Pele brachte der Welt so viel Freude mit seiner Magie und Menschlichkeit. Donnerstag verstarb der brasilianische König des Fußballs mit 82 Jahren.
Pele brachte der Welt so viel Freude mit seiner Magie und Menschlichkeit. Donnerstag verstarb der brasilianische König des Fußballs mit 82 Jahren. imago Images/Giaco Mino

Zwölf Jahre ist es her. Anfang Dezember 2010 war es. Zu meinem 60. Geburtstag erfülle ich mir einen Traum. Mein Ziel: Brasilien, das Land mit Zuckerhut, Copacabana und Ipanema. Gleich nach Rio de Janeiro, aber dann: Santos, die 400.000-Einwohner-Metropole mit dem größten Seehafen des Landes und dem größten Containerhafen Südamerikas.

Die Stadt strahlt in der Frühlingssonne. Das berühmte Kaffeemuseum lockt Besucher aus aller Herren Länder. Etwas abseits des Touristenstroms, ein wenig versteckt sogar und nicht großartig angepriesen, verbirgt sich ein nicht einmal großes Stadion. Knapp 22.000 Zuschauer passen hinein, vom Fassungsvermögen ist es mit dem Stadion des 1. FC Union zu vergleichen, auch wenn die Alte Försterei moderner ist, enger, heimeliger.

FC Santos wird durch Pele zum Mythos

Das Pele-Museum seines Heimatvereins FC Santos ist seit Jahren eine Pilgerstätte.
Das Pele-Museum seines Heimatvereins FC Santos ist seit Jahren eine Pilgerstätte. imago images/News2

Zum Mythos wurde das Estadio Urbano Caldeira, unter Anhängern bekannt als Vila Belmiro, durch seine Geschichte und durch den größten Fußballer, der hier 18 Jahre, von 1956 bis 1974, seine Heimspiele austrug und der das Museum im Innern dieser Arena maßgeblich prägt: Pele.

An dem Spind, in dem für immer das Trikot mit der Rückennummer zehn hängt, an seinen Schuhen und den Pokalen, die der FC Santos mit und dank Pelé gewann, darunter die für den Weltpokalsieger und die Copa Libertadores, drücken sich die Fans die Nasen platt und halten den Atem an, viele beten. Das alles ähnelt einem Schrein, einem Altar. Es ist die Huldigung für „El Rei“, den König, dem sie nicht nur hier, 350 Kilometer südwestlich von Rio de Janeiro, regelrecht zu Füßen liegen.

Erster Kontakt zu Pele ist bruchstückhaft

Die heilige Nummer zehn. Pele machte sie durch seine Spielweise berühmt. 
Die heilige Nummer zehn. Pele machte sie durch seine Spielweise berühmt.  imago images/Independent Photo Agency

Es ist die Erinnerung an einen Zauberer seines Sports, an einen Mythos, der diese Nation mit seiner Kunst erst zu dem machte, was sie mit ihrer Selecao, ihrem Nationalteam, schon immer sein wollte: zur Nummer eins in der Welt des Fußballs.

Pele, eigentlich ja Edson Arantes do Nascimento, hat es mir schon immer angetan. Gerade siebeneinhalb Jahre alt und nach der Übersiedlung mit der Familie aus Polen nach Zwickau ein knappes halbes Jahr zuvor des Deutschen längst nicht in allen Facetten mächtig, höre ich mit meinem Vater im Radio die Liveübertragung des WM-Endspiels 1958 in Schweden.

Fast nur bruchstückweise, auch weil es auf der Kurzwelle rauscht und knarzt, bekomme ich mit, was in Stockholm passiert, und staune, dass mein Vater bei einem erneuten Tor immer weiß, wie es im Moment steht und dass Brasilien mit einem 5:2 erstmals Weltmeister geworden ist.

In England wird Pele zusammengetreten 

Ein Name aber bleibt hängen und wird es für immer bleiben: Pele, 17 Jahre jung, zwei Tore hat er in diesem Endspiel erzielt und den Fußball auf ein neues Niveau gehoben.

