Francesco Totti präsentiert in Berlin den WM-Pokal. Die Italienische Nationalmannschaft hat sich im Finale gegen Frankreich durchgesetzt. Imago/Mary Evans

Während die EM für die meisten Deutschen erst am Dienstag so richtig losgeht, bin ich schon am Freitag so richtig in Stimmung. Der Grund dafür ist einfach: Ich bin bei großen Turnieren nicht für Deutschland, denn meine Lieblings-Nationalmannschaft ist die Italienische. Das hat eine lange Geschichte und ich habe mir damit nicht nur Freunde gemacht. Begonnen dürfte alles an einem Vormittag im Jahr 1998 haben. Ich ging in die vierte Klasse und musste wegen einer kranken Lehrerin erst zur dritten Stunde zur Schule. Also schaltete ich den Fernseher an und sah Laola oder Eurogoals, eines der beiden Formate, in denen Eurosport und das DSF damals die besten Szenen aus Europas Top-Ligen zeigte.

EM 2021: Francesco Totti machte mich zum Italien-Fan

Die Serie A war damals noch eine echte Größe im europäischen Fußball. Mehrere Topteams voller Weltstars maßen sich. Gabriel Batistuta, Oliver Bierhoff, Alessandro Del Piero Hernan Crespo, Zinedine Zidane, Filippo Inzaghi, Paolo Maldini, Alessandro Costacurta und der brasilianische Ronaldo gaben sich regelmäßig die Klinke in die Hand – und mittendrin war ein junger Mann im Trikot der AS Rom, der sich anschickte, besser zu sein als alle anderen: Francesco Totti – inzwischen in der italienischen Hauptstadt in etwa so wichtig wie Julius Cäsar, der antike Göttervater Jupiter und die sagenhaften Stadtgründer Romulus und Remus zusammen.

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Ich war hin und weg von seinem Spiel, seinen Lupfern, seinem Auge und auch von seiner Art des Lamentierens. Die Serie A wurde zu einem festen Bestandteil meines Lebens, die AS Roma mein Verein. Dann kam der 29. Juni 2000. Das Halbfinale der Fußball-EM 2000 – die deutsche Mannschaft war bekanntlich bereits in der Vorrunde an Portugal und Rumänien gescheitert – zwischen Italien und den Niederlanden. Die Squadra Azzurra hielt gegen Oranje trotz knapp 90 Minuten in Unterzahl und zwei Elfmetern gegen sich ein 0:0 und rettete sich ins Elfmeterschießen – und dann kam Francesco Totti und lupfte den Ball in die Mitte, die Edwin van der Sar mit einem Sprung nach rechts frei gemacht hatte. 

Auch bei der WM 2006 jubelte ich für Grosso, Pirlo und Co.

Der Moment, der aktuell von einer niederländischen Biermarke für Werbezwecke ausgeschlachtet wird, war der Startschuss für meine Liebe zur Squadra Azzurra. Während bei der WM 2006 alle Menschen um mich herum ganz automatisch für die DFB-Elf, Klinsi, Schweini und Poldi zu sein schienen, jubelte ich für die Männer im blauen Trikot mit der goldenen Schrift. Ich jubelte bei Tottis Last-Minute-Siegtreffer im Achtelfinale gegen Australien, über Luca Tonis Doppelpack im Viertelfinale gegen die Ukraine. Ich jubelte über den Sensationspass von Andrea Pirlo und den Schlenzer ins lange Eck von Fabio Grosso im Halbfinale gegen Deutschland – lieber im Stillen in meinem Kinderzimmer, da zuvor immer wieder Geschichten bekannt geworden sind, dass es in meiner Heimatstadt Jena übergriffe auf Menschen gab, die nicht für Deutschland jubelten.

Alle 17 Tore der Italienischen Fußball-Nationalmannschaft bei der WM 2006 in Deutschland.

Beim Finale traute ich mich wieder raus. Ich sah Zidanes verschossenen Elfmeter, Zidanes dümmlichen Kopfstoß und dann einmal mehr Fabio Grosso, der den entscheidenden Elfmeter versenkte. Weltmeister, Fabio Cannavaro hob den Pokal in den Berliner Nachthimmel.

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Und seitdem? Ich blieb der Squadra Azzurra auch im Versagen treu, glaubte dreimal, viermal an einen Neubeginn – auch jetzt wieder, wenn die seit September 2018 ungeschlagene Mannschaft von Roberto Mancini am Freitag gegen die Türkei in die EM startet. Vielleicht gibt es ja ein Märchen wie 2006 und Capitano Giogio Chiellini darf am Ende den Pokal in die Luft strecken. Die deutsche Mannschaft darf ruhig wieder dritter werden. Ich kann ja gönnen.