Stephanie Frappart pfiff in der Champions League das Spiel zwischen Juventus Turin und Dinamo Kiew. Foto: imago images/sportphoto24

Frauen und Fußball – bei dieser Symbiose winken viele Machos noch immer ab und meinen, das sei ein völlig anderer Sport. Dabei ist Europa, um diesen Titel geht es beim Turnier der 24 ab heute, so was von weiblich, weiblicher geht es nicht: die Europa. Selbst Göttervater Zeus verliebte sich in der griechischen Mythologie in die anmutige Tochter des phönizischen Königs Agenor, verwandelte sich, um von seiner eifersüchtigen Gattin Hera nicht beim Seitensprung erwischt zu werden, in einen Stier, entführte Europa nach Kreta und bekam mit ihr drei Kinder. Vielleicht ist das die klammheimliche göttliche Verbindung zu 2004, als Griechenland völlig sensationell die Krone des Kontinents gewann.

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So richtig spielten Frauen bei einem solchen Turnier jedoch keine Rolle, wenn nicht gerade als Spielerfrauen. Aber das ist ein böses Klischee. Mit dem wird bei dieser Europa-Euro nach Kräften aufgeräumt. Bereits mit dem Eröffnungsspiel zwischen der Türkei und Italien fällt durch Stephanie Frappart eine Bastion. Die Französin, 37 Jahre alt und seit Frühjahr 2019 auch in der Ligue 1 im Einsatz, ist die erste Unparteiische bei einem Hammer-Turnier der Männer. Sie ist mit ihren 1,64 m Körpergröße zwar 17 Zentimeter kleiner als Bibiana Steinhaus-Webb, die langjährige deutsche Nummer 1 der Schiedsrichterinnen, vor allem was ihre Sanktionen betrifft, ist sie aber nicht zimperlicher als ihre Kollegen.

Im gerade abgelaufenen Spieljahr sieht ihre Statistik so aus: 29 Einsätze (davon 16 in der Ligue 1) mit 117 Gelben, zwei Gelb-Roten und einer Roten Karte, dazu elf Elfmeter. In der Gruppenphase der Europa League zwischen dem FC Granada aus Spanien und Omonia Nikosia aus Zypern verteilte das grazile Persönchen im Herbst vorigen Jahres neun (!) Verwarnungen. Mein lieber Herr Gesangverein, das knallt. Manuel Gräfe, der Berliner, der als einer der besten Schiris aus Altersgründen mit 47 Jahren aufhören muss, beließ es in 32 Saisoneinsätzen bei 84 Gelben, einer Gelb-Roten und vier Elfmetern.

Mit Madame Frappart ist also nicht zu spaßen, auch wenn sie vorerst „nur“ vierte Offizielle ist und beim Auftaktspiel heute den Niederländer Danny Makkelie unterstützt. Nur sollten sich die Trainer Senol Günes und Roberto Mancini noch strenger und womöglich eleganter als sonst an die Etikette halten.

Im Spiel selbst geht es ebenfalls um eine Frau, nur völlig anders, total emotional und ganz und gar mütterlich. Merih Demiral, der 23-jährige und 192 Zentimeter große Hüne in der türkischen Innenverteidigung, spielt in Erinnerung an seine am 28. Dezember 2012 bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommene Mutter Fatma mit der Rückennummer 28 – und zwar seit zwei Jahren bei Juventus Turin an der Seite von Cristiano Ronaldo und seinen italienischen Kollegen Giorgio Chiellini, Leonardo Bonucci, Federico Chiesa und Federico Bernardeschi, die im Aufgebot der Azzurri stehen. Es ist für ihn ein halbes Heimspiel.

Mit der 28 läuft Demiral bei der Euro nicht auf, es sind nur die Nummern bis 26 vergeben und er trägt, nach alter Tradition gehört diese dem Haudegen, dem Abwehrchef, die 3. Das wird er verschmerzen, denn er ist jener Spieler, der sich über die Verschiebung des Turniers um ein Jahr am meisten freut. Im Januar 2020, bei Juves 2:1-Sieg gegen AS Rom, gehen in Demirals Knie ein Kreuzband und ein Meniskus kaputt. Ohne Corona hätte die EM ohne ihn stattgefunden.

Mit Stephanie Frappart als Unparteiische hat Demiral übrigens längst Bekanntschaft geschlossen. Die Französin leitete Juves Champions-League-Spiel vorigen Dezember gegen Dynamo Kiew, und er war beim 3:0 dabei. Mal sehen, ob Madame ihm wieder Glück bringt.