Lieferten sich einen harten Kampf um den Klassenerhalt: Zwickaus Morris Schröter (l.) und Zwickaus Sandro Sirigu (r.). Foto: Imago Images

Am Ende gibt es auf der Suche nach dem vierten Absteiger aus der 3. Liga nur diese Alternative: Zwickau oder Chemnitz. Dazu weiß jeder in Westsachsen, dass sich die ehemalige BSG Sachsenring und der damalige FC Karl-Marx-Stadt nie grün waren. Doch dieser Abstiegs-Krimi hebt die Rivalität auf eine hochemotionale Ebene. Der Showdown steigt am vorletzten der 38 Spieltage. Der FSV ist das glücklichere Team, siegt hauchdünn mit 2:1, zieht am CFC vorbei. Der muss zum Finale gegen Hansa Rostock gewinnen, schafft das mit 4:2 auch. Nur holt Zwickau in Mannheim einen, den entscheidenden Punkt. So geben zwei Törchen den Ausschlag: Die „Schwäne“, die an die Anlehnung an sechs dieser Vögel im Zwickauer Stadtwappen so heißen, fliegen hoch, 35 Kilometer östlich davon stürzen die Himmelblauen ab und tragen maßlose Trauer.

Es fließen Tränen, sie sind am Boden, sie sind, das wissen sie, eigentlich am Ende. Wenige Tage später nur wird das ganze drastische Ausmaß deutlich, das für den CFC mit dem Abstieg in letzter Minute verbunden ist: Es geht um die nackte Existenz. Der Verein, der 1967 DDR-Meister wird und große Spieler hervorbringt wie einst Dieter Erler und später Michael Ballack, den Vize-Weltmeister von 2002, liegt sowas von invalide auf der Intensivstation, dass die Aasgeier fast schon über dem Stadion An der Gellertstraße kreisen.

Das große Dilemma ist: Dem CFC hängt ein Insolvenzverfahren an. Insolvenzverwalter Klaus Siemon, so hat er den Gesellschaftern des aus dem Gesamtverein ausgegliederten Teams in aller Schärfe deutlich gemacht, hat „den Glauben an den Fortbestand des CFC in Frage gestellt“. So jedenfalls drückt sich Romy Polster aus, zugleich versichert die Vorsitzende des Vorstandes jedoch: „Es wird keine Luft daran gelassen, dass wir in der Regionalliga spielen. Wir stellen uns dieser Herausforderung.“

Die Herausforderung ist gewaltig. Der Verein, ohnehin knapp bei Kasse, muss innerhalb kürzester Zeit, Stichtag ist der 10. August, 450.000 Euro aufbringen, um die Gläubiger zu befriedigen sowie die „Deckung der Masseverbindlichkeiten und der Verfahrenskosten“ zu ermöglichen. Ansonsten „drohe die Einstellung des Verfahrens wegen fehlender Masse und somit das Ende des Chemnitzer FC“. Kommt das Geld zusammen, stellt Siemon ein schnelles Ende des Insolvenzverfahrens in Aussicht und der CFC käme nach all den teils auch hausgemachten Turbulenzen der jüngeren Vergangenheit wenigstens zum Luftholen.

Alles andere zählt jetzt nicht. So nicht, dass am Tag nach dem Abstieg nur zwei (!) Spieler einen für die Regionalliga gültigen Vertrag haben, dass es ein Team für die am 15. August gegen Viktoria Berlin beginnenden Punktspiele noch nicht gibt und dass auch Trainer Patrick Glöckner gegangen ist. Deshalb haben sie ein Treuhandkonto eingerichtet und hoffen auf jede Menge Einzahlungen. „Wir können nicht mehr schieben, nicht mehr wählen oder sagen ‚Schaun wir mal‘“, beteuert Romy Polster, „es ist die letzte Option, mit einer grandiosen Aktion die Mittel zu beschaffen, um den CFC zu retten. Es wäre sonst aus und vorbei.“

Derlei Sorgen haben sie in der Stadt, die durch den Bau des Trabi berühmt ist, zum Glück nicht. Allerdings haben auch sie mehrmals vor der Frage gestanden: Was nun? Dabei spricht die Tradition eher für sie als für den Nachbarn. Oft sind sie dabei die Ersten, so 1948 als SG Planitz der erste Ostzonen-Meister und 1950 als Horch Zwickau der erste DDR-Titelträger, der mit Heinz Satrapa den ersten Torschützenkönig stellt. Ab und an aber sind sie auch die Letzten, was in ihrem Fall nicht unbedingt mies ist. So gewinnen sie 1975 als letzte Betriebssportgemeinschaft den FDGB-Pokal (da mit dem in einem Finale ersten und für die Westsachsen legendären Elfmeterschießen gegen Dynamo Dresden und dem sagenhaften letzten Schuss von Jürgen Croy), und 1983 sind sie das letzte Gründungsmitglied, das absteigt, und zwar nach 33 Spielzeiten ununterbrochener Zugehörigkeit zur Oberliga.

