Italiens Trainer Roberto Mancini strahlt mit dem EM-Pokal um die Wette. Foto: Imago/Insabato

Dass ein Trainer weint, kommt so gut wie nie vor. Zumindest nicht in der Öffentlichkeit. Bei Joachim Löw sind nicht einmal nach dem WM-Triumph von Rio Tränen geflossen. Im Tunnel sind die Coaches vor allem bei großen Spielen, so wie Gareth Southgate, im EM-Finale an Englands Seitenlinie, und Roberto Mancini, der die Squadra Azzurra in einem epischen Elfmeterdrama mit 3:2 auf Europas Thron geführt hat. Und doch ist es in Wembley, auf dem heiligen Rasen, passiert.

Southgate kniff im schwersten Moment seiner bisherigen Trainerlaufbahn die Lippen derart aufeinander, dass es schon schmerzen musste und seine hagere, fast schon asketische Statur nur noch mehr unterstrich. Mancinis Tränen zeigten alles, was einen Trainer in einem derartigen Moment bewegt, der einem Team, das drei Jahre zuvor nach der verpassten WM-Qualifikation für Russland unter grenzenloser Häme litt und lange in Schutt und Asche lag, regelrecht neues Leben einhauchte. Mit dem er nun 34 Spiele in Folge ungeschlagen ist: Freude und Anspannung, Glück und Entspanntheit, Genugtuung und Erfolg, Zufriedenheit und Triumph.

Es ist sein Triumph. Der Triumph des Trainers. Es ist Mancinis Märchen.

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Italiens verrücktes Bus-Ritual 

Nach diesem Turnier mag niemand mehr sagen, Trainer seien auf derart hohem Niveau nicht wichtig. Die Zeit ist lange vorbei, dass jemand wie Franz Beckenbauer sagen kann „Geht’s raus und spielt’s Fußball“ und die Jungs werden allein von den angeblich magischen Worten der damaligen Lichtgestalt Weltmeister. Immer mehr entscheiden Winzigkeiten nicht nur Spiele, sondern ganze Turniere. Manchmal entscheiden sie sogar, ob ein Team nach der Vorrunde beschämt nach Hause muss oder am Ende mit dem Pokal im Gepäck eine triumphale Heimkehr feiert. Auch deshalb sind von den 15 K.o.-Spielen dieser Euro-EM acht (!) in die Verlängerung und vier davon sogar ins Elfmeterschießen gegangen.

Dafür braucht es Coaches, dafür braucht es manchmal auch regelrechte Einflüsterer. Wie Gianluca Vialli bei den Azzurris, den einstigen Star-Stürmer, den Mancini nach Viallis Krebsdiagnose vor drei Jahren ins Team geholt hat und der bei dieser EM zunächst tatsächlich die Abfahrt des Mannschaftsbusses verpasst hat, weil es vor dem Auftaktspiel gegen die Türkei aus Versehen so passiert und es nach dem 3:0, und wenn es nur ein paar Meter war, zum Ritual geworden ist.

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Mancini und Southgate könnten unterschiedlicher nicht sein 

Das aber wäre zu einfach, den Erfolg zu erklären. Viel mehr ist es das grenzenlose Vertrauen zueinander und der kollektive Musketier-Gedanke, dieses „Einer für alle – alle für einen“. Bis auf Alex Meret, den dritten Keeper, hat Mancini alle Spieler eingesetzt, damit sie das Gefühl haben, bedingungslos zur Gruppe zu gehören. Eine alte Wunde ist damit geschlossen. 1990 gehörte Mancini zwar zur Squadra, durfte bei der Heim-WM aber keine Minute spielen. Dieses Nicht-gebraucht-werden wollte er niemandem zumuten. Auch deshalb sind ihm die Spieler gefolgt wie Krieger – und sind nach einer eher katastrophalen ersten Final-Halbzeit, nach der der Coach manches anders und vieles besser gemacht hat, zum Titel geflogen.

Und Southgate? Er ist zu sehr Gentleman, um an der Linie auszuflippen. Fast schien es, als sei er zugleich zu lethargisch, als gehöre es sich nicht, in der Coachingzone Tacheles zu reden. Very british, eigentlich, in einem solchen Moment aber geradezu stoisch. Während Mancini sich nach nicht einmal einer Stunde von Ciro Immobile trennte, damit einen alten Zopf abschnitt und vehement coachte, verwaltete Southgate den Vorsprung, der plötzlich keiner mehr war und ihn, den Fehlschützen vom EM-Halbfinale 1996 gegen Deutschland, der immerwährende Elfer-Fluch aus allen Träumen holte.

Southgate verzockt sich mit Marcus Rashford und Jadon Sancho

Englands Trainer Gareth Southgate  mit den Elfmeter- Fehlschützen Jadon Sancho (Mitte) und Marcus Rashford vor deren Einwechslung. Foto: Imago/Potts

Es ist oft schon vorgekommen, dass Spieler allein für das Elferschießen gebracht werden. So, mit den Einwechslungen von Marcus Rashford und Jadon Sancho, wollte auch Southgate den Traum vom ersten England-Titel nach 55 Jahren verwirklichen und regelrecht erzwingen. Dabei hätte gerade er wissen sollen, dass man zumindest einiges an Betriebstemperatur braucht, um in einem derart überhitzten Moment nicht nur die körperliche, sondern weit mehr die mentale Stärke abzurufen. Das ist bei beiden bei deren gefühlt erster Ballberührung total in die Hose gegangen. Danach hat Southgate gesagt, dass er erst einmal eine Pause braucht.

Mancini dagegen sagt, ihm mache es riesigen Spaß mit dieser Mannschaft. Er habe noch viel Bock, zu dieser Gruppe zu gehören und sie zu coachen. Genauso geht es der nach Mancinis Märchen und vor allem nach dessen Tränen.

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