Bei den Deutschland-Fans herrscht nach dem Ausscheiden der Nationalmannschaft bei der WM in Katar Bestürzung. 
Bei den Deutschland-Fans herrscht nach dem Ausscheiden der Nationalmannschaft bei der WM in Katar Bestürzung.  AP/dpa/Hassan Ammar

Zu Hause haben sie schon wieder geschlafen. Wenn sie denn überhaupt ein Auge zugemacht haben nach diesem Desaster. Dabei heißt es doch immer, nach der Gruppenphase fängt ein WM-Turnier erst richtig an. Nur: Da ist Deutschland wieder nicht dabei. Nicht mehr unter den 16 Teams, die sich noch Hoffnungen machen. Zum zweiten Mal nach 2018 schon. Nie wieder sollte so etwas passieren. Inzwischen aber kann das kein Zufall sein.

„Enttäuschung“, „Schock“, „Katastrophe“, „Ohnmachtsgefühl“ sind die Attribute, die nach der erneuten Blamage rund um das deutsche Team gefallen sind. Das 4:2 (1:0) im letzten Gruppenspiel gegen Costa Rica, über viele Phasen so wenig souverän wie zuvor schon, hat den K.-o. fast noch schlimmer gemacht. Was bleibt, sind Frust, Wut und viele, ganz viele Fragen.

Ist Deutschland noch eine Turniermannschaft? Das hat was von Mogelpackung. Längst steckt nicht mehr drin, was draufsteht. Das DFB-Team ist noch immer dabei, seinen Nimbus jedoch hat es lange verloren. In drei Turnieren nacheinander (EM-Aus im vorigen Jahr im Achtelfinale) sind die mit dem Adler auf der Brust nun krachend gescheitert. In zehn Spielen dabei hat es nur drei Siege – 2018 das Last-minute-2:1 gegen Schweden, 2021 ein 4:2 gegen Portugal, nun der Dreier gegen Costa Rica – gegeben. Das ist nicht mehr als Mittelmaß.

Beste Liga der Welt? Schlechter Witz!

Beißen sich Anspruch und Wirklichkeit? Und wie! Wer den Mund voll nimmt („Wir müssen um Titel spielen“), wird daran gemessen. Entweder fehlt der Sinn für die Realität oder es ist pure Überheblichkeit. Andererseits: Wem beim kleinsten Höhepunkt stets etwas von „geil“, „super“, „außergewöhnlich“ und „beste Liga der Welt“ geflüstert wird, der glaubt es irgendwann. Da schon fängt der Schlamassel an.

Wie sollte die Abwehr heißen, wenn nicht Torso? So und nur so! Klasse Verteidiger – wo sind sie, wer ist einer? Für zu Hause reicht es bei David Raum und Nico Schlotterbeck, Lukas Klostermann und Niklas Süle. Für ein großes Turnier aber schon nicht. Da leistet sich sogar Antonio Rüdiger – der spielt immerhin bei Real Madrid – so manchen Bock. Von Festung kann gar keine Rede sein. Dabei weiß jeder Trainer, weiß sogar jeder Fan, dass die Defensive Titel gewinnt. Mit dieser deutschen aber holt keiner auch nur einen Blumentopf.

Ist zu viel Harmonie gar schädlich? Elf Freunde müsst ihr sein – schon lange nicht mehr. Natürlich ist Harmonie wichtig, auch dass die Chemie untereinander stimmt. Vielleicht noch wichtiger aber ist ein Stinkstiefel. Einer, wie ihn die Bayern mal mit Arturo Vidal hatten, der polarisiert, die Drecksarbeit macht und den Druck von den anderen nimmt. Joshua Kimmich ist keiner, Ilkay Gündogan war nie einer und Leon Goretzka wird nie einer.

Fehlt es an Mentalität, an Herz? So was von! Australien ist weiter und die USA sind es, Japan und Marokko als Gruppenerste – und Deutschland nicht! Ein schlechter Scherz? Ganz und gar nicht! Die anderen haben an Qualität aufgeholt. Sie spielen nicht nur gut, sie rennen auch, manchmal sogar schneller und effektiver. Sie sind nicht nur wach, sie sind hellwach. Sie hauen sich rein, sie geben alles, oft sogar ihr Herz. Das erst darf man Mentalität nennen.

