Leon Goretzka zeigt Herz und Verstand. Er traf zum erlösenden 2:2 gegen Ungarn. Foto: dpa

Geschlaucht! Gezittert! Geschafft! Geglückt! Es sieht nach K.o. aus, nach einer Blamage, endet aber in kollektivem Jubel. Deutschland legt einen Drahtseilakt hin, fällt zweimal fast ins Bodenlose, quält sich gegen Ungarn mit einem 2:2 (0:1) aber doch ins EM-Achtelfinale, ist, weil sich Portugal und Frankreich gleichfalls 2:2 trennen, Gruppenzweiter! Nun wartet am Dienstag in London England. Das alles hat richtig was von Herzkasper!

Drama, Dummheit, Dusel

Mehr Drama geht nicht. Mehr Unvermögen, fast schon Dummheit, letztlich aber auch die dicke Portion Dusel auch nicht. Da kommt das DFB-Team nach ewigem Rückstand durch Adam Szalai (11.) zurück, ist doch wieder dabei, hat das Achtelfinale vor Augen, weil Kai Havertz endlich, endlich der Ausgleich gelingt (66.), um Sekunden später erneut in die Knie zu gehen, weil Andras Schäfer vom Anstoß weg das 1:2 einköpft (68.). Erst im fast letzten Moment sorgt Joker Leon Goretzka mit dem 2:2 doch für das ganz späte Glück.

Dieses letzte Gruppenspiel ist in vielen Phasen eine Blaupause der beiden ersten Partien. Wieder gerät das DFB-Team früh in Rückstand, zum dritten Mal im dritten Gruppenspiel. Als ob es nicht zuvor schon genug Irritationen, Schwächen in der Defensive und Unzulänglichkeiten im schnellen Spielaufbau gegeben hätte. Auch diese Partie ist ein Kuddelmuddel und alles andere als Werbung für „Fußball made in Germany“. Das dritte Gruppenspiel hat wie so viele zuvor gezeigt: Ruhig, entspannt, von Anfang an strukturiert, mit wenigstens einem Hauch Souveränität bekommt das deutsche Team so schnell kein Spiel mehr über 90 Minuten.

Was hatten sie sich nicht alles vorgenommen, Stabilität in der Defensive, trotz des Ausfalls von Thomas Müller (Wadenblessur, dafür Leroy Sané als einzige Änderung in der Start-Elf) Kreativität in der Offensive und Torgefahr nach den vier Buden gegen Portugal sowieso. Nur: Dieser Plan haut überhaupt nicht hin, weil es kommt, wie zuletzt oft, zu oft. Oder, schlimm genug, wie fast immer. Schneller Konter der Ungarn, kein Pressing gegen die Flanke von Roland Sallai und erst recht kein Zugriff auf Adam Szalai. Der Mainzer kommt zwischen Mats Hummels und Matthias Ginter zum Kopfball – drin ist das Ding! Das 0:1 ist exakt das, was niemand will, was aber auch niemand verhindert (11.) und was irgendwie all das zeigt, was Neuer & Co. schon lange nicht mehr sind: Weltklasse.

Offensive zu statisch

Es ist mehr als eine kalte Dusche im späteren Dauerregen bei Sturmböen und gegen giftige Ungarn. Die kommen nur selten in Abwehrnöte, weil zwar Hummels an die Latte köpft und Ginter an Peter Gulasci scheitert (beide 21.), ansonsten aber kaum was klappt. Nichts geht in die Tiefe, bei Querpässen holen die Gegner eher Luft als dass sie unter Druck geraten. Viel zu statisch geht es in der ungarischen Hälfte zu. Ilkay Gündogan zeigt nichts von seiner Top-Form aus der Premier League, Toni Kroos sucht vergeblich nach Anspielstationen, wobei auch der Rio-Weltmeister als Taktgeber unterm Radar bleibt.

Gleich zwei „Glanzstücke“ aber leistet sich Sané. Erstens säbelt er eine Ecke so rein, dass sie gegenüber (!) ins Seitenaus segelt (60.), Sekunden später rutscht er bei einem absichtlichen Handspiel fast in den eigenen Strafraum – das hätte gerade noch gefehlt. Klar aber ist: Als Müller-Ersatz taugt Sané ganz und gar nicht.

Dann aber meint es der Fußball-Gott doch gut mit Jogi und seinen Jungs. Weil Gulasci seinen einzigen Fehler macht und Havertz das Tor regelrecht von der Torlinie abstaubt. Doch was dann kommt, geht in die Geschichte ein: Ein Gegentor, das nicht nur schmerzt, sondern das in keinem Jahres-Rückblick fehlen wird. Es ist gefühlt der K.o., das Aus, die Blamage. Aber dann kommen Jamal Musiala und Leon Goretzka, mit ihnen das 2:2 (84.) und das Happy End einer ganz und gar verrückten Partie.

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