Die Fans des FC Erzgebirge Aue. imago-images/Picture Point

„Zwei gekreuzte Hämmer und ein großes W, das ist Wismut Aue, unsre BSG“ – viel Stolz und noch mehr Patriotismus stecken in diesen Worten. Dabei sind diejenigen, die mit ganzem Herzen am Fußball im Lößnitztal hängen, noch lange nicht am Ende. Munter skandieren sie weiter, und zwar so: „Wir kommen aus der Tiefe, wir kommen aus dem Schacht. Wismut Aue, die neue Fußball-Macht.“ Sie könnten auch, das versteht jeder genauso gut, einfach nur sagen: Glück auf, der Steiger kommt!

Dieses Steigerlied, fast 500 Jahre alt, spielen sie im Erzgebirgsstadion, wenn die Veilchen in der 2. Bundesliga ihre Gegner empfangen und die Mannschaften einmarschieren. In die 15. Saison gehen sie im Unterhaus des deutschen Fußballs nun schon, das ist Rekord für Teams aus dem Osten. Den 1. FC Union, mit dem sie bis zum Aufstieg der Eisernen dort einige Jahre im Gleichschritt marschiert sind, haben sie abgelöst. Im kommenden Frühjahr, am 24. Spieltag genau, werden sie, wenn alles nach Plan läuft, ihre 500. Partie in dieser Spielklasse bestreiten. Nach Siegen werden sie den Erstligisten aus Köpenick da wohl schon überflügelt haben, denn sie liegen nur noch sechs Dreier hinter ihm. Ob das zugleich auch nach Punkten so sein wird, ist längst nicht raus. Da nämlich hinken sie mit 595:621 deutlich zurück.

Es ist, um im Bild aus dem Fan-Gesang zu bleiben, trotzdem der Hammer, was im Erzgebirge alles möglich ist. Diejenigen, die nahezu traditionell als erster Abstiegskandidat gehandelt werden, sind weiterhin dabei. Fast schon sind sie der Dauerbrenner. Zudem haben sie als Tabellensiebter gerade eine ihrer besten Vorstellungen gegeben. Auf einem Abstiegsplatz lagen sie nie, eher schielten sie ab und an verstohlen nach oben. Allerdings gilt noch immer: nicht übermütig werden!

Mit einem Saisonetat von zuletzt 17,4 Millionen Euro haben sie, was ihnen niemand zugetraut hatte, die Liga ziemlich aufgemischt. Anscheinend haben sie mit Dirk Schuster endlich auch den richtigen Trainer gefunden. Der siebenmalige Nationalspieler (4 für die DDR, drei für den DFB) stammt aus der Region, Vater Eberhard gehörte der 1967er Meistermannschaft des FC Karl-Marx-Stadt an, kennt die Besonderheiten in der Gegend und noch viel wichtiger, die Befindlichkeiten.

Dabei regieren die Leonhardt-Zwillinge Uwe und Helge, mit kurzen Unterbrechungen die Macher seit Jahrzehnten, denn von 1992 bis 2009 war Uwe Präsident, bald darauf übernahm Helge, mit geradezu eiserner Hand und sagen den Fußball-Romantikern („Ein Verein muss nicht nur verwaltet, sondern wie ein Wirtschaftsunternehmen knallhart geführt werden“) schon mal den Kampf an. Von der Führung von Wirtschaftsunternehmen haben sie durchaus Ahnung, denn zur Leonhardt Group gehören eine Holdinggesellschaft, drei Industrie-, fünf Automobil- und ein Touristikunternehmen. Warum also sollten sie nicht auch einen Fußballverein zum Erfolg führen können? Das gelingt ihnen derart grandios, dass Helge Leonhardt dafür gleich das ganz große Besteck benutzt: „Für uns ist 2. Bundesliga wie für andere die Champions League.“

