Hansi Flick brachte Bremens Niclas Füllkrug bei der WM bisher nur als Joker. Nach Füllkrugs Tor gegen Spanien steckt der Bundestrainer nun in einem Dilemma.
Hansi Flick brachte Bremens Niclas Füllkrug bei der WM bisher nur als Joker. Nach Füllkrugs Tor gegen Spanien steckt der Bundestrainer nun in einem Dilemma. Imago/Matthias Koch

Es ist die pure Erleichterung. Mancher hat durchgeatmet, mancher ein wenig gelächelt, bei allen, das vor allem, ist die Hoffnung zurück. Das 1:1 (0:0) gegen Spanien ist zwar nicht der ersehnte erste Sieg bei der Winter-WM, aber so etwas wie ein Signal, ein Zeichen zumindest, dass es dank des Tores von Niklas Füllkrug ja doch weitergehen kann als nur bis zum abschließenden Gruppenspiel am Donnerstag gegen Costa Rica. Andererseits stellt Füllkrug Bundestrainer Hans-Dieter Flick vor ein Dilemma, denn mit seinem ersten WM-Tor drängt der bisherige Joker in die Start-Elf.

Der bislang vorletzte Sieg bei einem WM-Turnier, schier unglaublich, ist satte achteinhalb Jahre her und stammt vom 13. Juli 2014. Es war das 1:0 von Mario Götze zum Titel von Rio. Und: Es war ein Jokertor. Der Held von damals war 25 Minuten im Spiel, dann rauschte die Kugel hinter Argentiniens Keeper Sergio Romero in die rechte untere Ecke.

Diesmal, als er das Lebenszeichen ins Turnier schickte, war Füllkrug lediglich 13 Minuten dabei, dann knallte er den Ball links oben rein (83.), ließ Spaniens Schlussmann Unai Simon keine Abwehrchance und glich das 0:1, das mit Alvaro Morata gleichfalls ein Joker erzielt hatte (der Spanier traf nach nur acht Minuten/62.), aus.

Spaniens Jokertor: DFB erlebt fast brutales Déjà-vu

Niclas Füllkrug traf gegen Spanien bei der WM zum 1:1, rettete Deutschland einen Punkt und sorgte bei seinem DFB-Kollegen für Ektase. 
IMAGO / Xinhua
Niclas Füllkrug traf gegen Spanien bei der WM zum 1:1, rettete Deutschland einen Punkt und sorgte bei seinem DFB-Kollegen für Ektase. 

Fast nämlich hätte die DFB-Elf ein brutales De-ja-vu erlebt, denn beim 1:2 gegen Japan hatten mit Ritsu Doan und Takuma Asano gleichfalls zwei Joker getroffen. Aber, das ist neben dem Hoffnungsstrahl die zweite wichtige Erkenntnis aus dem Duell zweier ehemaliger Titelträger: Auch der viermalige Weltmeister kann Jokertore!

Mit dem Treffer, seinem zweiten im dritten Spiel nach dem 1:0 gegen den Oman, ist Füllkrug, auf den letzten Drücker ins WM-Team gerutscht, angekommen im Turnier und in der Mannschaft. „Das sind die Dinge“, sagt Flick, „die wir brauchen, diese Entschlossenheit, mit der er das Tor macht.“

DFB-Kollegen schwärmen von Niclas Füllkrug

Dass der neue Hoffnungsträger weiß, wo die Kiste steht, hat er in der Bundesliga gezeigt, indem er für Werder Bremen zehn Treffer erzielt hat und damit der aktuell beste deutsche Torjäger ist. „Er hat Selbstvertrauen“ sagt Thomas Müller, „und, wie wir gesehen haben, einen rechten Hammer.“

Dass Müller, zuvor als „falscher Neuner“ aufgeboten, einem „richtigen“ Mittelstürmer, nämlich Füllkrug, weichen musste, ist dem Münchner in diesem Moment ziemlich schnuppe. „Mehr reinhauen, als wir reingehauen haben, können wir nicht“, sagte Müller. Dazu gehört auch Füllkrug, denn nicht umsonst lobte selbst Kapitän Manuel Neuer: „Das war von ‚Fülle‘ sensationell.“

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Eigentlich ist der Bremer nach den Verletzungen von Timo Werner und Marco Reus sowie der miesen Performance von Kai Havertz im Auftaktspiel gefühlt nur so etwas wie die 1c-Lösung. Die Erfahrung aber sagt, dass eine Mannschaft ihr bestes Gesicht erst im Verlaufe eines Turniers findet und in den seltensten Fällen schon zu Beginn komplett mit jenen Spielern aufläuft, die beim möglichst erfolgreichen Ende auf dem Platz stehen.

Hansi Flick steht wegen Füllkrug vor einem Dilemma 

Insofern steht Flick vor einem Dilemma. Sieht er Füllkrug weiterhin in der Rolle als Joker oder traut er ihm nach seinem Bewerbungsschreiben einen Platz in der Startelf zu?

Fest steht, dass nicht jeder als Joker so schnell im Spiel ist wie Füllkrug und er in dieser Rolle für Tore prädestiniert ist. Tore nämlich braucht das DFB-Team gegen Costa Rica, um als siegloser Noch-Gruppenletzter doch noch ins Achtelfinale zu ziehen. Ein Sieg mit zwei Toren Unterschied muss es mindestens sein, zugleich darf Japan gegen Spanien nicht gewinnen.

Andererseits müsste, so verrückt bleibt es in der „Todesgruppe“, Spanien ums Weiterkommen bangen. Für jeden ist noch das ganze Programm möglich, Achtelfinale oder Heimfahrt. „Insofern war der Punkt wichtig für das Gefühl“, sagt Füllkrug, „trotzdem haben wir Luft nach oben, denn wir haben die Hausaufgaben erst zum Teil gemacht.“

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Deshalb ist das, was zum Abschluss der Gruppenphase bleibt, so etwas wie ein Nachsitzen. Allerdings haben Neuer & Co. das Weiterkommen nicht ganz in der eigenen Hand, es sei denn, sie schaffen einen Triumph mit acht Toren Unterschied, der aber die reinste Utopie ist und einem DFB-Team bei einem WM-Turnier erst einmal gelungen ist, vor 20 Jahren mit einem 8:0 gegen Saudi-Arabien.

Die realistische Variante nennt Thomas Müller beim Namen: „Wir haben die Aufgabe, Costa Rica zu schlagen und zu hoffen, dass das Ergebnis aus dem anderen Spiel zu unserem passt.“

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