Ein Kontrollraum der Video-Schiedsrichter bei der WM. Jetzt kommt heraus: Die Fans am TV bekommen nicht alle Bilder zu sehen.
Ein Kontrollraum der Video-Schiedsrichter bei der WM. Jetzt kommt heraus: Die Fans am TV bekommen nicht alle Bilder zu sehen. Imago/Ulmer

Gehören Sie in Deutschland zu der Minderheit, die alle WM-Spiele geschaut haben? Falls ja, haben sie dennoch nicht alles gesehen. Klingt komisch, ist aber so. TV-Betrug: So wird der Fußball-Fan bei der WM manipuliert!

Leere Tribünen, Fans mit Regenbogenflaggen, die Mund-zu-Geste der DFB-Elf. All das ist für den Zuschauer vor dem Fernseher meist nicht zu sehen. So weit, so schlecht. Aber heutzutage nicht wirklich mehr etwas Neues und somit auch kein Aufreger mehr, oder?

Anders sieht es dagegen bei spielentscheidenden Szenen aus. Hier soll seit einigen Jahren der Video-Schiedsrichter (VAR) bei klaren Fehlentscheidungen eingreifen und den leitenden Unparteiischen auf dem Platz per Funk informieren. Also zum Beispiel wenn es darum geht, ob der Ball vollständig hinter der Torlinie war, ob ein Spieler vor einem Treffer im Abseits oder bei einem Foul im Strafraum stand sowie bei einem möglichen Platzverweis.

Doch in Katar greift der VAR viel zu häufig – oder eben gar nicht ein.

DFB-Debakel: Japans Tor gegen Spanien irregulär

Mit bloßem Auge nicht zu erkennen, aber der VAR war sich sicher, dass der Ball nicht im Aus war. Japan gewann 2:1 gegen Spanien und schmiss das DFB-Team aus der WM.
Imago/UK Sports Pics Ltd
Mit bloßem Auge nicht zu erkennen, aber der VAR war sich sicher, dass der Ball nicht im Aus war. Japan gewann 2:1 gegen Spanien und schmiss das DFB-Team aus der WM.

Bitterstes Beispiel: Japans Siegtor gegen Spanien, das Deutschland aus der WM kegelte. Der Schiedsrichter auf dem Platz hatte bereits entschieden, dass der Ball vorher im Toraus war und den Treffer der Japaner nicht gegeben. Bis sich der VAR meldete und innerhalb kürzester Zeit doch auf Tor entschied. Der Ball wäre nicht in vollem Umfang über der Linie und somit noch im Spiel gewesen.

In Wahrheit war das in der kurzen Zeit nie zu erkennen. Weil es keine klare Fehlentscheidung war, hätte der VAR überhaupt nicht eingreifen dürfen. Und: Mittlerweile haben Wissenschaftlicher anhand von vielen Bildern bewiesen, dass der Ball um wenige Zentimeter mit vollem Umfang im Aus war. Das Tor war also irregulär.

Strittige WM-Szenen nicht im TV-Bild

Der TV-Zuschauer bekam davon allerdings kaum etwas mit. Der Grund: Die Fifa ist für das Weltbild zuständig, dass alle TV-Sender benutzen, sofern sie selbst keine Kameras im Stadion platziert haben. Deutschlands Mund-zu-Geste fing die ARD mit eigenen Kameras ein.

Nun haben Recherchen der Süddeutschen Zeitung ergeben, dass viele strittige Szenen dem Zuschauer komplett und vor allem bewusst vorenthalten wurden. Das Weltbild zeige zwar zig Wiederholungen von oft völlig unbedeutenden Momenten. Strittige Szenen werden dagegen meist nicht noch mal gezeigt. 

TV-Betrug: Der Fan wird bei der WM manipuliert

Erstes Beispiel: Beim Viertelfinale Marokko gegen Portugal spielt Verteidiger Jawad El Yamiq beim Stand von 1:0 den Ball in der 86. Minute im Strafraum höchst ungeschickt mit der Hand. Portugals Spieler protestieren wie wild. Nach den Handspielregeln war das ein klarer Elfmeter. Doch der VAR blieb stumm, eine Wiederholung der Szene gab es für die TV-Zuschauer nicht.

Zweites Beispiel: Frankreichs Tor zum 1:0 beim 2:1-Sieg gegen England, ebenfalls im Viertelfinale. Bevor Aurélien Tchouaméni den Treffer erzielt, holte Bayerns Abwehrmann Dayot Upamecano Englands Stürmer Bukayo Saka klar von den Beinen. Da genau diese Balleroberung den Angriff der Franzosen einleitete, hätte der VAR eingreifen müssen. Auch hier: Die von der Fifa gezeigten Wiederholungen begannen erst nach Upamecanos Foul. Zu Hause bekam der Fan nichts mit.

TV-Betrug schadet dem Fußball

Die Fifa hüllt sich in Schweigen, beantwortet keine Fragen, wer dafür verantwortlich ist, dass gewisse Szenen nicht gezeigt werden. Laut Recherche der SZ trifft die Fifa wohl die Auswahl selbst.

Völlig gaga: Vor der Einführung des VAR war der Schiedsrichter auf dem Platz oft der Einzige, der strittige Szenen nicht nochmals zu sehen bekam, während Fans zu Hause und teilweise auch im Stadion mit vielen Zeitlupen versorgt wurden. Jetzt ist es genau umgekehrt: Der VAR hat alle Bilder zur Verfügung, zeigt aber manche (gern besonders wichtige) davon dem Zuschauer nicht.

Klar ist: Der TV-Betrug ist Wasser auf die Mühlen der VAR-Kritiker – vor allem aber schadet er massiv dem Ansehen des Fußballs ...

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