Zeit sich zurückzulehnen für die Gegner: Die deutsche Mannschaft hat eine Standardsituation.  Foto: imago/Moritz Müller

Es ist das Manko des deutschen Teams: der ruhende Ball. Weder vorne noch hinten sehen Jogis Jungs dabei sonderlich gut aus. Alarmstufe Standards! Das muss besser werden, damit es gegen die Ungarn am Mittwoch in München (21 Uhr) – aber auch die weiteren Gegner in der K.o.-Phase – klappt.

Als Joachim Löw noch nicht so breite Schultern besaß wie nun seit ein paar Jahren schon, betrachtete der Bundestrainer Einwürfe, Freistöße und Eckbälle als derart würdelose Begebenheiten, dass er sie der Einfachheit halber im Training ausließ. Löw blickte auf schlichte Torerzielung nach ruhendem Ball herab wie ein Macho auf Frauenfußball.

Es dauerte geraume Zeit, ehe der mittlerweile 61-Jährige sich im reifen Alter noch bekehren ließ. Denn Tore nach Standards, ließ er sich von seinem damaligen Assistenten Hansi Flick vor der Weltmeisterschaft 2014 erklären, sind in Wahrheit gerade deshalb so brauchbar, weil sie sich bequem erzielen lassen.

Hansi Flick überzeugte Jogi Löw

Ökonomie (Flick) und Ästhetik (Löw) können sich dann wunderbar ergänzen. Das Turnier in Brasilien legte darüber Zeugnis ab. Nur zwei Beispiele: Freistoß Toni Kroos, Kopfball Mats Hummels zum entscheidenden 1:0 gegen Frankreich im Viertelfinale: typisches Flick-Tor. Flanke André Schürrle, Brustannahme, Drehung und Schuss wie aus einem Guss Mario Götze im Endspiel zum 1:0-Triumph: typisches Löw-Tor.

Vor dem EM-Finalturnier 2021 hat Löw die Elemente seines Nachfolgers Flick nicht nur pflichtschuldig in den Trainingsbetrieb eingebastelt, sondern aus inzwischen voller Überzeugung integriert. Mehrfach betonte der Bundestrainer schon vor der Vorbereitung, „sehr viel Wert auf Standards" legen zu wollen.

Indes: All das Ganz-geheim-Trainieren in Seefeld und Herzogenaurach hat bislang keinen Ertrag gebracht. Im Gegenteil: Deutschland stellte sich in den Auftaktspielen gegen Frankreich und Portugal selten dämlich bei den Standards an. Der Ball ruht, die Deutschen dösen. „Wir müssen die Standardsituationen in den Griff bekommen“, mahnt Joshua Kimmich mittlerweile sehr zu Recht. Und Mario Basler, einst ein Genie auf dem Gebiet des ruhenden Balls, ätzte bei Sport1: „Angeblich hat Deutschland ja die Standards trainiert: Allerdings weiß ich nicht, ob mit normalen Fußbällen oder Medizinbällen.“

Leon Goretzka beklagt fehlende Überzeugung

Bislang tiefster Tiefpunkt des unproduktiven Übungsprogrammes: eine von den Portugiesen abgewehrte Ecke, die nach einem Konter wenige Sekunden später mit einem Ball im deutschen Tor endete. So war das mit der avisierten besseren Trefferquote nach eigenen Standards nicht gemeint gewesen. „Da sind wir ihnen nach unserer eigenen Ecke voll reingelaufen“, analysierte Kimmich hinterher, „dabei haben wir vorher über die Absicherung gesprochen.“ Das bestätigte Bundestrainer Joachim Löw ausdrücklich, und ausdrücklich verärgert.

Zu allem Überfluss fiel das zweite portugiesische Tor nach einer Freistoßflanke, als die Deutschen kollektiv ihre Reaktionszeit auf Zeitlupe justiert hatten. Thomas Müller hat es nicht vergessen: „Da habe ich auch einen laufen lassen.“ Auch Marcel Halstenberg, als Einwechselspieler dabei auf dem Platz, räumt seine Teilschuld pflichtgemäß ein. „Am zweiten Pfosten standen drei Gegner frei, das darf nicht passieren.“

Was also tun? „Überzeugung ist ein wichtiges Thema bei Standards“, weiß Leon Goretzka, „jede Mannschaft kann dagegen gut verteidigen, da musst du mit aller Kraft und Überzeugung reinfliegen. Wir haben genug gute Leute dazu in der Box.“ Eine Frage des Willens also.

Auch der entscheidende Treffer beim 0:1 gegen Frankreich war gewissermaßen nach einem Standard gefallen. Einwurf für Frankreich an der Mittellinie, Paul Pogba wurschtelt sich irgendwie durch, kein Deutscher geht richtig ran, und am Ende war Mats Hummels mit seinem Eigentor der Dumme und musste sich für vermeintlich ungelenkes Ballabwehren noch Kritik von Ex-Kumpel Basti anhören.

Der Feinschliff fehlt auch noch bei eigenen Freistößen zentral vor des Gegners Tor. Bei der WM 2014 hatten Löw und Flick der Mannschaft im Training freien Fuß gegeben. Die Spieler sollten sich Varianten ausdenken, die die Gegner verwirren. Es gibt diese Szene aus dem Training am Campo Bahia, als Thomas Müller sich beim Anlauf hinfallen lässt, wieder aufrappelt, um dann einen Lupfer über die Mauer nicht zu erreichen. Sieben Jahre später läuft derselbe Müller gegen Frankreich auf die Mauer zu und bleibt dann einfach stehen. Der Freistoß von Toni Kroos verfängt sich nutzlos in den französischen Spielerleibern.