Joachim Streich feiert am Dienstag seinen 70. Geburtstag. dpa/Ronny Hartmann

London. Wembley. Der heilige Rasen. Im Mutterland des Fußballs sind sie Traditionalisten durch und durch. Im Stadion mit den Zwillingstürmen, die es damals dort gab, erst recht. Nirgendwo, wo es um den Ruhm und vor allem um die Ehre eines großen Kickers geht, legen sie mehr Wert darauf, den Moment zu genießen. Seit 1923 tragen sie ihre Pokalendspiele hier aus und feiern den Champion. 1966 trugen die eigenen Spieler ihren Kapitän Bobby Moore, den Cup Jules Rimet für den WM-Triumph in der Hand, auf Schultern über den Rasen.

Es gibt keinen besseren Ort, als gerade dort ein Jubiläum zu feiern, eines, das es zu seiner Zeit noch nicht so inflationär gegeben hat wie heute und das am 12. September 1984 fällig war: ein 100. Länderspiel. Vor allem für einen, der aus dem Osten Deutschlands kommt, aus der DDR, und der viele Jahre zwischen Wismar und Rostock gependelt, mit 24 Jahren nach Magdeburg gekommen ist und spätestens von dort die Fußball-Welt erobert hat, ist es wie aus einer anderen Welt: für Joachim Streich, der heute seinen 70. Geburtstag feiert. Er ist mit 229 Treffern der mit Abstand erfolgreichste Torjäger der Oberliga, mit 55 Treffern im Nationalteam auch dort der Rekordschütze und mit 102 Länderspielen, von denen der Weltfußballverband heute das eine oder andere allerdings nicht mehr gelten lässt, auch der Rekord-Nationalspieler.

Dixie Dörner verzichtete auf die Kapitänsbinde

„Das mit dem Jubiläum gerade in Wembley habe ich doch sauber hinbekommen“, sagt Streich mit seinem Lachen, das noch immer an einen Spitzbuben erinnert, „einen klassischeren Rahmen hätte ich mir im Traum nicht wünschen können.“ Zumal Hans-Jürgen „Dixie“ Dörner zu Ehren des Jubilars auf seine Kapitänsbinde verzichtete und Streich das Nationalteam in den Fußball-Tempel führen durfte.

Schon vor dem Anpfiff überreichte England-Kapitän Peter Shilton, jener Torhüter, der bei der WM 1986 in Mexiko das Tor durch die „Hand Gottes“ von Diego Maradona würde hinnehmen müssen und später dem besten Angreifer des DDR-Fußballs in den „Klub der Hunderter“ folgte, eine silberne Schale. „Da kannst du noch so viele Tore geschossen und noch so viele gute Spiele gemacht haben“, sagt Streich, „so etwas vergisst du bis ans Ende deiner Tage nicht.“ Erst recht nicht, weil beim anschließenden Bankett Sir Stanley Rous, der legendäre englische Präsident des Fußball-Weltverbandes, eine launige Rede auf den Angreifer von der anderen Seite des Eisernen Vorhangs hielt. „Durch so etwas fühlst du dich regelrecht geadelt“, findet Streich.

Mit den Engländern ist Streichs einmalige Karriere zu Ende gegangen (zwei Länderspiele nur noch folgten dem 0:1 und ein Tor), mit den Engländern hat sie 15 Jahre zuvor in Leipzig international auch angefangen. „Es war das Uefa-Juniorenturnier“, erinnert sich Streich, „das später in den Rang einer U-18-Europameisterschaft gehoben wurde. Wir sind nach einem 1:1 im Finale gegen Bulgarien und einem verlorenen Losentscheid, Elfmeterschießen gab es noch nicht, Zweiter geworden. Aber in unserer Gruppe spielten wir auch gegen die Engländer und haben sie 4:0 geschlagen. Das war eigentlich der Anfang.“

Die Engländer standen Spalier

Auch wenn Streich in dieser Partie keinen Treffer erzielte, das Spalier, das die Engländer trotz ihrer deftigen Niederlage bildeten, und wie sie den Gewinnern zum verdienten Erfolg und zum Gruppensieg applaudierten, hat auch ihn stark beeindruckt. Einen Monat zuvor war er gerade 18 geworden und auf dem Sprung in die Oberliga-Elf des FC Hansa Rostock, „aber eine derart faire Geste des Gegners, zumal der gerade eine seiner schlimmsten Abreibungen bekommen hat, brennt sich noch mehr in dein Gedächtnis ein als vieles andere“.

