Hallenser unter sich: Klaus Urbanczyk (l.) beim Tribünen-Plausch mit Bernd Bransch. Foto: Imago Images

So etwas grenzt regelrecht an Magie. Etwas weniger euphorisch nennt man es auch Punktlandung. Selten genug spielen Fußballer aus Halle in der DDR-Oberliga eine dominierende Rolle. Anfangs, na gut, da noch, 1949 nämlich wird die ZSG Union Meister der Ostzone, 1952 gewinnen die Saalestädter als Turbine den Meistertitel. Aber sonst? Nichts, Pustekuchen! Bis auf 1971 vielleicht, als sie, allerdings satte neun Punkte hinter Titelträger Dynamo Dresden und drei hinter Carl Zeiss Jena, Meisterschaftsdritter werden. Dann aber, als nicht einmal sie so richtig damit rechnen, sind sie wie auf Kommando da. Als Vierter der Abschluss-Saison schaffen sie den Sprung in die Zweite Bundesliga und in den Uefa-Cup. Das ist ganz und gar verrückt und die Geschichte von Hallensern, Halloren und Hallunken.

Ganz bestimmt weiß man im DDR-Fußball so etwas von den Jenaern Peter und Roland Ducke und von Konrad Weise, vom Zwickauer Jürgen Croy, von den Dresdnern Hansi Kreische und Dixie Dörner – dann schon kommt man jedoch ins Grübeln. Es wird eng, will man große Fußballer mit nur einem Verein verbinden, weil sie in ihrer stolzen Karriere nie anderswo gespielt und meist nicht einmal einen Gedanken daran verschwendet haben, sondern immer nur an „ihren“ Verein. So wie in Halle, weil sie auch so einen haben, der stets und ständig bei ihnen geblieben ist, obwohl sie ihn gedrängelt und gebettelt, fast gezwungen und um ein Haar nahezu genötigt hätten. Sie haben ihn mit Klaus Urbanczyk.

Auf Klaus hört er fast gar nicht, wie selbstverständlich nennen sie ihn „Banne“, alle. Heute, gestern und auch vorgestern schon. Wie bereits 1964, als Urbanczyk die Olympia-Auswahl der DDR als Kapitän nach Tokio und dort zu Bronze führt. Károly Sós ist der Trainer, ein Ungar mit nahezu väterlicher Nähe zu seinen Spielern, die er durch eine bewusst lakonische Sprache noch enger zieht. „Banne“, sagt er zu seinem besten Abwehrmann, „willst du weiter sein Nationalspieler, musst du wechseln in einen andere Mannschaft.“ Urbanczyk erinnert sich an dieses Gespräch, als hätte es der längst verstorbene Trainer erst vorige Woche mit ihm geführt. „Warum soll ich wechseln?“, fragt Urbanczyk zurück, „ich fühle mich wohl und ich bleibe.“ Da setzt Sós ihm die Pistole auf die Brust: „Dann musst du immer sein beste Spieler in deine Mannschaft, immer, immer, immer. Sonst ist aus, sonst ist vorbei.“

Er ist der Beste. Vielleicht nicht immer, aber fast. Denn Bernd Bransch, der andere Verteidiger von Weltklasse, der Kapitän bei der WM 1974 und auch Olympiasieger 1976, ist da noch nicht ganz so weit. „Ich hätte es nicht übers Herz gebracht“, versichert Urbanczyk, „meinen Verein zu verlassen, das wäre mir nie in den Sinn gekommen.“

Mit anderen Worten: Urbanczyk ist, wie übrigens auch Bransch, Hallenser, geboren in der Saalestadt. So einer ist auch Toni Lindenhahn, die Konstante im Drittliga-Team, seit 2009 dabei und mit 190 Einsätzen in dieser Spielklasse, alle natürlich für den HFC und die meisten davon als Verteidiger, der Dauerbrenner. Deshalb auch spannt Urbanczyk diesen ziemlich großen Bogen vom Damals zum Heute so gern und sagt, „Lindenhahn ist einer, wie auch ich einer gewesen bin. Da kann kommen, was will, er bleibt ein Hallenser.“

