Legenden unter sich: Otto Fräßdorf mit Peter Ducke (l.) und Frank Schöbel. Imago Images

Es sollte eine Überraschung werden. Zumindest eine kleine. So, wie er das in vielen Partien mit seinen Gegenspielern gemacht hatte und sie nicht ahnten, was dieser flinke und trickreiche Typ gerade vorhatte und er es vielleicht manchmal selbst nicht so genau wusste. „Wir verbringen ein paar Tage an der Ostsee, wir sind im Neptun in Warnemünde. Das mag er sehr, dorthin sind wir immer wieder gern hingefahren. Deshalb machen wir das zu seinem 80. Geburtstag mal wieder“ – so die Idee seiner Frau Karin.

Sie hat ihren Otto einfach eingesackt, ist losgefahren – und nun weilen die Fräßdorfs aus Bestensee, etwas südöstlich von Berlin gelegen, am Alten Strom, am Teepott und am 37 Meter hohen Leuchtturm, um es sich in dieser insgesamt nicht einfachen Zeit gutgehen zu lassen. „Ach, wir sind, wenn es irgendwie geht, ziemlich häufig unterwegs“, sagt Karin Fräßdorf und genießt die Tage und auch mal Wochen in der Fremde, „wir haben auch schon etliche Kreuzfahrten unternommen und fühlen uns immer wieder wohl.“

Einen großen Bahnhof wollen sie nicht, auch zum 80. ihres Mannes am 5. Februar nicht, das strengt ihn zu sehr an, weil er nicht mehr so fit ist wie einst und es lieber gemächlich hat. „Wir gehen es ruhig an“, meint Karin „und lassen uns verwöhnen. Dafür ist Warnemünde immer ein angenehmer Ort.“

Otto Fräßdorf: Mit 20 Jahren in der Meisterelf

Otto Fräßdorf beim Jonglieren mit dem Kopf. Imago Images

Es ist ein wenig ruhig geworden um Otto Fräßdorf, den einstigen Flügelflitzer des damaligen Armeesportklubs (ASK) Vorwärts Berlin, der später zum FC Vorwärts wurde. Neun Jahre hat er für die Gelb-Roten gespielt und in 183 Oberliga-Punktspielen 31 Tore erzielt. Das ist eine fabelhafte Quote für einen, der zwar als Rechtsaußen beginnt, seine größten Spiele aber als rechter Verteidiger absolviert.

1962 schon, als gerade 20-Jähriger, gehört Fräßdorf zur Meisterelf des ASK, in einer Saison, in der auch Jimmy Hoge mit seinen Flügelläufen dort noch begeistert. Drei Jahre später, beim nächsten Vorwärts-Titelgewinn, ist Fräßdorf längst Stammspieler und bei seinen Meistertiteln drei (1966) und vier (1969) sowie beim Triumph im FDGB-Pokal 1970 mit einem 4:2 im Finale gegen den 1. FC Lokomotive Leipzig schon ein alter Hase.

Fräßdorf gewann Olympia-Bronze in Tokio 1964

Otto Fräßdorf (r.) spielte lange Jahre für die DDR. Höhepunkt war 1964 Olympia-Bronze in Tokio. Imago Images

Schnell haben die Anhänger einen Narren gefressen an dem verwegenen Typen mit den wenigen Haaren. Grandios sind seine Flügelläufe und kommt Fräßdorf einmal in Fahrt, schallen fast schon kultige „Ot-tooo! Ot-tooo!“-Rufe durch die Stadien. Ein Pfundskerl ist er sowieso, Pferde könne man mit ihm stehlen, beteuern seine damaligen Mitspieler. Die meisten davon, so Jürgen Nöldner, Gerhard Körner, Rainer Nachtigall und Werner Unger, stehen im Nationalteam. Weil schließlich der damalige Trainer Karoly Soos für Olympia 1964 noch einen Mittelstürmer sucht, legen die Vorwärts-Asse dem Ungarn ihren Mitspieler ans Herz. Der bedankt sich mit einem Treffer zum 4:1 gegen die Sowjetunion im entscheidenden Quali-Spiel für Tokio und kommt aus Japan mit einer Bronzemedaille zurück. Noch viele Jahre später sagt Fräßdorf: „Tokio war mein schönstes Erlebnis.“

Dort auch wird der Grundstein für seine „zweite Karriere“ gelegt. Weil Kapitän Klaus Urbanczyk mit einer schweren Knieverletzung für lange Zeit ausfällt und auf dessen Position als rechter Verteidiger Not am Mann herrscht, schult Fräßdorf einfach um. Vielseitig ist er schon immer und nur einem Zufall ist es zu verdanken, dass aus ihm ein Fußball-Nationalspieler wird und kein Kunstturner.

Otto Fräßdorf witzelt über sein Alter

In jungen Jahren, der schmächtige Bursche aus der Börde hat gerade eine Lehre als Schiffbauer begonnen, wird er mit der Riege seiner Berufsschule Kreismeister am Barren, am Reck und am Boden. Dieser Teufelskerl kann einfach alles.

So auch rechter Verteidiger, und zwar ebenso elegant wie souverän. Dass er in dieser Rolle in einem seiner 33 Länderspiele bei einem 2:2 in Moskau sogar dem legendären Lew Jaschin, später zum Welt-Torhüter des 20. Jahrhunderts gewählt, einen Ball ins Netz zaubert („Ein Tor gegen Jaschin zu schießen ist der Traum eines jeden Fußballers“), ist Bonbon und i-Tüpfelchen zugleich einer spektakulären Karriere.

Eines hat dieser einmalige Typ trotz seiner jetzigen Wehwehchen dennoch nicht verloren: seinen Humor. „Was, 80 werde ich? Das ist ja ein Ding! Ich werde es trotzdem genießen und – bis bald mal in alter Frische!“

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