Dabei bilden sie tolle Talente aus. Marcel Schmelzer, seit 2005 so etwas wie Urgestein bei Borussia Dortmund, bringt es am weitesten.

Die Mannschaft jedoch löst sich in ihre Bestandteile auf. Alle Spieler gehen – bis auf einen: Lediglich Mannschaftskapitän Mario Kallnik, später Mitglied des Präsidiums und seit 2016 Geschäftsführer Sport, bleibt. Die Zweite rückt aus der Verbandsliga auf, schafft den Klassenerhalt und verhindert den Absturz ins Bodenlose. Obwohl es weiterhin nur Magerkost gibt und in der Saison 2011/12 lediglich einen Heimsieg, steigt der 1. FCM als Tabellenletzter nicht ab – doch nur, weil die Regionalliga mal wieder umstrukturiert wird.

Es bleibt ein Auf und Ab, das bei vielen für schlaflose Nächte sorgt und manchem den letzten Nerv raubt. Trotzdem halten sie zum Verein. „Man hängt ja dran“, versichert Wolfgang Seguin, „ich habe alles hautnah verfolgt, war 15 Jahre im Aufsichtsrat und habe teilweise gelitten wie ein Hund. Aber in meinem Herzen bleibe ich immer ein Blau-Weißer.“ Damit weiß sich „Paule“ im Einklang mit den Anhängern, die immer wieder für Zuschauerrekorde sorgen und selbst die peinlichsten Niederlagen verzeihen. „Auch wir hatten seinerzeit tolle Fans“, sagt Seguin, „die hatte der 1. FCM eigentlich immer. Doch was die jetzt alles machen, das ist einmalig, die tun wirklich alles für den Verein.“

Auch dank des neuen Stadions, das 27.500 Zuschauer fasst, werden sie belohnt. Was die ehemaligen Nationalspieler Jürgen Pommerenke, Eberhard Vogel, Dirk Heyne und Martin Hoffmann nicht schaffen, woran auch der frühere DDR-Nationalcoach Frank Engel und 1. FC Union-Legende Steffen Baumgart als Trainer scheitern, Jens Härtel packt es. 2015 führt er das Team in die 3. Liga und 2018 – endlich, endlich wähnen sie sich am Ziel – in die 2. Bundesliga.

Nach dem sofortigen Abstieg – Härtel wird lange zuvor entlassen und Marius Bülter zeigt erst beim 1. FC Union, dass er glatt für die Bundesliga taugt – gibt es wiederum nur Magerkost. Erst mit dem dritten Coach, nach Stefan Krämer und Claus-Dieter Wollitz übernimmt Thomas Hoßmang, verhindert das Team um Kapitän Christian Beck den erneuten Abstieg. Dafür muss Maik Franz, Ex-Profi (Hertha BSC) und seit 2018 Sportdirektor, gehen, andererseits kommt mit Petrik Sander, einst Bundesligacoach in Cottbus, ein neuer Trainer für das U-19-Team.

Drei Spielzeiten haben sie sich gegeben für ihre Rückkehr in die 2. Bundesliga. Die erste davon ist vorbei. Die Legenden, so scheint es, werden weiter in die Jahre kommen …