Zwar hatten sie gerade bei der Auswahl der Trainer nicht immer ein glückliches Händchen – Falko Götz muss im September 2014 lange vor Vertragsende gehen; Tomislav Stipic bleibt nicht einmal ein Jahr; Pavel Dotschew, der Aufstiegstrainer von 2016, schmeißt im Frühling darauf hin; Domenico Tedesco, der innerhalb von drei Monaten auf sensationelle Art und Weise den Abstieg verhindert, wird von Schalke 04 abgeworben; Thomas Letsch, der Fußball als Mathematik versteht, ist nach nicht einmal zwei Monaten am Ende; Hannes Drews flüchtet trotz erfolgreicher Relegation; Daniel Meyer ist vor einem Jahr auf mysteriöse Weise weg –, aber irgendwie ist es immer wieder gutgegangen.

Vielleicht ist es ja auch das späte Glück, von dem sie mal um mal geküsst werden. Als im vereinten Deutschland für die Vereine aus dem Osten die Post abgeht, hecheln die Auer nämlich irritiert hinterher. Der dreimalige Meister, 1957 die erste DDR-Mannschaft im europäischen Meistercup und der erste von nur zwei Vereinen, der in der Oberliga auf 1000 Spiele kommt, muss 1990 die Oberliga nach zuvor 38 Spielzeiten in Folge verlassen. Trotz zweier Siege im Endspurt, einem 3:2 gegen Hansa Rostock und einem 4:1 beim längst nicht mehr motivierten und in FC Berlin umbenannten Rekordmeister BFC Dynamo – am Ende fehlen gegenüber Stahl Eisenhüttenstadt zwei mickrige Törchen zum Klassenerhalt. Im Jahr danach, als sich für den jeweils Ersten beider Zweitliga-Staffeln die Hintertür öffnet, ist es, kaum möglich, noch knapper. Auf den Erzrivalen aus Zwickau fehlt ein Tor, ein verdammter Treffer, zur Teilnahme an einer Vierer-Qualifikation, und erst 2003 sind sie mit dem erstmaligen Aufstieg in die 2. Bundesliga am Ziel ihrer Wünsche.

Auch wenn sie sich selbst etwas speziell beschreiben, weil die Kumpels mit Androhung von Streik verhindern, dass Wismut seine Heimspiele in der ungeliebten Bezirksmetropole Karl-Marx-Stadt austragen soll und weil sie, zumindest der Legende nach, schon mal einige Lagen Schnee in ihr damaliges Otto-Grotewohl-Stadion schippen, um gegen die „Flachländer“ leichter zu Punkten zu kommen, mit dem FCE gehen sie durch dick und dünn. In Aue-Bad Schlema, der Großen Kreisstadt, die es seit 2019 nach dem Zusammenschluss der Stadt Aue und der Gemeinde Bad Schlema gibt, leben gut 20.000 Einwohner – und die Veilchen sind drauf und dran, bei ihrer Mitgliederzahl die Marke von 10.000 zu knacken.

Die alle sind heiß auf die 2. Bundesliga und sagen den Großen weiterhin den Kampf an. Das geht vor allem so, dass sie die Leistungsträger langfristig an sich binden. So haben Mittelfeld-Ass Jan Hochscheidt, Dauerbrenner Philipp Riese (zuletzt 33 Einsätze), der gebürtige Berliner Clemens Fandrich und Elfmeterspezialist Dimitrij Nazarov (mit zehn Treffern erfolgreichster Torschütze) Verträge bis 2023, Torwart-Urgestein Martin Männel, seit 2008 dabei, bis 2022.

Einerseits ist Helge Leonhardt bedrückt darüber, dass sie nach dem Abstieg von Dynamo Dresden und dem verpassten Aufstieg von Hansa Rostock in ihrem „gallischen Dorf“ der einzige Vertreter aus der damaligen Oberliga sind. Andererseits sind sie darüber stolz wie Bolle. „Von der Ostsee bis nach Oberwiesenthal bleibt alles weiß“, sagt der Präsident, „bis auf Aue. Wir halten die Fahne des Ostens hoch.“ Und alle wünschen: Glück auf!