Die dänischen Spieler sind sichtlich geschockt, als ihr Kollege wiederbelebt werden muss.   AFP/Friedemann Vogel

Plötzlich stand die Fußball-Welt still.

Es passierte im Spiel Dänemark gegen Finnland. Als Christian Eriksen in der 43. Minute bei einem Einwurf der Ball zugespielt wird, sackt er plötzlich und ohne Einwirkung eines Gegenspielers zusammen. Der 29-Jährige liegt auf dem Boden. Regungslos. Die Augen sind aufgerissen – und starr.

Seine Mitspieler reagieren schnell und besonnen. Allen voran: Kapitän Simon Kjaer. In diesen Minuten wird er zum Helden. Zum Helden der Menschlichkeit. 

Statt in Schockstarre zu verfallen, reagiert er auf dem Rasen ohne jedes Zögern. Es ist  Simon Kjaer, der als erster erkennt, dass sein Mitspieler schnell Hilfe benötigt. Der 32-Jährige eilt zu Eriksen, überstreckt seinen Hals und verhindert so, dass sein Kollege und Freund die Zunge verschluckt.

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Die erste Hilfe bekomme Christian Eriksen von seinem Freund Simon Kjaer.  AFP/Wolfgang Rattay

So kann Eriksen weiteratmen. Deutlich signalisiert Kjaer den Ärzten, dass hier dringend Hilfe erforderlich ist. Nur weil er entsprechende Zeichen gibt, haben die Mediziner sofort die Ausrüstung für eine Herz-Lungen-Wiederbelebung dabei. 

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Als erster Betreuer  erreichte der dänische Mannschaftsarzt Morten Boesen den kollabierten SpielmacherNach der Partie schilderte er die dramatischen Szenen auf dem Spielfeld. 

Simon Kjaer hilft und tröstet. In diesen Minuten wird er zum Helden.  imago/Ritzau Scanpix

Morten Boesen: „Wir haben es geschafft, Christian Eriksen zurückzuholen“

„Wir wurden auf den Platz gerufen, als Christian zu Boden ging. Ich habe es nicht genau gesehen, aber es war klar, dass er nicht bei Bewusstsein war. Als ich zu ihm kam, lag er auf der Seite, er atmete und ich fühlte seinen Puls. Aber plötzlich hat sich das geändert. Und wie jeder gesehen hat, begannen wir ihn wiederzubeleben“, sagte Boesen.

Danach habe es sehr schnelle Hilfe vom Ärzteteam und den Helfern gegeben: „Wir haben getan, was notwendig war. Wir haben es geschafft, Christian zurückzuholen. Er hat mit mir gesprochen, bevor er ins Krankenhaus gebracht wurde für die weitere Behandlung.“

Ärzte kämpfen um das Leben von Christian Eriksen

Als der Rest der Mannschaft zu realisieren beginnt, was da gerade passiert, ist es wieder  Kapitän Simon Kjaer, der die Initiative ergreift. Er dirigiert seine Mitspieler, fordert sie auf, sich um die Szene herumzustellen, um zu verhindern, dass die ganze Welt dabei zusieht, wie die Ärzte um das Leben von Christian Eriksen kämpfen.

Die Dänen Yussuf Poulsen, Simon Kjaer, Thomas Delaney und Andreas Christensen schirmen die Sicht auf Christian Eriksen ab.  imago/Ritzau Scanpix

So ist nur für wenige Sekunden zu erkennen, wie ein Arzt Eriksen mit einer Herzdruckmassage wiederbelebt. Dann schirmt eine Mauer aus dänischen Beinen den Spielmacher ab. Auch finnische Fans, die nahe der Stelle im Stadion sitzen, wollen helfen. Sie werfen eine große Flagge aufs Feld, die als Sichtschutz aufgespannt wird. So können sich die Mediziner unbeobachtet auf ihre Arbeit konzentrieren. 

