Franz Beckenbauer nach einem Länderspiel gegen Albanien im Jahr 1971. Foto: imago-images

Einen Fernsehapparat hatten wir noch nicht, damals, 1964. Im Radio hörte ich diesen Namen zum ersten Mal und fand ihn lustig. Beckenbauer, naja. Die Hörfunkreporter alter Schule, die vom Bayerischen Rundfunk, die das „err“ so rollten, als gelte es, damit auf der Kegelbahn alle Neune umzuwerfen, hatten an diesem Namen ebenso Spaß. Mit dem Vornamen wusste ich viel mehr anzufangen: Franz, das fand ich schwer in Ordnung. Mein Vater hieß so und mein Bruder sogar auch.

Dieser Franz ist ein Franz im Glück.

Fortan ließ der Name mich nicht mehr los und der Mensch dahinter auch nicht. Die jungen Wilden, die die Spieler des FC Bayern damals waren, spielten deutschlandweit noch keine erhebliche Rolle. Die „Löwen“ von 1860 hatten den Platz in der Bundesliga bekommen. In der Bundesliga-Konferenz, die damals über den Sender Ochsenkopf bis in meine damalige Heimatstadt Zwickau zu empfangen war, bekamen viel Sendezeit und der 1. FC Nürnberg als zweiter Verein aus Bayern auch. Aber die, die im doppelten Sinne die Bayern waren, eben nicht. Zweitligist halt, und davon gab es in fünf Staffeln viele in der Bundesrepublik.

Mir aber wurde der Name Beckenbauer immer geläufiger, wie auch Müller, Maier, Olk, Ohlhauser, Brenninger, Koulmann, Nafziger … Im Regionalprogramm des BR fanden die Spiele ein breites Publikum. Alle schwärmten wir von den Burschen, die wir gern auch hätten sein wollen. Ganz begehrt bei uns war die Rückennummer 5, wer die hatte, manchmal kamen gleich mehrere von uns mit einer selbst aufgemalten 5, empfand sich gleich einen halben Kopf größer und fußballerisch überlegen. Er war, zumindest für den Moment, Beckenbauer.

Beckenbauers Trikot war selbst bei Regen, Schnee und Matsch nie schmutzig

Was habe ich diesen Burschen bewundert. Wie er den Ball aus dem Fußgelenk heraus spielte, fand ich nahe an Zauberei. Allein Harald Irmscher kam dem in Zwickau nahe. Und dass Beckenbauers Trikot selbst bei Regen, Schnee und Matsch nie (na gut, fast nie) schmutzig geworden war, überraschte nur diejenigen, die keine Ahnung vom Fußball hatten. Nicht umsonst nannten sie ihn damals schon „Kaiser Franz“. Das fand ich passend, und es hätte mich nicht überrascht, wäre bei einer Verletzung bei ihm blaues Blut geflossen.

Es war völlig normal für mich, dass Helmut Schön, der Bundestrainer, den Jungspund am 26. September 1965 zum Spiel des Jahres einlud, zum entscheidenden WM-Qualifikationsspiel in Schweden. Noch immer hatten wir keinen TV-Apparat, aber bei den Nachbarn hockte ich, starrte in die Glotze und konnte mich nicht sattsehen an dem Kerl, der 15 Tage zuvor gerade mal 20 geworden war und der an der Seite von Uwe Seeler sein Debüt gab, mit dem DFB-Team trotz Rückstandes 2:1 gewann und die WM-Tickets für England löste. Das Wort Weltkarriere gehörte da noch nicht zu meinem Wortschatz. Angefühlt hat es sich aber so, dass da was Besonderes heranwächst.

Nie, wirklich nie habe ich mir ein Poster übers Bett gehängt. Hätte ich damals eines von Beckenbauer bekommen, ich wäre wahrscheinlich das einzige Mal schwach geworden.

Alles, was dieser Kerl gemacht hat, fand Anerkennung. Ob er ziemlich hölzern in der TV-Werbung („Tja, Kraft in den Teller, Knorr auf den Tisch“) auftrat oder in einem Song für die Fernsehlotterie ohne jede Ahnung von Melodie und Noten so sang („Gute Freunde kann niemand trennen“), als würde sein sportlicher Bodyguard Katsche Schwarzenbeck gerade einen Gegenspieler beharken und der würde vor Schmerz schreien – drauf gepfiffen. Beckenbauer konnte alles, Beckenbauer durfte alles.

Titel gesammelt wie Briefmarken

Seitdem ist jede Menge Wasser durch die Isar hin zur Donau geflossen und „Kaiser Franz“ ist lange verehrt worden und wird jetzt verflucht. Er ist Weltmeister geworden als Spieler und als Trainer, einer von bisher dreien, die das geschafft haben, er hat Titel gesammelt wie andere damals Briefmarken oder Bierdeckel, er hat gelebt und geliebt. Mit Worten, die kein anderer Trainer gegenüber seiner Mannschaft in den Mund nehmen würde („Geht’s raus und spielt’s Fußball“), hat er Weltmeister gemacht. Danach, mit der Vereinigung des Fußballs West und Ost, verspricht er der staunenden Öffentlichkeit, dass diese neue Mannschaft auf Jahre hinaus unschlagbar sein wird. Naja, ausbaden müssen es meist andere.

Aus all diesen lockeren, vielleicht ernst gemeinten, vielleicht auch nur so dahingeplapperten Sprüchen wird ein „Franzeln“, ein selbst um ernste Sachen lustiges Drumherumreden, charmant auf den Putz Hauen, bis der Kalk von den Wänden bröckelt. Fallen dann ganze Häuser ein, franzelt der Franzl einfach weiter, als ob es ihn nichts anginge. Kann der Herrgott, den sie in Bayern so sehr verehren, so einem böse sein? Eigentlich nicht. Lichtgestalt bleibt Lichtgestalt, zumal dieser Alles-zu-Gold-Macher den Deutschen auch noch ein Sommermärchen schenkt.

Irgendwann ist es aber auch dem Vater im Himmel genug. Dafür reichen einem, der so genau wahrscheinlich gar nicht weiß, wie viele Millionen auf seinen Konten schlummern, ein verquerer Geldverkehr um 6,7 Millionen Euro. Es ist der Sturz eines Denkmals. Beckenbauer leidet wie ein Hund. Er wird krank, zwei Operationen am Herzen, eine an der Hüfte und eine an der Leiste setzen ihm zu, er erleidet einen Augeninfarkt und wird vom Schicksal, das es sonst so gut mit ihm gemeint hat, schwer getroffen, als sein Sohn Stephan 46-jährig an einem Gehirntumor stirbt.

Wie geht jemand, der nur Glanz und Glamour um sich herum gewöhnt ist, dem die Welt nahezu 75 Jahre, so alt wird Beckenbauer am Freitag, zu Füßen lag und dem sie jetzt, da von Lichtgestalt keine Rede mehr ist und sie ihm womöglich Firlefanz unterschieben, damit um? Ein bisschen, ehrlich, tut er mir sogar leid.