Vier Jahre später, die WM findet in Chile statt, lausche ich selbst am Radio und leide. Der König ist verletzt, er verpasst das Finale, Brasilien aber wird trotzdem Weltmeister. 21 ist Pelé erst und steigt erneut auf den Thron.

Wieder vier Jahre später ist das Leid noch viel größer. Regelrecht zusammengetreten wird der überragende Fußballer seiner Zeit beim Turnier in England. Brasilien scheidet nach den Gruppenspielen aus und Pele ist der tragische Held.

Pele bleibt für viele größter Fußballer aller Zeiten 

Zwei Giganten unter sich: Pele und Maradona, der vor zwei Jahren starb.
Zwei Giganten unter sich: Pele und Maradona, der vor zwei Jahren starb. imago images/Independent Photo Agency

Umso grandioser fällt seine Rückkehr 1970 in Mexiko aus. Bei seiner vierten WM ist er 29, aber längst der Grandseigneur des Weltfußballs. Beim 4:1-Finale gegen Italien zeigt er mit dem 1:0, dass er es auch per Kopf versteht.

Was danach kommt, ist ein Leben als Legende, als Repräsentant, als Botschafter für dieses und jenes, ein Leben als Politiker (Pele ist Sportminister Brasiliens), vor allem aber – trotz Diego Maradona, Franz Beckenbauer, Johan Cruyff, Zinedine Zidane, Cristiano Ronaldo und Lionel Messi – ein Leben als der für viele größte Fußballer aller Zeiten.

Pele will erst gar nicht Pele genannt werden

Diese Legende, die zuerst gar nicht Pele genannt werden will, weil der Name dem Jungen nicht gefällt, über den sein Entdecker Waldemar de Brito seiner Mutter Celeste, die im November 100 Jahre alt geworden ist, jedoch ans Herz legt: „Passen Sie gut auf den Jungen auf. Er ist ein Geschenk Gottes.“ Dorthin, zu Gott, ist Pele am Donnerstag 82-jährig gegangen, nachdem die Krebserkrankung fortgeschritten war, er nur noch palliativ betreut wurde und nach multiplem Organversagen im Kreis seiner Familie starb.

Der scheidende Staatspräsident Jair Bolsonaro („Pele hat Fußball in Kunst und Freude verwandelt“) hat eine dreitägige Staatstrauer ausgerufen. Bolsonaros Nachfolger Luiz Inacio Lula da Silva, der am Sonntag als Regierungschef vereidigt wird, sagte: „Pele ging, um mit Coutinho, seinem großartigen Partner bei Santos, im Himmel Doppelpass zu spielen.“

Pele wird Montag aufgebahrt und Dienstag beerdigt

Am Montag wird Peles Leichnam vom Albert-Einstein-Krankenhaus in Sao Paulo nach Santos überführt und der Sarg im Estadio Urbano Caldeira im Mittelkreis zur Totenwache aufgebahrt. Am Dienstag führt der Leichenzug vorbei auch am Kanal 6, wo Peles Mutter Celeste wohnt, hin in eine Gruft im neunten Stock des Memorial Necropole Ecumenica, einem Friedhof im Hochhaus-Format und dem am höchsten aufragenden Friedhof der Welt.

Vor 19 Jahren schon hatte Pele sein Grab gekauft. Der neunte Stock ist eine Referenz an seinen Vater Joao Ramos, der einst mit der Rückennummer neun stürmte. „Es ist ein Ort, der Frieden und Ruhe ausstrahlt, wo niemand sich deprimiert fühlt“, hatte Pele einst gesagt.

Es ist zugleich ein Ort, von dem aus man einen guten Blick auf das Stadion des FC Santos hat. Deshalb geht der König für die Ewigkeit nicht ganz. In den Herzen der Anhänger lebt der jüngste Weltmeister aller Zeiten, der einzige Spieler mit drei WM-Titeln und der Jahrhundertfußballer weiter.

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