Jetzt geht’s los! Nicht nur die Schweizer wie Xherdan Shaqiri (3. v. r.) und seine Teamkollegen wollen nun kräftig Gas geben. dpa/Jean-Christophe Bott

Es braucht nicht viel für ein Spektakel und für regelrecht epische Momente. Manchmal nur 90 Minuten und gerade dann, wenn wie bei dieser EM zwei Spiele parallel laufen, dessen eines zugleich die Balance des anderen in totale Schieflage bringen kann. So passiert am Mittwoch, als mit dem Weltmeister, dem Europameister, Deutschland und den Ungarn bis auf die Franzosen jeder litt und ächzte, das DFB-Team draußen war und Minuten später sogar Zweiter wurde, Portugal mit dem Aus konfrontiert war und sich doch rettete, und wo es am Ende die großartigen Magyaren erwischte, obwohl sie 71 Minuten in Führung gelegen hatten und in der Todesgruppe, wo sie bildlich gesprochen eigentlich lange vor dem ersten Anstoß die letzte Ölung erhielten, von drei Spielen lediglich eines verloren und an der Sensation mehr als nur schnupperten.

So ist es inzwischen generell im großen internationalen Fußball, weil mittlerweile jeder auf der grandiosen Klaviatur mehr oder weniger glamourös spielen kann und die Künstler, die Magier, die Goldfüßchen nicht immer derart brillieren, dass sie zum Triumph schweben. Sie müssen auch malochen können. Deshalb liegt zwischen Blamage und Titelgewinn manchmal nur eine Winzigkeit. Vor allem ab heute, ab dem Achtelfinale, wo es nur einen Sieger geben kann und über das Kevin De Bruyne trotz drei Triumphen seiner Belgier in der Gruppenphase sagt: „Von diesen drei Siegen nehme ich nicht viel mit. Wenn du ab jetzt auch nur einen Fehler machst, fährst du nach Hause.“

Es gibt keine Hoffnungsrunde

Auf Los geht’s zum K.o., es gibt kein Zurück, keine Hintertür, keine Hoffnungsrunde. Entweder – oder. Nächste Runde oder nach Hause. Himmel oder Hölle. Triumph oder Tränen.

Neben den Belgiern sind auch Niederländer und Italiener, die sogar, das gab es noch nie, ohne Gegentor, mit Siebenmeilenstiefeln durch die Gruppenphase geeilt sind. Aber ein Freilos für den Einzug ins Viertelfinale ist selbst das nicht. In anderen Sportarten wissen sie es längst, dass Platz eins zu Beginn der Play-offs – etwas anderes sind die K.o.-Runden ja nicht, nur werden sie im „best of one“ ausgetragen und da kann tatsächlich ein Fehltritt nicht mehr ausgemerzt werden – nicht immer zum Titel führt. Albas Basketballer haben erneut den Titel gewonnen, obwohl sie nach der Bundesliga-Saison Zweiter waren. Die BR Volleys haben sich ebenso zum Triumph geschmettert, dabei waren sie nach der Punkterunde lediglich Dritter.

Dänen fliegen Sympathien zu

Daran pushen sich womöglich die Dänen auf. Obwohl mit zwei Niederlagen gestartet, die nie zuvor fürs Weiterkommen reichten, haben sie keine schlechten Karten gleich im ersten Achtelfinale heute Abend, 18 Uhr, gegen Wales. Ganz abgesehen von den Sympathien, mit denen „Danish Dynamite“ durch dieses für sie emotionsgeladene Turnier fliegt. Allerdings haben sie es schon einmal anders erlebt, bei der Weltmeisterschaft 1986 mit einer für sie „goldenen Generation“. Drei Siege in der Gruppenphase, darunter ein 2:0 gegen die Bundesrepublik Deutschland, ließen alle schwärmen. Genau bis zum Achtelfinale – schon war mit einem 1:5(!) gegen Spanien von jetzt auf gleich Schluss mit lustig.

Völlig anders, sozusagen auf den Kopf gestellt, haben es die Italiener beim WM-Turnier 1982 hinbekommen. Nur weil die Azzurri in ihrer Gruppe bei jeweils drei Unentschieden (0:0, 1:1, 1:1) ein Tor mehr erzielt hatten als Kamerun (0:0, 0:0, 1:1), schummelten sie sich in die damals eingestreute zweite Gruppenphase, stürmten dort nach Triumphen über Argentinien (2:1) und Brasilien (3:2) ins Halbfinale (2:0 gegen Polen) und mit einem 3:1 im Finale gegen Deutschland schließlich zum Titelgewinn. Ähnlich hat es Spanien bei der WM 2010 in Südafrika gewuppt. Als bisher einziges Team kletterten die Furien trotz einer Start-Niederlage auf den Thron.

Wundertüte Deutschland

Was das eventuell für Bundestrainer Jogi Löw und seine Wundertüte Deutschland heißt? Alles ist möglich. Denn die Spanier haben vor elf Jahren in Durban wie die DFB-Elf diesmal in München 0:1 vergeigt. Nur ist es ihnen nicht gegen Frankreich passiert, sondern gegen die Schweiz. Auch nicht schlecht, denn das könnte passen. Schließlich sind wir hier ja bei einer EM.