Früher ein zuverlässiger Verteidiger, heute in Asien auf der Suche nach Fußball-Abenteuern: Stefan Böger. Foto: Imago Images

Unter vielen Freaks des deutschen Fußballs gehört es zum guten Ton, die elf Spieler, denen 1954 das „Wunder von Bern“ gelang, nach der Formation beim 3:2-WM-Erfolg über Ungarn geradezu herzubeten und damit an Stammtischen zu glänzen. Mit den Weltmeister-Teams von 1974, 1990 und 2014 (aber da war Deutschland ja längst wieder zusammen) ist es ebenso. Genau so hat die DDR drei Mannschaften, die zu Legenden geworden sind: jene vom 1:0 gegen Franz Beckenbauer & Co. vom WM-Spiel 1974 in Hamburg, das olympische Gold-Team von Montreal 1976 und den 1.FC Magdeburg, der sich 1974 als einziger Verein aus Deutschlands Osten mit einem Triumph im Europapokal schmücken kann.

Fehlt das vierte legendäre Team. Gibt es das überhaupt? Na klar, es ist das vom letzten Länderspiel, vom 2:0 in Belgien, das in Brüssel am 12. September 1990, genau drei Wochen vor der deutschen Einheit, stattfindet. Matthias Sammer gehört dazu, damals der zweifache Torschütze. Auch Dariusz Wosz, die ehemalige Zaubermaus von Hertha BSC, ist dabei. Ebenso Uwe Rösler, der jetzige Trainer von Fortuna Düsseldorf. Darunter ist aber auch einer – nicht minder wichtig, weil total mannschaftsdienlich –, den womöglich nur die wahren Kenner auf dem Schirm haben: Stefan Böger.

Spektakuläres Abenteuer

Vier Länderspiele, die letzten vier der DDR-Auswahl, hat Böger, der bei Carl Zeiss Jena groß geworden ist, bestritten. Verloren hat er keines: Vor Brüssel gab’s ein 2:0 gegen Ägypten, ein 1:0 in Schottland und ein 3:3 in Brasilien. Danach startete der Abwehrspieler aber erst richtig durch. Für Hansa Rostock, den MSV Duisburg und den Hamburger SV bestritt er zusammen 129 Spiele in der Bundesliga. Als Trainer führte er 2012 die deutsche U17 zur Vize-Europameisterschaft und betreute danach Dynamo Dresden und den Halleschen FC, wo er auch Sportdirektor war.

Inzwischen ist Böger, dessen Karriere um ein Haar daran gescheitert wäre, dass er als Jugendlicher zu schmächtig daherkam und ohnehin zu klein war (er misst 1,73 m), sodass man ihm auf der Kinder- und Jugendsportschule den Sprung nicht zutraute, nicht nur 53 Jahre alt, sondern ein Glückssucher am anderen Ende der Welt. Denn was er als Trainer dort erlebt, ist ein durchaus spektakuläres Abenteuer.

Arbeit mit Cannavaro 

„Es begann im Herbst 2017, als ich mit drei Koffern und meinen Fußballschuhen im Handgepäck nach China aufbrach“, erzählt Böger. Sein Ziel: Guangzhou Evergrande, Seriensieger im Land der aufgehenden Sonne und auch für die Großen der Zunft eine feine Adresse. Marcello Lippi, Italiens Weltmeister-Coach von 2006, arbeitete dort, auch Luis Felipe Scolari, der Brasilien 2002 zum WM-Titel führte. Als Böger Nachwuchs-Cheftrainer wird und zugleich die U19 des Vereins übernimmt, hat er einen ebenso namhaften Chef: Fabio Cannavaro, Italiens WM-Kapitän vom Triumph 2006 in Deutschland.

