Die Vorfreude ist riesig beim Anhang der Bravehearts.  Foto: imago/PA Images

Nach Hause. Ja. Zum letzten Gruppenspiel. Mehr aber auch nicht. Denn die „Bravehearts“ haben Blut geleckt. Nach dem 0:0 gegen den „auld enemy“ England in deren Wohnzimmer Wembley, der von dem Anhang der Highlander in den Straßen von London wie ein Sieg bejubelt worden ist, träumen alle Schotten vom Einzug in die K.o.-Runde bei der Euro-EM. „Wir haben nach dem Spiel gesagt, dass wir noch nicht bereit sind, jetzt nach Hause zu gehen. Wir wollen im Turnier bleiben“, hatte Co-Trainer Steven Reid jüngst im Teamquartier in Darlington betont.

Sicher, aber alles nicht ganz einfach. Nur mit einem Sieg heute über Vizeweltmeister Kroatien (21 Uhr, Magenta TV) könnte Schottland auf einen Platz unter den vier besten Gruppendritten hoffen. Theoretisch ist noch Platz zwei in Gruppe D drin, wenn Harry Kane & Co. gegen Tschechien patzen (21 Uhr, ARD). Dabei gälte es allerdings auch in Sachen Toren deutlich aufzuholen, was angesichts der bisher gezeigten Angriffsbemühungen eher schwer vorstellbar ist.

Schotten auf den Spuren Islands

Es ist ein Alles-oder-nichts-Spiel! Ein Unentschieden oder eine Niederlage gegen Kroatien bedeuten das Aus. Doch die Zuversicht bei den „Bravehearts“ und vor allem bei ihrem Anhang, der Tartan Army, ist ungebrochen. Die Sympathien der Welt sind ihnen sicher. So wie 2016 dem kleinen Island die Herzen bis ins Viertelfinale zuflogen. Für Englands nördlichen Nachbar wäre auch das Achtelfinale schon ein riesiger Erfolg.

Bei ihren bislang acht WM-Teilnahmen und zwei EM-Starts kamen die Erben von Kenny Dalglish noch nie über die Vorrunde hinaus. Am bittersten war es vielleicht bei der WM 1974 in Deutschland. Punktgleich mit Jugoslawien und Brasilien (alle 4:2 Zähler) mussten sie aufgrund eines zu wenig geschossenen Tores ungeschlagen die Heimreise antreten.

Zumindest in Sachen Lockerheit stehen die Profis ihren feierwütigen Fans wenig nach. Am Tag nach dem 0:0 gegen England wurden die großen Bälle mit den kleinen Golfkugeln vertauscht. Und wenn auch die typischen Schlachtenbummlergesänge fehlten, leise ging es auf dem Grün eher nicht zu. „Man hätte denken können, dass dort draußen um den Ryder Cup gespielt wurde“, so Reid lachend. Man habe lautstarke Rufe von den Plätzen gehört.

Billy Gilmour mit Corona

Bitter allerdings, dass ihr verheißungsvoller Youngster Billy Gilmour den Kick gegen Kroatien verpassen wird. Der 20-jährige Chelsea-Profi, der gegen England bei seinem Startelf-Debüt so wundervoll kämpfte und hinterher von seiner Mutter Carrie bei Twitter dafür gefeiert wurde („Ich bin so stolz auf dich. Mein Herz platzt vor Stolz. Ich liebe dich so sehr“) wurde positiv auf Corona getestet und muss sich nach Rücksprache mit den englischen Behörden nun zehn Tage in Isolation begeben.

Hindert die Bravehearts nicht daran, positiv gestimmt in das Match zu gehen. „Wir sind bereit, in den Krieg zu ziehen“, tönte der in Australien geborene Lyndon Dykes von den Queens Park Ranges, der sich vorm England-Spiel eine Kampfglatze scheren ließ, schon martialisch. „The Flower of Scotland“, die inoffizielle Nationalhymne des schottischen Fußballs, und das berühmte, stets in der Halbzeit von den Rängen intonierte „The Bonnie Banks o’ Loch Lomond“ sollen auch weiterhin bei dem Turnier erklingen.