Hans-Dieter Hermann ist seit 2004 im  Betreuerstab der  deutschen Nationalmannschaft an der Seite von Joachim Löw. Der  61-Jährige ist Honorar-Professor am Institut  für Sportwissenschaft  der Uni Tübingen. Foto: dpa/Charisius

KURIER: Herr Hermann, Sie sind seit 17 Jahren dabei. Hat sich Ihre Arbeit verändert?

Hans-Dieter Hermann „Die Sportpsychologie war 2004 noch total neu. Ich bin bei der Nationalmannschaft mit Basisübungen eingestiegen, habe mentales Training gemacht und Teambuilding forciert. Mittlerweile ist es etabliert. Jeder Fußballer kennt aus den Nachwuchsleistungszentren diese psychologischen Basistechniken, mit denen muss ich nicht mehr kommen.“

Die Akzeptanz ist höher?

„Absolut. Die Furcht, dass man – salopp ausgedrückt – einen Seelen-Striptease hinlegen muss, wenn der Psycho-Doc kommt, ist schon lange überwunden. Es hat anfänglich etwas gedauert, bis alle Spieler verstanden haben, dass ich kein Psychiater bin. Mittlerweile ist es gelebte Normalität, sportpsychologische Unterstützung in Anspruch zu nehmen. Im Verein und in den Nationalmannschaften.“

Wer ist eigentlich Ihr Kummerkasten bei solch einem langen Turnier?

„Ich habe keinen Kummer hier, aber sollte es einmal so sein, kann ich jederzeit vertrauensvoll zu Hause anrufen. Meine Frau ist auch Psychologin (lacht).“

Robin Gosens studiert Psychologie

Tauschen Sie sich fachlich auch mit Robin Gosens aus? Er studiert ja Psychologie …

„Tatsächlich haben wir uns schon öfter über unser gemeinsames Fach unterhalten. Er schickt mir auch immer mal wieder Studien oder Ähnliches, wenn sich die Nationalmannschaft längere Zeit nicht trifft. Er ist wirklich sehr an der Materie interessiert und hat klare Ideen, was er einmal damit machen möchte. Auch hier in unserem Quartier habe ich ihn schon mit Fachliteratur gesehen. Um ganz offen zu sein: ich habe seinerzeit eher ökonomisch studiert. Aber ich hätte es machen sollen wie Robin. Er studiert klüger, als ich es je getan habe.“

Die Nationalmannschaft wird nach der EM ohne Joachim Löw klarkommen müssen. Was ist mit Ihnen?

„Das weiß ich noch nicht. Alles hat seine Zeit. Aber ich möchte mich wirklich ganz und gar auf das Hier und Jetzt konzentrieren. Nach dem Turnier werden wir dann auch über meine Zukunft sprechen.“

Wie unterstützen Sie Joachim Löw in Momenten der Kritik?

„Joachim Löw ist sehr klar auf seinem Weg. Er ist absolut stabil in dem, was er will und was er entscheidet.“

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Joachim Löw hat sich als Mensch nicht verändert 

Nehmen Sie Löw über die Jahre anders wahr?

„Niemand verhält sich über Jahre immer gleich. Aber seine Lust und Freude am Fußball ist die gleiche wie vor 17 Jahren, als er mich zur Nationalmannschaft eingeladen hat. Er will etwas bewegen, er hat eine klare Idee davon, was auf dem Platz passieren soll – und er geht immer vom besten bei seinen Jungs aus. Jogi arbeitet früher wie heute in erster Linie mit viel Vertrauen, was ich als Führungsstärke erlebe. Und der Mensch Jogi Löw hat sich ohnehin nicht verändert.“

Wenn man Sie so reden hört, dann könnte man den Eindruck gewinnen, dass in den vergangenen Jahren alles Friede, Freude, Eierkuchen für Jogi Löw war. Wir haben da einen anderen Eindruck.

„Ich bleibe dabei, dass sich der Mensch Jogi Löw nicht verändert hat. Aber natürlich gab es auch für ihn große Enttäuschungen. Und er hat mehrfach öffentlich beschrieben, wie intensiv er nach sportlich negativen Erlebnissen die Dinge hinterfragt und auch sich selbst dabei nicht schont.“

So gehen die DFB-Stars mit Noten um 

Nach dem Ungarnspiel gab es viele schlechte Noten. Was macht das mit den Spielern?

„Das kann man nicht pauschal beantworten. Die Reaktionen auf Noten sind höchst unterschiedlich. Den einen sind Noten sehr wichtig und die anderen lesen sie bewusst nicht. Aber natürlich gibt es auch Spieler, die mit den Köpfen schütteln, wie polarisierend mit der eigenen Nationalmannschaft teilweise umgegangen wird. Meines Wissens ignoriert die Mehrheit der Jungs die Spielnoten.“

Unsere Erfahrung ist, dass die meisten aktiven Spieler betonen, dass sie sich nichts aus Noten machen. Frühere Spieler geben nach ihren Karrieren dann oft zu, wie wichtig ihnen die Noten dann doch waren.

„Die Wahrheit liegt wahrscheinlich in der Mitte. Viele Fußballer wollen die Noten sehr wohl ignorieren, bekommen dann aber von Freunden oder aus der Familie etwas zugeschickt – nach dem Motto: Schau mal, wie ungerecht du benotet wurdest …“

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