Mit Tränen in den Augen kommt Liverpools Trainer Jürgen Klopp in seinem Auto an seinem Haus in Formby an. Weil Rivale Manchester City bei Chelsea patzte, gewannen der FC Liverpool vorzeitig die englische Meisterschaft.  Foto: Peter Byrne/PA Wire/dpa

Es ist vollbracht. Nur noch zum Schaulaufen treten die Champions am Donnerstag beim entthronten Titelverteidiger Manchester City an. Jürgen Klopp schossen die Tränen in die Augen, dann brach er sein erstes Meister-Interview überwältigt ab. „Sorry, Gentlemen – ich bin durch“, sagte er mit brüchiger Stimme, rückte seine Liverpool-Mütze mit aufgestickter Deutschland-Fahne zurecht und ging zurück zu seinen wild tanzenden Spielern. 30 lange Jahre hatten die Reds auf diesen Tag gewartet, und nun wollte der gesamte Klub nur noch feiern.

Klopp selbst hatte dafür gesorgt, dass sein Team im noblen Hotel Formby Hall Golf Club gemeinsam die entscheidende Pleite des Rivalen verfolgte. „Ich habe gesagt: Jeder muss dabei sein. Wer das Spiel alleine geschaut hätte, hätte es für den Rest seines Lebens bereut“, so der 53-Jährige. Um 22.09 Uhr Ortszeit war es dann so weit. „Wir haben die letzten fünf Sekunden heruntergezählt. Und dann war es eine pure Explosion“, so Klopp aufgewühlt.

Das galt auch für die Fans, die sich bei dem Deutschen bedankten. „Jürgen Meister“ stand in der „Jägermeister“-Schrift auf einer Fahne, die im Stadion an der Anfield Road hing. Auf den Straßen feierten Tausende Anhänger den sehnlichst erwarteten Titel und ihren „Jurgen“. Damit ignorierten sie Klopp, der wegen der Corona-Pandemie fast gefleht hatte: „Ich hoffe, dass ihr zu Hause bleibt. Geht vor euer Haus und feiert, wenn ihr wollt, aber mehr nicht.“

Längst gibt es Forderungen nach einer Statue für den ehemaligen BVB-Coach. „Ich denke, ich muss meinen Spitznamen ‚Gott‘ an Jürgen abgeben“, sagte etwa Robbie Fowler. Und Bruce Grobbelaar, noch so eine Klublegende, meinte gar: „Für mich ist er die Wiedergeburt von Shankly in einem deutschen Körper. Er ist ein charismatischer Kerl, einfach brillant.“

Bill Shankly, dieser Name fiel häufiger in dieser Nacht. 1964, 1966 und 1973 hatte der 1981 verstorbene Coach den LFC zur Meisterschaft geführt. Nun trat Klopp in seine Fußstapfen. „Dieser Erfolg ist auch für Shankly und Paisley, für Fagan und Dalglish, für Souness und Gerrard“, sagte Klopp über all die Ikonen.  

Von der Wiege bis zur Bahre: Kendall (5) und Sadie (3) feiern mit der Nachbildung der Premier-League-Trophäe an der Außenwand des LFC-Stadions an der Anfield Road.  Foto: Oli Scarf/AFP

Als Klopp vor viereinhalb Jahren nach Anfield kam, versprach er einen Titel – und hielt 2019 mit dem Champions-League-Triumph Wort. „Jürgen Klopp und Liverpool sind wie füreinander bestimmt. Niemand hat die Stadt seit Beginn der Premier-League-Ära wie er für sich eingenommen. Er hat den Trübsinn über Anfield vertrieben“, schrieb die Daily Mail. Die italienische Gazzetta dello Sport urteilte gar: „Klopp rückt zu Liverpools fünftem Beatle auf.“

Und Klopp? Feierte zwar ebenfalls ausgelassen, offenbarte aber auch einen ungewöhnlichen Blick in sein Seelenleben. Nach dem ersten Jubel habe er sich „innerlich leer gefühlt“, verriet er und fügte an: „Ich bin selbst nicht zufrieden, dass ich so gefühlt habe. Aber in dem Moment war es einfach zu viel für mich.“ Die historische Dimension habe ihn umgeworfen. „30 Jahre! Vor 30 Jahren, da war ich 23. Und ich habe sicher nicht daran gedacht, mit Liverpool Meister zu werden. Ich hatte gar nicht die Fähigkeiten dazu.“

Doch jetzt, im Jahr 2020, ist der Traum Realität geworden – und Klopp „King“. Er hat noch lange nicht genug. „Unsere unglaubliche Reise ist noch nicht vorbei. Meine Jungs haben noch ein paar gute Jahre in den Beinen“, sagte der Meistermacher.