Kylian Mbyppe hatte den entscheidenden Elfmeter verschossen. Yann Sommer und die Schweizer feiern. Imago/Just Pictures/Razvan Pasarica

Was haben sie sich auf die Schenkel geklopft und gelacht, als mancher Trainer schon vor Jahren mit einem Spruch um die Ecke kam, der nach Phrase klang und nach einem sofortigen Obolus verlangte: Es gibt keine Kleinen mehr. Ausreden, nichts als Ausreden und das blanke Starkreden von Gegnern, die kaum das Zeug dazu hatten, als Gegner ernstgenommen zu werden. Eigentlich. Spätestens die Europa-Euro aber zeigt, dass nach diesem Turnier die Hierarchie zumindest auf dem alten Kontinent neu justiert werden muss.

EM 2021: Im Viertelfinale sind viele Kleine unterwegs

Ein Blick auf das Achterfeld des Viertelfinales, das am Freitag mit den Partien zwischen der Schweiz und Spanien (18 Uhr, St. Petersburg) sowie zwischen Belgien und Italien (21 Uhr, München, beide ZDF) startet, macht vor allem mit den Sonnabend-Partien zwischen Tschechien und Dänemark (18 Uhr, Baku) und erst recht zwischen der Ukraine und England (21 Uhr, Rom, beide ARD) deutlich, wie sich die Proportionen allein während der vergangenen drei Wochen verschoben haben.

Dass ein krasser Außenseiter einen Top-Favoriten bezwingt, kommt immer mal wieder vor. Es bleibt zumeist ein Einakter, der in die Geschichtsbücher eingeht. Bei großen Turnieren hat das angefangen mit einem 1:0 des damaligen Fußball-Entwicklungslandes USA gegen England bei der WM 1950, als viele englische Zeitungen von einem 10:1 berichteten, weil sie der festen Überzeugung waren, bei der damals unsicheren Übermittlung sei die 1 von der 10 im großen Wasser weggegluckert. Bis die bis dahin größte Schmach tatsächlich Gewissheit wurde.

Die Ukraine steht sensationell im Viertelfinale der EM 2021. dpa/Andrew Milligan

Inzwischen aber ist es so, dass die Überraschungen – Sensationen mag man sie fast nicht mehr nennen, so häufig kommen sie vor – kein Ende nehmen. Sie gehören einfach dazu, bis sie womöglich zur Regel werden. So wie bei dieser EM, bei der es zu einem massiven Fall der (angeblichen) Giganten und zu einem knallharten Aufstand der (vermeintlichen) Zwerge gekommen ist.

EM 2021: Niemand aus der Todesgruppe ist mehr im Turnier

Die selbsternannte Hammergruppe mit Titelverteidiger Portugal (von Belgien entthront), Weltmeister Frankreich (von der Schweiz entzaubert) und der „Turniermannschaft“ Deutschland (von England geerdet und ziemlich blamiert) – sie ist komplett gestrandet und jetzt, da es erst richtig um die Wurst geht, mit sportlichen Wunden übersät längst wieder zu Hause. Angesichts der Dramatik um Dänen-Mittelfeldmann Christian Eriksen gleich zu Turnierbeginn verbietet sich in diesem Zusammenhang das Wort Todesgruppe und es soll nie wieder Verwendung finden, weil es spätestens jetzt zu Grabe getragen wurde und ein ziemlich klägliches Häufchen Möchtegern-Weltstars übrigbleibt, von denen den meisten wahrscheinlich niemand auch nur eine Träne nachweint.

Holland-Bruchlandung im Achtelfinale: Gegen Tschechien war Schluss. dpa/Robert Michael

EM 2021: Holland erleidet Bruchlandung

Die Oranjes, durch ihre Gruppe regelrecht getänzelt, haben im Achtelfinale ebenso eine glatte Bruchlandung hingelegt. Vizeweltmeister Kroatien ist gleichfalls draußen und die Schweden auch. Dass lässt einerseits Wetten platzen und andererseits höchste Gewinne erwarten. Und: Nie zuvor wurde den Schwergewichten bei ihrer Heimkehr so oft das Wort „Blamage“ entgegengeschleudert.

Mit dem Team um Leipzig-Star Emil Forsberg, der „Equipe Tricolore und den „Flying Dutchmen“ sind drei Gruppenerste gleich zu Beginn der K.o.-Runden gescheitert. Dafür haben es mit der Schweiz, der Ukraine und Tschechien (die Männer um Kapitän Vladimir Darida liegen in der Weltrangliste lediglich auf Rang 40) drei Gruppendritte gepackt. Es ist tatsächlich die Stunde der Außenseiter und das Turnier der neuen Namen.

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Aber: Was spielen sie für Trümpfe aus, die die eigentlichen dicken Brocken derzeit vermissen lassen? Sie kommen an mit frischem, frechem, unbekümmertem Fußball. Sie sind topfit, interpretieren ihre Taktik nicht stur, sondern nach Bedarf, gehen drauf und kennen kein Pardon. Weder vor dem Gegner und schon gar nicht vor einer Niederlage. Diese Zwerge machen das, was vor allem das DFB-Team nicht gemacht hat und was mit den heutigen Partien erst so richtig durch die Decke gehen soll: Spaß!