Dann läuft plötzlich eine Frau auf das Spielfeld. Wieder wissen einige Spieler sofort, was zu tun ist. Torhüter Kasper Schmeichel und – natürlich – Simon Kjaer erkennen Sabrina, die Freundin von Christian Eriksen. Sofort eilen sie zu ihr. Es ist Kjaer, der ihr Gesicht in beide Arme nimmt. Er tröstet sie. Beide weinen. Auch Schmeichel spendet der Frau Trost. Wenige Meter entfernt ringt ihr Mann in diesem Moment um sein Leben.

Simon Kjaer und Kasper Schmeichel  trösten Sabrina Kvist Jensen, die Freundin von Christian Eriksen. AFP/Wolfgang Rattay

Es ist still im Stadion. Niemand weiß, wie es um Eriksen steht. Die finnischen Spieler verlassen den Platz. Die Dänen stehen ihrem Kollegen bei. Es fließen Tränen. Auf dem Rasen und auf der Tribüne. Bange Unsicherheit. 

Eriksen wird vom Platz gebracht 

Dann bewegt sich die Traube um den kollabierten Spieler. Sanitäter haben Eriksen auf eine Trage gehoben und fahren ihn vom Feld. Nur für Sekundenbruchteile ist der Spieler durch den Sichtschutz  zu sehen. Er hat die Augen geöffnet. 

Für zwei Stunden ist das Spiel unterbrochen. Die Fans harren aus. Es bleibt still im Stadion.  Dann kommen aus dem Krankenhaus gute Nachrichten. Es gibt Hoffnung. Mehr als das. Eriksen ist wach. Er kann sprechen. Und er sagt, es gehe ihm gut. Als die Zuschauer im Stadion davon erfahren, singen Finnen und Dänen gemeinsam ihre Hymnen. Man kann die Erleichterung mit Händen greifen. Gänsehaut. 

Dann führt Simon Kjaer seine Mannschaft wieder aufs Spielfeld. Dabei hat der ehemalige Wolfsburger Tränen in den Augen. Dänen-Trainer Hjulmand: „Simon war tief betroffen und zweifelte, ob er weitermachen konnte. Er hat es versucht, aber es war nicht möglich.“ In der 62. Minute muss Kjaer ausgewechselt werden. Er hatte darum gebeten. Kjaer und Eriksen sind enge Freunde, „obwohl sie in Mailand für zwei rivalisierende Vereine spielen“, wie ihr Trainer sagt.

Kjaers Energie ist in diesem Moment verbraucht. Für Freundschaft und Menschlichkeit. Ein echter Held! „Captain Fantastic“, titelt die britische „Daily Mail“. 

Am Sonntag streichen die Dänen sämtliche Medienaktivitäten. Auch das Training wird auf unbestimmte Zeit verschoben, wie der nationale Verband am Morgen mitteilt. Es geht um das Leben eines Kollegen. Wen interessiert da noch ein Fußball-Ergebnis? 

Dass die überlegenen Dänen gegen Finnland 0:1 verlieren, ist auch auf den Schock zurückzuführen. Sollte das Team deshalb nicht das Achtelfinale erreichen, muss die Uefa über eine Sonderregelung nachdenken. Für Christian Eriksen. Für Simon Kjaer. Und für alle anderen Helden von Kopenhagen.    

UPDATE: Der dänische Verband äußerte sich am Sonntag offiziell zum Gesundheitszustand von Christian Eriksen. „Sein Zustand ist stabil, und er bleibt zur weiteren Untersuchung im Krankenhaus“, erklärte die Funktionäre über die Social-Media-Kanäle. Offenbar ist die Ursache für den plötzlichen Kollaps des Profi-Sportlers noch nicht gefunden. 


Auch dem KURIER liegen Fotos vor, die Eriksen nach dem Herzstillstand und während der Wiederbelebung zeigen. Wir haben uns entschieden, diese Bilder nicht zu zeigen - weder online noch in der gedruckten Zeitung.