Das Ziel ist klar und auch schon öffentlich gemacht, wie hier an der Bande klar erkennbar: Englands Harry Kane & Co. wollen endlich in Europa Champion werden. imago/Jonathan Moscrop

Sieger sind sie schon alle, die zum Höhepunkt dieser in mehrfacher Hinsicht verrückten EM blasen. Italien ist sowieso in aller Munde und Spanien zumindest ein wenig. Wenn beide am Dienstag das Hammer-Halbfinale beginnen (21 Uhr, ARD), liegt ein Hauch von Endspielstimmung in der Londoner Luft. Vor neun Jahren erst hat es dieses Giganten-Duell als Finale gegeben, aber vom damaligen 0:4 haben sich die Azzurri mehr als erholt.

Dafür lebt die Partie am Mittwoch zwischen England und Dänemark (21 Uhr, ZDF) noch mehr als alle bisherigen Spiele von der Emotionalität. Dabei steht generell fest: Ein Traum-Quartett bittet zur Gala der Sieger, bei der nur Gastgeber England nicht weiß, wie sich ein EM-Titel anfühlt.

EM 2021 – ein Friedhof der Favoriten

Blamieren kann sich von ihnen keiner mehr, so wie das in den 48 Spielen zuvor manchem Schwergewicht passiert ist. Diese Europa-Euro ist zum Großteil ein Friedhof der Favoriten. Titelverteidiger Portugal ist lange schon raus und hat bis auf Cristiano Ronaldo keinerlei Spuren hinterlassen. Von Weltmeister Frankreich bleibt die traurige Gestalt von Kylian Mbappé nach dem vergebenen Elfmeter gegen die Schweiz.

Für Deutschland ist dieses Turnier derart ernüchternd verlaufen, dass es letztlich nur verbunden ist mit dem Ende der Ära von Joachim Löw und dem Rücktritt von Toni Kroos.

Auch andernorts haben sich Spieler, Trainer und Anhänger den Sommer anders vorgestellt. Vor allem dann, wenn sie es mit Oranje halten oder mit Vizeweltmeister Kroatien. Mit den Belgiern, die wie immer munter aufgespielt haben, ihr Etikett vom Geheimfavoriten aber ein weiteres Mal ungebraucht zurück nach Brüssel genommen haben.

Mit den Polen, dem Land des Weltfußballers Robert Lewandowski, die heiß waren auf ein Ausrufezeichen, denen dabei aber die Luft ausgegangen ist. Besonders auch mit den Türken, die am deutlichsten ihren eigenen Ansprüchen regelrecht hinterhergestolpert sind.

Andere haben dafür neue Freunde gewonnen. Sie haben aufgedreht und neben Toren für jede Menge Spaß gesorgt. Wer schon hätte Tschechien den Vorstoß ins Viertelfinale zugetraut und dass Patrik Schick fünf Buden macht, so viele wie der große CR7?

Spanien hofft auf den vierten Triumph

Kaum jemand hätte für möglich gehalten, dass die Österreicher das furiose Italien in den Schwitzkasten packen. Darauf, dass die Eidgenossen, die seit 1954, seit Menschengedenken also, bei einem großen Turnier kein K.o.-Spiel mehr gewonnen haben, den Weltmeister knacken, hätte lieber auch niemand gewettet. Und dass die Ukrainer, geführt von ihrem Gentleman-Coach Andrej Schewtschenko, die zuvor brillanten Schweden aufmischen, fällt ebenso in die Rubrik „Was man eher nicht für möglich hält“.

Ab sofort indes ist alles möglich. Die Spanier haben bereits dreimal den Titel gewonnen (1964, 2008 im Finale gegen Deutschland und 2012) und nur 1984 (0:2 gegen Frankreich) ein Endspiel verloren. Die Italiener schwangen 1968 die Trophäe, mussten aber als Finalverlierer 2000 den Franzosen und 2012 ihrem aktuellen Gegner applaudieren. Diesmal aber?

Dass die Azzurri beim Schmettern ihrer Nationalhymne im Vorteil sind – geschenkt. Die spanische, die „Marcha Real“, der „Königliche Marsch“, kommt nämlich ohne Text daher. Aber sonst? Den Catanaccio, ihr „Türriegel-System“, beherrschen sie nach wie vor eindrucksvoll (nur zwei Gegentore), zugleich haben sie den Schlüssel für das Tor des Gegners (elf Treffer) gefunden. Es wird, so viel ist klar, großes Kino, Spektakel – und ein wenig wahrscheinlich auch Theater.

Christian Eriksen traf zuletzt gegen England

Dafür kommt 24 Stunden später der Tag der Emotionalität. Die Dänen, schon klar. Erst recht natürlich Christian Eriksen. Mit ihm ist eine schier unglaubliche Geschichte verbunden. Es ist der 14. Oktober vorigen Jahres, 4. Spieltag der Uefa Nations League. Danish Dynamite kreuzt in Wembley auf, gewinnt 1:0. Seitdem hat England keine Heimniederlage kassiert. Der Torschütze damals per Elfmeter: Christian Eriksen!

Elf Spiele haben die „Three Lions“ nicht mehr verloren, in den letzten sieben, davon fünf bei diesem Turnier, kein Gegentor kassiert. Sollte sich Geschichte jedoch wiederholen und sich womöglich ein Kreis schließen, wenn auch diesmal mit Eriksen nur als Daumendrücker, dann würde dieses Märchen alle bisherigen überstrahlen.