Dabei: Ihren größten Erfolg, die Qualifikation für die Zweite Bundesliga, haben sie nicht allein mit Hallensern wuppen können, auch nicht mit Halloren – sowohl die einst hier angesiedelten Salzsieder werden so genannt als auch die speziellen Schokoladenkugeln –, sondern mit Hallunken. Mit dem Doppel-l verweisen sie scherzhaft darauf, dass es sich um Zugereiste handelt. So wie Dariusz Wosz einer ist, als Elfjähriger mit seinen Eltern aus Polen gekommen, aus Oberschlesien. Er und René Tretschok, weil aus dem benachbarten Wolfen stammend und damit nur ein halber Hallunke, beide noch im Teenie-Alter, der eine 18, der andere 19, werden zu Publikumslieblingen erstens beim Wiederaufstieg 1987 in die Oberliga und noch stärker drei Jahre später beim Sprung in den gesamtdeutschen Fußball.

Was jedoch dann passiert, ist weder Hallenser noch Hallore und auch nicht Hallunke, es stinkt nach Hallodri. Ein grandioses Desaster ist im Anmarsch. Der HFC, längst ist das einstige Chemie aus dem Vereinsnamen verschwunden, geht ab wie eine Rakete – nur nach unten! Abstieg aus der Zweiten Bundesliga, auch weil Wosz nach Bochum wechselt und Tretschok nach Dortmund, wo er mit dem BVB 1997 die Champions League gewinnt. Da der HFC 1994 die Qualifikation für die Regionalliga verpasst, verlassen 28 (!) Spieler den Verein. Zur Saison 1994/95 übernehmen deshalb die A-Junioren, sie bleiben, na klar, sieglos, holen ganze drei Pünktchen, verlieren bei 17:83 Toren 27 von 30 Spielen und schmieren einzigartig in die fünftklassige Verbandsliga ab.

Langsam, ganz langsam nur geht es aufwärts – Verbandsliga (2 Jahre), Oberliga Nordost (1), Verbandsliga (2), Oberliga (8), Regionalliga (4) und seit 2012 endlich Dritte Liga. Dort glaubt sich der HFC nach Vorjahresplatz vier derart gut angekommen, dass er nach 29 Jahren zurückwill in die Zweite Bundesliga, auf dem besten Weg dorthin aber derart ins Schlingern kommt, dass nicht nur Torsten Ziegner (Spieltag 13 noch Tabellenführer, danach 7 Punkte aus 12 Spielen und Rang 13) geht, sondern auch Nachfolger Ismail Atalan (1 Punkt aus 5 Spielen, Abstiegsrang 17) seinen Hut nehmen muss und mit Florian Schnorrenberg erst der dritte Trainer mit Ach und Krach die Kurve kriegt, wobei nach zwischendurch 13 sieglosen Punktspielen in Folge Rang 15 sowieso die mieseste HFC-Platzierung in acht Jahren in dieser Spielklasse ist.

Nachdem sie alle ein wenig durchgeatmet haben, sagt Präsident Jens Rauschenbach: „Es war eine Achterbahnfahrt.“ Und für alle, die es mit dem HFC halten, ein emotional noch nie dagewesenes Wechselbad der Gefühle mit Rekorden hier, 64 Treffer gab’s zuvor in Liga 3 noch nie, aber auch da, denn 66 Gegentreffer auch nicht. Allerdings wissen sie, dass die Trauben demnächst noch höher hängen, zumal der personelle Aderlass mal wieder gravierend ausfällt. Rauschenbach kündigt dennoch schon mal an: „Eine vergleichbare Talfahrt wie zuletzt möchte niemand im Verein noch einmal erleben.“

Am allerwenigsten Klaus Urbanczyk. „Ich hoffe“, sagt die Legende, „dass es in ruhiges Fahrwasser geht und sie in dem Hafen ankommen, in den sie wollen. Denn ehrlich, dass mein HFC mal wieder in der Regionalliga rumhüpft, das kann und das will ich mir nicht vorstellen.“ Dass es in die andere Richtung gehen möge, ist ihm deutlich angenehmer. „Den Traum von der Zweiten Bundesliga habe ich noch“, sagt „Banne“, witzelt aber: „Sie sollten sich beeilen, denn ich bin gerade 80 geworden und habe nicht mehr so viel Zeit …“

Ansonsten werden aus den Hallensern und Halloren schnell mal Halunken – die wirklichen diesmal, die mit dem einfachen l.