Die Erlösung: Leon Goretzka (3.v.l.) feiert mit seinem Kollegen Deutschlands spätes 2:2 im EM-Spiel gegen Ungarn.  Imago

Im Münchner Stadion, so groß wie ein Hochhaus, wo die vor Kälte und Nervosität bibbernden Reporter im sechsten Stock unterm Dach saßen und ihre überforderten Hirne verrückt rechneten, sah es so aus: Aus dem Hintergrund müsste Goretzka schießen, Goretzka schießt. Toor, Toor, Toor.

Die Nacht von München und das Wunder von Bern vor 67 Jahren haben selbstverständlich andere historische Ausmaße, aber, welch Koinzidenz, dieselbe 84. Spielminute der Entscheidung, dazu die ähnlichen Schusspositionen von Helmut Rahn aus Essen einst und Leon Goretzka aus Bochum jetzt, genau wie das Fritz-Walter-Wetter. Damals Bindfäden, diesmal Sturzbäche. Der Gegner Ungarn damals: ein Gigant des Weltfußballs. Diesmal: ein wehrhafter Zwerg. Damals ein 3:2-Sieg, der das kollektive Gefühl eines „Wir sind wieder wer“ viel zu schnell viel zu groß erwachsen ließ. Diesmal bloß der Ausgleich in einer EM-Vorrunde, der das Achtelfinale sicherte: Stolpernd nach Wembley, in die Kathedrale des Fußballs gegen England.

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Leon Goretzkas Torinstinkt rettet DFB-Elf 

Und wieder steckte auch Politik im Fußball. Rahns Schuss in Bern als Fanal, die düstersten Zeiten zu überwinden. Goretzkas Treffer in München - gefolgt von einer Geste des Herzens mit beiden Händen vor der Tribüne mit dem schwarzem ungarischen Block. „Spread Love“ schrieb der Torschütze noch in der Nacht danach auf seinem Instagram-Account. Dass ein profaner Schuss ins Tor auch Dimension tief in die Gesellschaft haben könnte, dürfte dem urwüchsigen Helmut Rahm seinerzeit weniger bekannt gewesen sein. Er hat einfach seinen Job gemacht.

Den hatten die aktuellen deutschen Nationalspieler am Mittwochabend nicht gut verrichtet, andernfalls hätte Goretzka nach zuvor sechswöchiger Verletzungspause seinen Torinstinkt gar nicht erfolgsfördernd für sein Team und sein Land einzusetzen brauchen. Er hatte das Unheil ja schon kommen sehen und zu Kumpel Thomas Müller irgendwann gesagt „Wir müssen noch ran“, berichtete der Mittelfeldspieler später. So stürmte schließlich ein Bayern-Block mit Goretzka selbst, Müller, Joshua Kimmich, Jamal Musiala und Leroy Sané. Nur Serge Gnabry, der irgendwie keinen Einlass in dieses absonderliche Turnier findet, war da schon draußen.

Jamal Musiala überzeugte bei seinem EM-Debüt

Bald dribbelt Musiala auf links geschickt, Timo Werners Schuss wird abgeblockt. „Dann fällt der Ball mir vor die Füße – und dann nur noch rein damit“, sagte der Torschütze im Rückblick auf sein 2:2, das das Tor nach Wembley öffnete. Mit viel Herz, aber nur mit wenig Verstand.

Was ist das für eine unfertige deutsche Mannschaft, die sich dort gegen einen bei dieser EM noch gegentorlosen Kontrahenten vorstellen wird? Schon fünf Treffer kassierte sie in drei Spielen gegen Frankreich, Portugal und Ungarn. Es hätten leicht auch mehr sein können. Dreimal in Folge geriet das DFB-Team in Rückstand. Es klebt wenig gut zusammen. Der Rückkehrer Mats Hummels ist in der Abwehrzentrale noch ein gutes Stück von einem zuverlässig stabilisierenden Faktor entfernt, auch Kapitän Manuel Neuer strahlt noch nicht die Autorität eines Welttorhüters aus, Ilkay Gündogan, der Prinz von Manchester? Seit drei Spielen fast unsichtbar! Antonio Rüdiger, der König von Südlondon? Mitunter orientierungslos! Robin Gosens, der neue Held? In der Enge des Raums zermalmte seine Dynamik!

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Leon Goretzka sprach die Defizite in der Rückwärtsbewegung an: „Das 1:2 darf uns niemals passieren. Das musst du ganz anders souverän herunterspielen. Da sind wir nicht zum ersten Mal vom Kopf her nicht da.“ Und auch im Spiel nach vorn herrschte lange das Gefühl einer Ratlosigkeit vor, der Löw mit der Brechstange Herr zu werden versuchte. Taktisch ging es zum guten Ende hin zu wie in der Kreisklasse: einfach alle Mann nach vorn und langer Hafer.

Joachim Löw bleibt erstaunlich gelassen 

Man weiß ja, dass Löw einige seiner Überzeugungen von Bord geworfen und einem neuen Pragmatismus untergeordnet hat: Von der 70. Minute an sei es nicht mehr darum gegangen, „taktischen Kniffe auspacken“, sondern darum, mit „Gewalt“ und „aller Kraft“ Tore zu schießen. Ein Vokabular, das der Bundestrainer früher tunlichst vermied.

Nach einem der „schwierigsten Spiele überhaupt“ seiner Amtszeit präsentierte sich der 61-Jährige angesichts des Erlebten am Abgrund erstaunlich gelassen und bestens frisiert. Da war nichts mehr zu erkennen von dem begossenen Pudel mit Kapuze, der fuchtelnd durch seine Coaching-Zone hastete. Und auch wenig Kleinmut war zu hören vor dem mit maximaler Spannung erwarteten Duell mit den Engländern: „Es gibt jetzt kein Pardon mehr.“

Immerhin ist das Spielplanglück zurück, das bei der Auslosung noch gefehlt hatte. Sollte England besiegt werden, wären Schweden oder die Ukraine die nächsten Gegner in Rom. Belgien, Frankreich, Italien oder Spanien kämen frühestens im Finale. Aber dahin kommt man bei dieser EM wohl kaum taumelnd.

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