Endlich kann Argentinien wieder einen WM-Titel bejubeln.
Endlich kann Argentinien wieder einen WM-Titel bejubeln. dpa/Tom Weller

Der Weltmeister ist gestürzt! Es lebe der Weltmeister! Frankreich ist geschlagen und an seiner Stelle Argentinien auf den Thron geklettert. Nein, marschiert sind die Gauchos, mit aller Macht, mit Einsatz, Willen, ganz viel Leidenschaft und noch viel mehr Herz. Dann haben sie gewackelt, fast wären sie hingefallen und sind doch wieder aufgestanden.

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Das 3:3 (2:2, 2:0) nach Verlängerung ist schon ein Drama. Erst recht das Elfmeterschießen, das dritte in der Historie der WM-Finals. Mit 4:2 triumphieren die Argentinier beim Showdown vom Punkt. Zum dritten Mal nach 1978 (damals mit Mario Kempes und Daniel Passarella als Helden) und 1986 (mit dem unsterblichen Diego Maradona) holen sie den World Cup. Vive la Gaucho! Messeria verzaubert Argentina!

Unglaubliches Finale in der Katar-WM 2022

Was schreibt dieses Finale nur für Geschichten. Es ist schier unglaublich, dramatisch, mit emotionalen Höhepunkten gespickt und in jedem Fall einmalig. Wer etwas vom Fußball hält, ist hin und weg. Tränen der Freude und der Trauer fließen. Kylian Mbappé, der erste dreimalige Finaltorschütze nach dem Engländer Geoffrey Hurst 1966, ist dann doch der Verlierer.

Frankreich-Joker Randal Kolo Muani hat in letzter Sekunde den Siegtreffer auf dem Fuß, kann zum Helden werden, wird es aber nicht. Im Gegenzug trifft gleiches auf Argentinien-Joker Lautaro Martinez zu. Das ist nichts gegen Gonzalo Montiel, der drei Minuten vor Ende der Verlängerung einen Handelfer verursacht, der die Franzosen mit dem 3:3 (117., zuvor hatte Messi für die erneute Führung der Argentinier gesorgt/108.) zum x-ten Mal am sportlichen Leben hält, dann aber den entscheidenden Elfer zum Triumph verwandelt, weil Kingsley Coman und Aurelien Tchouameni vergeben. Und es ist alles nichts gegen Lionel Messi. Der Meister steht über allem.

Finale war auch ein Duell der Superstars Messi gegen Mbappé

Ein Duell der Superstars soll es ohnehin sein, dieses 22. WM-Finale. Messi gegen Mbappé, beide bei Paris St.-Germain am Ball. Ist es aber zunächst gar nicht. Vielmehr ist es lange eine ungewohnt einseitige Partie, ein nahezu ungleicher Kampf. Hier der vergötterte Messi, 35 Jahre alt und siebenmal Weltfußballer des Jahres, der die Hilfe von Angel di Maria, rechtzeitig für das Traumfinale fit geworden, bekommt. Da der jugendliche Überflieger Mbappé, erst 23 Jahre jung und auf dem Weg, Brasilien-Legende Pelé einzuholen, der als einziger bisher mit 23 Jahren schon zweimal Weltmeister war, was dann um Haaresbreite doch nicht klappt.

Es wird ein Tag der Rekorde. Für alle und für alles. Am Ende aber doch nur für Messi, der seine Karriere krönt. Allein sein Auflaufen bringt ihm mit seinem 26. WM-Spiel nun vor Lothar Matthäus, Deutschlands WM-Kapitän 1990, die Bestmarke an Einsätzen. Die zweite Bestmarke folgt in Minute 23 per Elfmeter, nachdem di Maria von Ousmane Dembele gelegt worden war.

Ungerührt und vor zwei Milliarden Zuschauern in aller Welt in Seelenruhe erzielt Messi das 1:0 und ist damit der erste Spieler überhaupt, der sowohl in der Gruppenphase als auch in allen K.o.-Runden getroffen hat. Zugleich ist Messi nun der zweitälteste Torschütze in einem WM-Finale. Nur der Schwede Nils Liedholm war 1958 um 87 Tage älter.

Traumtore von di Maria lieferte fast schon die Entscheidung

Noch schöner und in dem Moment fast schon spielentscheidend ist das 2:0 von di Maria. Mit einem blitzsauberen Bilderbuchkonter über sechs Stationen, bei dem es fast nur immer einen Ballkontakt gibt, wird die französische Abwehr komplett ausgehebelt.

Di Maria überlistet Hugo Lloris mit Auge und überragender Technik. Messi und di Maria, die beiden einzigen Argentinier, die 2014 schon beim 0:1 gegen Deutschland dabei waren, sehnen sich am meisten nach dem Triumph.

Erst 36 Minuten sind gespielt und der Titelverteidiger, der zehn Weltmeister von 2018 im Aufgebot hat, steht ganz und gar neben sich. Didier Deschamps reagiert Minuten vor dem Seitenwechsel knallhart und ohne Verluste auf Namen. Olivier Giroud und Dembelé, die rein gar nichts bewirkten, müssen runter. Die Höchststrafe. Frankreichs Coach begründet sein Tun klipp und klar so: „Argentinien spielt ein Finale, wir nicht! Das reicht nicht.“

Frankreich geht als Vizeweltmeister statt Titelverteidiger vom Platz

Damit ist eigentlich schon klar, dass es auch 60 Jahre nach 1958 und 1962, als Brasilien keinem Weltmeister gelingen wird, erneut die Trophäe zu holen. Und doch kommt alles ganz anders. In Sekundenschnelle und vor allem für die Gauchos unfassbar, ist alles auf den Kopf gestellt. Die So-gut-wie-Weltmeister klatschen aus Wolke sieben auf, die So-gut-wie-Verlierer schweben himmelwärts.

Mbappé, so gut wie nicht zu sehen und erst in Minute 71 mit dem ersten Schussversuch, schlägt zu. Erst mit einem Elfmeter (80., Nicolas Otamendi gegen Eintracht Frankfurts Randal Molo Muani), dann mit einem satten Direktschuss, nachdem Bayerns Kingsley Coman gegen Messi den Ball erobert hatte (81.). Alles auf Anfang und Vorteil Mbappé, der ganz nebenbei als erst fünfter Spieler in zwei Endspielen trifft.

Am Ende aber gibt es nur einen Sieger. Argentinien! Die Gauchos! Coach Lionel Scaloni ist überglücklich, sagt unter Tränen: „Wir hatten tolle Momente, aber auch schwierige. Aber wir sind immer wieder zurückgekommen und können den Triumph genießen.“