Brasiliens Fußball-Legende Edson Arantes do Nascimento, viel, viel besser bekannt als Pelé, wird an diesem Freitag 80 Jahre alt. Foto: AFP

Es ist ein Ball. Ein nicht mehr ganz neuer. Er ist nicht wie mein erster, den ich als Kind bekommen habe und der Schnüre hatte, um die Blase darin zu schützen und sie bei Bedarf auszuwechseln und man den Abdruck dieser Schnüre nach einem Kopfball noch Stunden später auf der Stirn gesehen hat. Trotzdem ist dieser Ball 24 Jahre alt, mit ihm wurde bei der Europameisterschaft 1996 in England gespielt. Er ist sozusagen ein Edelstein der Fußbälle.

Was ihn so wertvoll macht, ist nicht, dass jemand damit ein wichtiges oder wunderschönes Tor erzielt und auch nicht, dass Deutschland damals zum vorerst letzten Mal den EM-Titel gewonnen hat, sondern diese, mit einem Filzstift hingezauberte Aufschrift: Good luck Pelé. Diese Kugel, veredelt durch den wahrscheinlich größten Spieler aller Zeiten, durch den Mann, der als Edson Arantés do Nascimento aus Tres Coracoes ins gut 400 Kilometer entfernte Santos ging und den dortigen FC zum besten Verein seiner Zeit machte und der trotz eines Ronaldo und eines Neymar noch immer Brasiliens Rekordtorschütze ist, besitzt für mich ganz hohen emotionalen Wert.

Immer, wenn ich den Ball in meinem Arbeitszimmer sehe, fliegen meine Gedanken wie selbstverständlich in die Vergangenheit. Hin zu diesem Jungen, der 1958 schon meinen Vater, eigentlich ein Fritz-Walter-Verehrer, begeisterte, weil er beim WM-Turnier in Schweden für offene Münder sorgte. Ein 17-Jähriger als Weltmeister, jünger war bis heute keiner auf dem höchsten Fußball-Thron, ein Juwel, das bei diesem Turnier sechs Tore, dabei einen Hattrick im Halbfinale gegen Frankreich und zwei weitere Treffer im Finale gegen den Gastgeber, erzielte und der weltweit gefeierte Teenager in einer ohnehin nicht zu übertreffenden brasilianischen Nationalelf war.

Damals, ich war gerade sieben und nach unserer Übersiedlung aus Oberschlesien nach Zwickau noch dabei, in die Geheimnisse der deutschen Sprache einzutauchen, ich war baff, als mein Vater mir nur aufgrund der Radioreportage sagen konnte, welche Mannschaft bei diesem 5:2 im Rasunda-Stadion gerade ein Tor erzielt hatte, habe ich kaum etwas verstanden. Dieses eine Wort, das immer und immer und immer wieder fiel, aber doch: Pelé.

Manches Mal noch schaue ich auf das Mannschaftsbild, das die Brasilianer nach diesem Triumph, dem ersten von mittlerweile fünf der Selecao, zeigt und auf dem Pelé in der ersten Reihe schüchtern wie ein Kind zwischen Didi und Vava hockt, beiden die Arme um die Schultern legt und nur noch staunt, als sei all das nicht von dieser Welt. Dabei scheint gerade er nicht von dieser Welt zu sein. Hinter Pelé, nur Zentimeter über seinem Kopf, thront die „Goldene Göttin“, der WM-Pokal, gehalten von Kapitän Nilton Santos.

Pelé also, dieser einmalige Fußballer, dieses Idol vieler Generationen, dieses Genie – wo anfangen mit einer Laudatio, wo, noch viel schwieriger, aber erst aufhören! Ein Ding der Unmöglichkeit, eigentlich. Als einziger ist dieser Bursche dreimal Weltmeister geworden, als einer der wenigen hat er in zwei WM-Finals getroffen (1970 beim 4:1 gegen Italien wieder), zum Welt- und zu Südamerikas Fußballer des Jahres hat man ihn gewählt, den Weltpokal hat er mit dem FC Santos geholt und zig andere Titel ohnehin. Und als es im Dezember 2000 darum ging, den Weltfußballer des Jahrhunderts zu küren, fiel die Wahl trotz eines Johan Cruyff, trotz eines Franz Beckenbauer, trotz eines Michel Platini und trotz eines Diego Maradona auf Pele.

Nicht von diesem Stern ist seine Fußball-Kunst gewesen. Mitspieler sowieso, aber auch Gegner haben in ihm einen nahezu Göttlichen gesehen. „Als ich Pelé spielen sah, wollte ich meine Fußballschuhe nur noch an den Nagel hängen“, sagte Just Fontaine, der große Franzose, 1958 WM-Torschützenkönig. „Nach dem fünften Tor wollte sogar ich applaudieren“, meinte Sigvard Parling, Mittelfeldspieler der Schweden im damals verlorenen WM-Endspiel. Für Alfredo di Stefano, den einstigen großen Meister von Real Madrid, stand felsenfest: „Der beste Spieler aller Zeiten? Pelé! Lionel Messi und Cristiano Ronaldo sind großartige Spieler mit außergewöhnlichen Fähigkeiten, aber Pelé war besser.“

Das größte Denkmal indes setzte ihm der Ungar Ferenc Puskas: „Ich weigere mich, Pelé als besten Spieler oder überhaupt als Spieler zu klassifizieren. Er war weit darüber.“ Womöglich ist es aber auch das: Ein Maradona wird vielleicht alle hundert Jahre geboren. Pelé? Nie und niemals wieder! Die Inkarnation der Rückennummer 10 ist er sowieso. Aber auch Gott, Außerirdischer, Messias?

Überall läuten Kirchenglocken, im ganzen riesigen Land. Die Jubelfeiern übertreffen fast den Karneval von Rio, der Staatspräsident ordnet einen Feiertag an, die Post gratuliert per Sonderbriefmarke. Dabei hat Pelé im Herbst 1969 nur ein Tor geschossen, eines von sehr, sehr vielen. Es ist sein eintausendstes. Und der Ball, mit dem Pelé dieses Tor erzielt, nicht wie so oft mit einem Kunststück, sondern für ihn geradezu läppisch mit einem Elfmeter, ist die „Blaue Mauritius“ im Museum des Maracana-Stadions.

Auch in Santos, wo er fast seine ganze einmalige Karriere verbracht hat, haben sie ihm im Stadion ein Museum gewidmet. In der Umkleide des aktuellen Teams gibt es ein Fach, das einem Altar ähnelt und auf dem außer der 10 sein Name steht, Pelé. Es scheint, als wäre das alles wie in Stein gemeißelt. Als ich vor zehn Jahren selbst dort war, strahlte die Aura des Größten unter den Großen bis ins Heute.

Über sein Vermächtnis hat „König Fußball“ einmal gesagt: „Ich bin für den Tod gewappnet. Der Bürger Edson Arantés do Nascimento hat alle Höhen und Tiefen des Lebens gemeistert, er hat gelacht und geweint, er hat viele Schmerzen erleiden müssen und viele Triumphe ausgekostet. Aber er ist sterblich. Pelé dagegen ist unsterblich und er wird der Traum vieler Kinder bleiben.“ Meiner, obwohl lange kein Kind mehr, bleibt er auch. Wegen des Balles mit seinem Autogramm und vor allem deshalb, weil der Göttliche heute erst 80 wird und als Unsterblicher damit selbst noch ein Kind ist. 

Good Luck, Pele: Diese Ball gehört zu den größten Schätzen unseres Autors.
Foto: zVg