Enttäuscht: Thomas Müller.  dpa/Frank Augstein/Pool

Es war die 81. Spielminute. Deutschland liegt 1:0 zurück. Nach einem Traumpass von Kai Havertz läuft Thomas Müller allein mit dem Ball am Fuß auf Englands Torwart Jordan Pickford zu. Alle rechnen mit dem Ausgleich. „In 99 von 100 Fällen macht Müller den rein“, sagt ARD-Experte Kevin Prince Boateng  später. Aber diesmal ist alles anders... 

Müller Fehlschuss besiegelt das Aus 

Müller trifft den Ball eigentlich gut. Er rollt auf die linke Ecke zu und geht – knapp am Pfosten vorbei. Alle ahnten, dass das letzte große Chance gewesen sein könnte. Müller im Boden versinken. Als Die Engländer wenig später ihr zweites Tor erzielen, ist das Aus der DFB-Elf besiegelt. Und damit auch das Ende der Ära Joachim Löw als Bundestrainer. England siegt schließlich mit 2:0.

Dieser Schuss von Thomas Müller hätte die Wende bringen können. AP/Justin Tallis

Thomas Müller verschwindet sofort in der Kabine. Er will nicht reden. Er braucht Ruhe. 

Bei Instagram meldet sich Müller jetzt zu Wort. Emotional nimmt er zu der 81. Minute Stellung. Und entschuldigt sich bei Teamkollegen und Fans. „Da war er, dieser eine Moment, der dir am Ende in Erinnerung bleibt, der dich nachts um den Schlaf bringt. Für den du als Fußballer arbeitest, trainierst und lebst“, schreibt der 31-Jährige. „Dieser Moment, wenn du es alleine in der Hand hast, deine Mannschaft in ein enges K.-o.-Spiel zurückzubringen und eine ganze Fußballnation in Ekstase zu versetzen.“

Lesen Sie auch: Die Stimmen zum deutschen EM-Aus >>

Der Ball von Thomas Müller geht Zentimeter am Pfosten vorbei.  AP/Matthew Childs/Pool

Thomas Müller: „Es tut mir verdammt weh“

„Diese Möglichkeit zu bekommen und sie dann ungenutzt zu lassen, tut mir verdammt weh. Es tut mir weh für das ganze DFB-Team, meine Mitspieler und unseren Trainer, die mir allesamt das Vertrauen geschenkt haben, genau dann zur Stelle zu sein.“

Vor allem aber schmerze es „wegen all der Deutschland-Fans da draußen, die während dieser EM trotz schwieriger Vorzeichen zu uns gehalten und uns unterstützt haben! Danke für eure Unterstützung.“

Jogi Löw nahm den Bayern übrigens direkt nach Abpfiff in Schutz: „Wenn solche Dinge dann passieren, wie bei der Chance von Thomas Müller, dann muss man das halt auch mal akzeptieren“, so der scheidende Bundestrainer. „Normalerweise macht er da auf jeden Fall ein Tor draus. Das hätten wir gebraucht, aber da kann ich ihm keinen Vorwurf machen.“

Thomas Müller: Schluss mit Nationalmannschaft?

Und war es das jetzt für Thomas Müller in der Nationalmannschaft? Auch unter Löws Nachfolger Hansi Flick könnte Müller noch eine Rolle spielen. Aber: Bei der Heim-EM 2024 ist der Angreifer bereits 34 Jahre alt. Flick soll die Nationalelf neu aufbauen. Ob das dazu passt?

Bastian Schweinsteiger antwortete am Abend auf die Frage, ob er glaube, dass das Thomas Müllers letztes Spiel im DFB-Dress war: „Ja, ich gehe davon aus.“

Was wird aus Jogi Löw?

Und was wird aus Löw? Von einem grundsätzlichen vorzeitigen Ruhestand wollte er nichts wissen. Aber ein gewisser Abstand ist wichtig. „Von Ruhestand habe ich noch nie gesprochen. Klar ist, dass eine Pause jetzt mal wichtig ist. Auch eine emotionale Pause“, sagte er.

Zumal die Enttäuschung tief sitzt. „Vielleicht muss ich erst alles zulassen, Enttäuschungen, die Leere, die kommt. Mit Sicherheit gibt es neue Aufgaben für mich, die interessant sind“, sagte Löw. Er habe „keine konkreten Pläne“. Konkrete Pläne für Fußball-Deutschland braucht jetzt ein anderer, Hansi Flick.

Jogi Löw bei der Rückkehr in Nürnberg.  dpa/Daniel Karmann

Lothar Matthäus: Müller bleibt!

Rekordnationalspieler Lothar Matthäus, der Flick gut kennt und mit ihm befreundet ist, rechnet mit einem eher sanften Umbruch. Und er ist überzeugt, dass der bisherige Bayern-Coach Thomas Müller „sicher nicht aussortieren“ werde, wie Matthäus in seiner Kolumne schrieb: „In eineinhalb Jahren startet die WM in Katar, dort muss er eine schlagkräftige Mannschaft haben. Zu dieser wird Thomas gehören. Denn Hansi will nicht alles auf ein Langzeitprojekt und die EM 2024 in Deutschland ausrichten, er will schon im Winter 2022 in Katar Erfolge feiern, Weltmeister werden.“