Das leere Olympiastadion nach dem letzten Geisterderby im Mai. Foto: City-Press/Jan-Philipp Burmann

Es ist das Spiel des Jahres. Stadtderby: Hertha BSC gegen Union Berlin, Freitagabend, 20.30 Uhr. Aber keiner darf hin. Wie schon im Mai dieses Jahres, als das aufregendste Duell, das man sich für den Fußball in Berlin nur denken kann, wegen der Corona-Pandemie ohne Stadionpublikum ausgetragen werden musste. Im Olympiastadion, das so ganz ohne Menschen vielleicht noch den einen oder anderen Architekten begeistern mag, aber bei einem Fußballspiel nicht nur für die Akteure, sondern auch für die Fernsehzuschauer die denkbar trostloseste Kulisse schafft.

Auch Union-Manager Oliver Ruhnert war davon schwer beeindruckt, wie er erst zu Beginn dieser Woche in einem Interview mit dem Kicker noch einmal bestätigte. Er sagte: „Im Mai in dieses Riesenstadion zu kommen und diese Katastrophenatmosphäre miterleben zu müssen, war ein schlimmes Erlebnis. Dafür konnte natürlich niemand etwas. Aber das hat mir nachhaltig Kopfschmerzen bereitet. Da habe ich das erste Mal so richtig gemerkt, was los war.“

Geisterstimmung schmälert die Vorfreude

Die Aussicht auf ein weiteres Geisterderby schmälert also schon ein klein wenig die Vorfreude auf die Auseinandersetzung zwischen den beiden Bundesligisten, die zwar in einer Liga spielen, aber gegensätzlicher nicht sein könnten. Diese Gegensätzlichkeit ist auch andernorts in Deutschland immer noch zu beobachten, in Hamburg beispielsweise, wo es auch für den heranwachsenden Fußballfan kein Sowohl-als-auch gibt, sondern nur ein Entweder-oder zwischen dem FC St. Pauli und dem Hamburger SV. Allerdings ist in Städten wie München, Stuttgart oder Leipzig doch einiges von der Schärfe der Derbys verloren gegangen. Und das aus dem ganz einfachen Grund, dass Klubs wie 1860 München, die Stuttgarter Kickers oder Lok Leipzig mit dem jeweiligen Stadtrivalen nicht mehr auf Augenhöhe sind oder eben auch nie so richtig waren.

In Berlin ist das, welch Glück, alles anders. Was zur Folge hat, dass die Begegnung zwischen den Eisernen und den Blau-Weißen vor allem unter sportlichen Gesichtspunkten eine besondere Brisanz erfährt. Einerseits ist Union mit 16 Punkten aus neun Spielen so gut in diese Saison gestartet, dass man sich in Köpenick schon Fragen nach einer Korrektur des Saisonziels, Stichwort Europa, erwehren muss. Andererseits kann die Mannschaft von Hertha BSC trotz der extrem kostspieligen Auffrischung des Kaders allem Anschein nach nicht die Erwartungen erfüllen. Nicht die ihrer Fans, aber vor allen Dingen nicht die des Investors Lars Windhorst, von dessen Engagement die Zukunft des Klubs abhängig ist. Mit nur acht Punkten aus neun Spielen hat sich die Elf von Trainer Bruno Labbadia jedenfalls in eine äußerst kritische Situation gespielt, steht an einem Punkt, an dem es eine Trendwende braucht, damit die Saison nicht im Desaster endet.

Der 1. FC Union könnte also mit einem Sieg direkt Einfluss auf das Wohl und Wehe von Hertha BSC nehmen, sich als Krisenverstärker erweisen. So geht es dieses Mal im Sinne der Fans zwar wieder einmal um die Stadtmeisterschaft, aber eben auch um ein bisschen mehr.