„Das war natürlich ein großes Erlebnis“, sagt Böger, „denn Cannavaros Spielweise hatte ich einst bewundert. Die Zusammenarbeit war dann aber nicht so intensiv. Ich erinnere mich nur an wenige persönliche Zusammentreffen. Andere Länder, andere Sitten, denn in China gibt es nicht die uns bekannte Verzahnung von Profis und Nachwuchs. Um mir ein Training oder ein Heimspiel der Männermannschaft anzusehen, war eine zweistündige Autofahrt nötig.“

Ohne Simultan-Dolmetscher geht gar nichts.

Stefan Böger über seine Arbeit in China. 

Es läuft trotzdem wie am Schnürchen, auch wenn die Hürden hoch sind. „Ohne Simultan-Dolmetscher geht gar nichts“, sagt Böger, „allein 35 chinesische Spielernamen und zehn weitere der Assistenten in meinen Kopf zu bekommen, war gleich mal zu Beginn eine echte Herausforderung. Es wäre garantiert schneller gegangen, hätten die Spieler nicht ständig die ihnen zugewiesenen Rückennummern getauscht.“ Auch sonst hat es das Programm in sich: Training findet wegen der außergewöhnlichen klimatischen Verhältnisse in Südchina mit Hitze („Ohne Sonnenschutzmittel geht für uns Europäer nichts.“), Starkregen und Gewittern nur einmal täglich statt.

Die Saison ist sowieso nur was für ganz harte Kerle, denn die 34 Spieltage werden in sechs Monaten durchgepeitscht, die Reisestrapazen sind enorm. „Was die Spieler bei zeitweise 40 Grad Celsius abgeliefert haben, nötigt mir noch heute allergrößten Respekt ab“, erinnert sich Böger. Am Ende aber passiert das, was bleibt: „Wir wurden Meister in der U19 Chinese Youth League und obendrein wurde ich als Trainer des Jahres geehrt.“ Bögers Team holte 2018 den einzigen Titel für den ansonsten so erfolgsverwöhnten Verein.

Inzwischen ist der Coach weitergereist zum nächsten Asien-Abenteuer, nach Japan. Er lebt in Yokohama vor den Toren Tokios. „Anders als im hektischen China ticken die Uhren hier etwas ruhiger, alles wirkt entspannter. Seit September vorigen Jahres schaue ich mir interessiert und durchaus angetan zahlreiche Spiele an. Ich möchte erleben, wie der Fußball am anderen Ende der Welt funktioniert. Und das tut er hochprofessionell.“

Japanisch pauken in Corona-Zeiten

Der Erlebnisfaktor ist hoch, ein festes Engagement ist daraus jedoch noch nicht entstanden. Was aber macht einer, wenn gar kein Fußball rollt, wenn die J-League schon am 25. Februar, nach erst einem Spiel, alle Partien abgesagt hat und die Saison fürs Erste bis zum 9. Mai ruht und die Überlegungen bis in den Juni hineinreichen? „Ich kann die Laufklamotten anziehen, mich auf mein Rennrad setzen und ins Schwitzen kommen, zumal derzeit hier die berühmte Kirschblütenzeit ist“, so der Plan. „Oder ich pauke weiter Japanisch-Vokabeln, um auf das Danach besser vorbereitet zu sein.“

Weitestgehend frei bewegen kann er sich, „ich achte allerdings penibel auf Abstand und Hygiene und auf den hier obligatorischen Mundschutz sowieso. Metro fahren muss ich nicht, das lasse ich momentan auch lieber. Zahlreiche Sehenswürdigkeiten sind inzwischen ohnehin geschlossen, Restaurants und andere Geschäfte sind allerdings geöffnet.“

Noch aber bleibt das, was überall bleibt: die Hoffnung. „Unsere Familie rückt noch enger zusammen, auch wenn das nicht immer leicht ist, weil die Wohnungen in Japan traditionell nicht die größten sind. Aber das geht bisher prima. Wir warten wie in Deutschland und überall sehnsüchtig darauf, dass es wieder zur Schule geht und die Stadiontore öffnen.“

Damit auch Stefan Böger, der Glückssucher am anderen Ende der Welt, wieder den Erfolg findet.