Dass sich Geschichte wiederholt, hat die gerade zu Ende gegangene Saison gezeigt. Auf den letzten, ach was, auf den allerletzten Drücker haben die Zwickauer ihren Platz in der 3. Liga gesichert, natürlich als letztes Team. Durch ihren letzten Saisonsieg erst, mit dem sie den CFC abfangen, und durch das letzte 0:0 in Mannheim wird die Sache rund für den FSV. Die „Schwäne“ haben ihren Kopf aus der Schlinge gezogen, besser: ihn über Wasser gehalten.

Bessere Zeiten haben sie erlebt, vor allem vom Ritt durch Europa im Pokalsiegercup 1975/76 und dem Einzug ins Halbfinale nach Siegen über Panathinaikos Athen, AC Florenz und Celtic Glasgow schwärmen die Fans noch Jahrzehnte später. Diese und andere Momente sind wichtige Punkte auf einer virtuellen Zugreise durch die Geschichte von der SG Planitz über die ZSG Horch, Motor, Sachsenring und FSV zur „Endstation Vereinsmuseum“, das sie aufbauen. Weit schlechtere hat es jedoch auch gegeben mit der zunächst verpassten Qualifikation für die 2. Bundesliga, in der sie 1996 als Fünfter wiederum ein klein wenig sogar am Aufstieg kratzen, mit Insolvenzen und 2005 mit dem Tiefpunkt, dem Abstieg in die Landesliga Sachsen, dem Absturz in die Fünftklassigkeit, aus der sie sich langsam aufrappeln und 2016 mit dem Aufstieg in die 3. Liga zurückkehren auf Deutschlands Fußball-Landkarte.

Noch immer knabbern sie an den Sünden der Vergangenheit. An der, dass sie zu Jürgen Cros, ihrem einstigen Weltklasse-Torhüter, WM-Teilnehmer 1974, Olympiasieger 1976, dreimaliger Fußballer des Jahres und Ehrenbürger der Stadt, keinen guten Draht mehr pflegen. Auch an der, dass sie, wie Vorstandsmitglied Toralf Wagner sagt, „seit vier Jahren über ein Nachwuchs-Leistungszentrum sprechen, wir aber noch beim Nachwuchszentrum stehengeblieben sind“. Genau hier wähnen sie sich seit ein paar Tagen den womöglich entscheidenden Schritt weiter. Mit Jörg Böhme, wie Ballack Vize-Weltmeister von 2002 und derjenige, der den 1. FC Union im DFB-Pokalfinale 2001 beim 0:2 gegen Schalke mit einem Doppelpack abknipste, haben sie einen neuen Trainer für das U 19-Team.

Den Moment genießen sie trotzdem. Zu sehr geht ihnen das, was die Jungs um Trainer Joe Enochs auf der Saison-Zielgeraden gewuppt haben, unter die Haut. „Dieses Finale fühlt sich an wie ein Aufstieg“, sagt Mittelfeldmann Julius Reinhardt, mit 32 Jahren nach Angreifer Ronny König, 37, der Team-Oldie. Davy Frick, auch er im Mittelfeld zu Hause, ist noch immer hin und weg: „Wir sind immer wieder aufgestanden. Das hat der Fußball-Gott belohnt.“

Nur kommt auch für den FSV nach der Freude die Ungewissheit, wie es weitergeht. Dass sich der Etat wie im vergangenen Spieljahr bei rund 2,4 Millionen Euro bewegen soll, ist klar, weil die Drittligisten den aber in der Hauptsache von Zuschauereinnahmen und von Sponsoring stemmen, tappt der Vorstand angesichts der aktuellen Situation ein wenig im Dunkeln. Dessen Sprecher Tobias Leege bleibt vage: „Wir können noch nicht richtig sagen, was uns erwartet. Wir wissen, was unsere Kosten sind, wir wissen aber nichts über unsere Einnahmen.“ Eines wissen sie damit nur zu gut: Der Blick zu den Himmelblauen sollte die „Schwäne“ trotz der Klassenerhalts-Euphorie demütig machen.