Von da an geht’s für Streich steil nach oben, das erste A-Länderspiel folgt nur Monate später bei einem 1:1 in Bagdad gegen den Irak, das erste Tor Ende 1971 bei einem 1:1 in Berlin gegen die CSSR. Er steht 1972 in der olympischen Elf, die in München Bronze gewinnt, und ist bei der WM 1974 dabei. Doch es geht auch mal wieder steil nach unten. Mit Hansa steigt Streich, der spätere viermalige Torschützenkönig, aus der DDR-Oberliga ab, weil er im letzten Saisonspiel, einem 1:1 beim bereits abgestiegenen Sozusagen-Nachbarn Vorwärts Stralsund, einen Elfmeter verschießt.

1979 bekam Joachim Streich den „Silbernen Fußballschuh“ zur Auszeichnung als DDR-Fußballer des Jahres überreicht. Foto: dpa

An der Küste nehmen sie ihm übel, dass er trotz des verschossenen Elfmeters sagt: „Ich bin trotzdem der Beste hier.“ Genau das zeichnet ihn jedoch aus, diese im sozialistischen Sport als unmöglich angesehene Schnoddrigkeit, dieses grenzenlose Selbstvertrauen ins eigene Können, dieses „Ich-bin-der-Streich-und-die-anderen-sollen-erst-einmal-zeigen-dass-sie-besser-Sind“.

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Manches wird ihm unterstellt, manches dazugedichtet. So habe er bei einem Messe-Cup-Spiel bei Panionios Athen gleich in seiner ersten Saison bei den Männern den Besuch auf der Akropolis verweigert mit der Begründung, er habe beim Skat gerade so einen tollen Grand auf der Hand, den er in hundert Jahren nicht noch einmal bekommen würde, die Akropolis aber würde dann trotzdem noch stehen und er könne den Besuch ja nachholen. „Das klingt zwar locker und frech, aber das stimmt nicht“, widerspricht Streich, „ich war gerade 18 und hätte mich niemals getraut, so etwas zu sagen. Außerdem gab es ganz andere, die Skat gekloppt haben, die Alten. Ich hätte mich höchstens hinter sie stellen und kiebitzen dürfen.“

Magdeburg und Streich, ein gegenseitiger Glücksfall

Selbstvertrauen hin, große Klappe her, Abstieg ist Abstieg. Nur hat dieser Abstieg 1975 für Streich auch etwas Gutes. Zwar möchte er nach Jena, zum FC Carl Zeiss, um dort die Stürmernachfolge des in die Jahre gekommenen Peter Ducke anzutreten, das aber lassen die Funktionäre nicht zu. Die Alternative lautet: Magdeburg oder in Rostock bleiben.

Joachim Streich jubelt über das 1:1 der DDR-Nationalmannschaft gegen Argentinien bei der Weltmeisterschaft 1974. Foto: Imago

Also Magdeburg. Das ist für die Blau-Weißen von der Elbe ein ebensolcher Glücksfall wie für Streich, der für den 1. FCM zweimal Fußballer des Jahres wird. „Wir sind zwar nicht mehr Meister geworden, dafür aber dreimal Pokalsieger. Was aber noch viel wichtiger ist“, stellt er im Alter fest, „wir waren eine menschlich richtig gute Truppe und sind es heute noch. Wir treffen uns, haben häufig bei Vereinsjubiläen oder anderen Festen gespielt und werden, wenn es wieder möglich sein wird, wieder antreten.“ Daran hindert ihn selbst ein künstliches Hüftgelenk nicht. „Die Leute wollen uns Alte doch sehen. Wir machen das ein wenig für uns, noch mehr wohl aber, denke ich, für sie.“

Gern hätte er auch sein eigenes Jubiläum anders gefeiert, nicht im heimischen Möckern in der Nähe von Magdeburg, sondern mit Ehefrau Marita und Tochter Nadine in Kühlungsborn. An der Ostsee. Genau dort, wo seine Wurzeln liegen. „Dort waren wir schon zu meinem 60. und wollten auch zum 70. wieder hin.“ Das aber ist nicht schlimm für einen, der ganz andere Hürden übersprungen, Hindernisse umdribbelt und trotzdem so oft wie kein zweiter in der DDR das gegnerische Tor getroffen hat: „Dann eben zum 71.“