Hat Spanien dem DFB-Team mit seiner Niederlage gegen Japan in die Suppe gespuckt? Ja und nein, denn zwischenzeitlich waren sogar die „Furien“ raus. Mancher dachte da vielleicht auch an den Nichtangriffspakt von Gijon, als Deutschland und Österreich 1982 in stillem Übereinkommen Algerien aus dem Turnier kegelten. Andererseits war es sogar Glück, dass Costa Rica mit seinem Sieg gegen Japan dem DFB-Team erst die Chance gegeben hatte, im Turnier zu bleiben. Oder war es doch so etwas wie späte Rache?

Hey, DFB! Wichtig ist aufm Platz!

Was hat die „One Love“-Binde gebracht? Im Nachhinein eher Fragen als Antworten. Wichtig, wussten schon die Altvorderen, ist allein „aufm Platz“. Oliver Bierhoff, Geschäftsführer Nationalmannschaft, gibt zu: „Die Binden-Thematik ist nicht gut gelaufen. Aber in der sportlichen Analyse ist das kein Aspekt.“ Das darf man auch anders sehen.

Ist Bierhoff noch der richtige Mann am richtigen Platz? „Diese Frage“, so der einstige Nationalspieler, „stelle ich mir gerade nicht. Ich habe ein gutes Gefühl für mich, aber ich habe nach drei schlechten Turnieren keine Argumente. Nur bin ich schon 18 Jahre im Amt, und da ist auch viel Gutes passiert.“ Bei dem Guten war auch Joachim Löw dabei, nur musste der schon gehen.

War es richtig, auf Niclas Füllkrug zu setzen? Ja. Zwei Tore hat der Bremer als Edeljoker erzielt, wer wollte mehr verlangen? Für ihn war die Nominierung toll und der Höhepunkt seiner Karriere. Nur: Dass ein bald 30-Jähriger, der bis eine Woche vor Turnierbeginn ohne Länderspiel ist, einen viermaligen Weltmeister retten soll, ist ein Armutszeugnis. Da stellt sich die Frage nach der Qualität der Ausbildung. Bierhoff: „Wenn wir einen Mittelstürmer ausbilden wollen, können wir damit nicht bei einem 18-Jährigen anfangen, dann müssen wir bei einem Zehnjährigen anfangen.“ Nachrechnen lohnt sich: Bierhoff ist 18 Jahre im Amt, der damals Zehnjährige wäre nun 28 und im allerbesten Alter für einen – genau – Mittelstürmer.

Wackelt Hans-Dieter Flick? Der Lack ist zumindest ab und die beste Startphase eines Bundestrainers mit acht Siegen in den ersten acht Spielen mit Gegnern wie Liechtenstein, Armenien, Island, Rumänien, Nordmazedonien und Israel von Anfang an ein Muster ohne Wert. In den elf Spielen danach gab es lediglich drei – in Worten: d r e i – Siege. Der Anspruch („Wir hatten in diesem Turnier keine Effizienz“) sollte ein anderer sein.

Die Hoffnung auf die EM als neues Sommermärchen

Wie sieht die personelle Zukunft aus? Torhüter Manuel Neuer („Wenn ich meine Leistung bringe und eingeladen werde“) denkt auch mit 36 ans Weitermachen. Thomas Müller (33) sprach schon von Abschied, will sich aber mit seiner Frau Lisa beraten. Für Ilkay Gündogan (32) könnte Schluss sein. Mario Götze? War wohl nicht mehr als ein (verzweifelter?) Versuch. Talente gibt es dennoch. Jamal Musial vor allem. Nur sollte dem 19-Jährigen jemand mit Erfahrung sagen, dass seine Dribblings zwar toll sind, ein Abspiel zur rechten Zeit aber ebenso zum technischen und taktischen Repertoire zählt.

Welche Aussichten gibt es für das nächste Turnier? Die EM 2024 findet in Deutschland statt. Was, wenn nicht solch ein Kracher zu Hause sollte für einen Schub und womöglich für ein neues Sommermärchen sorgen …                                             

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