Ex-Weltmeister Bastian Schweinsteiger ging nach dem WM-Aus noch gemäßigt mit Bundestrainer Hansi Flick (l.) ins Gericht.
Ex-Weltmeister Bastian Schweinsteiger ging nach dem WM-Aus noch gemäßigt mit Bundestrainer Hansi Flick (l.) ins Gericht. dpa/Federico Gambarini

Natürlich kommen sie jetzt alle aus ihren Löchern gekrochen und haben ihr finales Urteil bereits gefällt. Hansi Flick muss Platz machen für einen Neuanfang. Darin sind sich die ehemaligen Fußballgrößen und heutigen TV-Experten ziemlich einig. Das Volk schreit und will sein Opfer haben nach diesem historischen Debakel. Und ganz vergessen wird dabei, dass Flick seinen Vorgänger Jogi Löw ja eigentlich erst im September 2021 beerbt hat. 14 Monate sind eigentlich keine ausreichende Zeit, um den Stab endgültig zu brechen.

Hindert seine Kritiker aber nicht daran, seinen Abgang lautstark zu fordern. Allen voran Ex-Europameister Didi Hamann bei Sky: „Ich halte es für ausgeschlossen, dass wir mit dem Trainer weitermachen können nach diesem Debakel. Das Vorrunden-Aus bedeutet das Ende einer großen Fußballnation. Das war jämmerlich, wie wir uns verkauft haben – auf dem Platz und außerhalb. Ich wüsste keinen Grund, warum wir in dieser Konstellation weitermachen sollten.“

Vizeweltmeister Michael Ballack stößt bei Magenta TV ins gleiche Horn: „Es geht darum, beim DFB jeden Stein umzudrehen. Es gehört dazu, dass beim DFB jede Position hinterfragt wird, auch die des Trainers. Es geht nicht um Hansi Flick persönlich, sondern es geht um den deutschen Fußball und darum, dass man wieder eine Mannschaft formt, die erfolgreich Fußball spielt und weit kommt.“

Schweini mit Kritik, aber auch Rückendeckung für Flick

Weltmeister Bastian Schweinsteiger nimmt bei der ARD Flick in Schutz, auch wenn er im Gegensatz zum Bundestrainer das Feuer in den Spielern nicht hatte brennen sehen: „Hansi hat nicht so viel falsch gemacht. Die Verantwortung liegt bei den Spielern. Ich habe das Brennen bei den Spielern vermisst. Ich bin echt enttäuscht und schockiert, wie das verlief. Das Auftreten der Nationalmannschaft ist zu wenig, das reicht nicht.“

Die Rufe nach einem Neubeginn, nach einer Lichtgestalt, die die Euphorie knapp eineinhalb Jahre vor der Heim-EM neu entfachen kann, werden schon laut. Immer wieder fällt dabei der Name Jürgen Klopp.

Ex-Bundestrainer Rudi Völler nimmt hingegen die Mannschaft in die Pflicht: „Man hatte das Gefühl, dass die letzte Gier fehlt. Der letzte Wille, vorne das Tor erzielen und hinten das Tor verteidigen zu wollen.“ Und bekommt dabei Unterstützung vom 74er-Weltmeister Rainer Bonhof: „Das ist doch wahnsinnig, darüber nachzudenken. Hansi macht einen tollen Job. Die Spieler müssen sich an die eigene Nase fassen.“

Sieht auch Ex-Bundesligaprofi Jimmy Hartwig so, der die Lanze über die neue Genration von Profis bricht: „Wir müssen den jungen Stars nicht den Puderzucker in den Hintern blasen. Die machen rum wie die Dandys. Und dann solch eine Leistung abgeben, ich würde mich schämen.“

Badstuber vermisst das gewisse Etwas bei den Nationalspielern

Flicks Vorvorgänger Jürgen Klinsmann, der auch mal ein erfolgloses Intermezzo als Coach von Hertha BSC gab, schüttet das Füllhorn der Kritik über dem Team aus: „Das ist eine riesige Enttäuschung. Deutschland hat das Weiterkommen nicht verdient. Das Team war in allen drei Gruppenspielen zu unbeständig und Angriff war nicht die notwendige Effizienz.“

Auch Ex-Nationalspieler Holger Badstuber geht hart mit den Kickern ins Gericht: „Es ist ein Debakel. Schwach, peinlich, unwürdig, enttäuschend. Die aktuelle Generation der Nationalspieler hat nicht mehr das gewisse Etwas und nicht genug Biss.“

Liverpools Trainer Jürgen Klopp gilt als neuer Hoffnungsträger für den deutschen Fußball.  
Liverpools Trainer Jürgen Klopp gilt als neuer Hoffnungsträger für den deutschen Fußball.   PA Wire/dpa/Adam Davy

Weltmeister Philipp Lahm,  der ja als Turnierdirektor der EM 2024 schon an die kommende Aufgabe denken muss, versucht sich in Diplomatie, spricht viel, sagt aber wenig: „Das ist natürlich eine Katastrophe. Wir brauchen immer eine Mannschaft, mit der man sich wirklich identifizieren kann. Wenn der Erfolg nicht da ist, geht auch irgendwo etwas verloren. Das hat man bei den letzten drei Turnieren gemerkt. Wir müssen einen Stamm und Kern finden, der jedem in Deutschland klar ist. Das ist enorm wichtig, gibt Stabilität und Identifikation. Wo stehen wir? Wo wollen wir hin? Und dann muss man Entscheidungen treffen. Ich bin keiner, der für Schnellschüsse ist. Man muss aufarbeiten, analysieren und die richtigen Schlüsse daraus ziehen.“

Flick hat sich verzockt, meint Khedira

Weltmeister und Ex-Herthaner Sami Khedira: „Flick hat sich etwas verzockt. Aber er hat es bei Bayern schon nachgewiesen. Er ist sehr klar, hat ein super Team und eine gute Spielidee. Er ist streng, aber gleichzeitig auch ein Menschenfänger. Ich würde mir wünschen, dass Hansi bleibt. Ich sehe ihn trotz des Ausscheidens als einen richtig guten Trainer.“

Hertha- Manager Fredi Bobic wählt seine Worte mit Bedacht. Einen Alleinschuldigen will er nicht erkennen: „Vielleicht sind einige über ihrem Zenit oder nicht mehr so hungrig. Wir brauchen wieder die Spieler, die auch mal die Ärmel hochkrempeln und in den entscheidenden Augenblicken ein Zeichen setzen. Das fehlt uns, das fehlt uns manchmal auch in der Liga, aber auch hier in der Nationalmannschaft. In den Turnieren brauchst du das. Es gibt ein paar Nationen, die uns das vormachen. Du musst die Balance finden zwischen dem schönen Fußball, den wir spielen können, aber auch dem erfolgsorientierten Fußball, wo du mehr brauchst als nur spielerische Klasse.“

Es-Nationalspieler Torsten Frings: „Das war von der ersten Sekunde an ein schlechtes Turnier von uns und deswegen sind wir auch verdient ausgeschieden. Die anderen Teams waren einfach besser als wir. Es ist das erste Mal seit Jahren, dass Hansi Flick so richtig Gegenwind bekommt. Trotzdem bin ich fest davon überzeugt, dass Flick nach wie vor der richtige Mann ist für diesen Job.“

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