Matthias Sammer entwischt im DDR-Supercup 1989/1990 den Bewachern des BFC Dynamo. Foto: Imago Images/Werek

Auf einen blöderen Tag hätte dieser Termin kaum fallen können. Fünf Jahre haben sie bei Dynamo Dresden geplant und gebaut, jetzt steht der 20 Millionen Euro teure Komplex, dem sie den Namen ihres vielleicht größten Trainers gegeben haben: Walter-Fritzsch-Akademie.

Dieses Trainingszentrum im Ostragehege, dort, wo einst der große Dresdner SC mit Richard Hofmann und Helmut Schön seine Heimat hatte, steht für die Zukunft, für eine bessere zumal, der Schwarz-Gelben. Nur müssen sie das alles erst einmal mit ihrer Vergangenheit und vor allem mit ihrer Gegenwart in Einklang bringen. Denn nur fünf Tage, nachdem sie aus der 2. Bundesliga abgestiegen sind, nehmen sie das neue Schmuckstück in Besitz.

Ihrer Sache, dass der neuerliche Abstieg nur eine Momentaufnahme ist und die Rückkehr hoffentlich schon in einem Jahr erfolgt, sind sie sich an der Elbe auch aufgrund ihres Selbstverständnisses ziemlich sicher, irgendwie ist es aber trotzdem so etwas wie ein Hoffen auf das blaue Wunder.

Jener Verein, der in der DDR acht Meisterschaften feiert und sieben Pokalsiege, der über die Jahre den schönsten, attraktivsten und spektakulärsten Fußball spielt, der Nationalspieler über Nationalspieler (Hans-Jürgen „Dixie“ Dörner als der erfolgreichste von insgesamt 34 taucht im Klub der Hunderter auf) stellt, 98 Partien auf europäischer Bühne absolviert und die meisten Anhänger sowieso hat, nur in der 3. Liga? Geht das? Es muss gehen, denn sie haben von 2000 bis 2002 in zwei Spielzeiten noch tiefer im Keller gehangen. Es geht allerdings nur mit zusammengekniffenen Lippen und mit tiefen Zornesfalten, denn die 3. Liga kollidiert mit ihren Ansprüchen total.

Das Problem unabhängig vom jüngsten Abstieg aber ist: Mehr als in Elb-Florenz hätte wahrlich nicht schieflaufen können.

Wir haben ihnen Sammer und Kirsten im Paket angeboten

Ex-Manager Bernd Kießling

Dabei machen sie, als die Mauer fällt, zunächst alles richtig. Zumindest sind sie auf dem besten Weg. Noch bevor sie sich als Zweiter des letzten Ost-Titelkampfes neben Hansa Rostock für die Bundesliga qualifizieren, machen sich Alfons Saupe, der damalige SG-Vorsitzende, und Bernd Kießling, schon so etwas wie der Manager, auf den Weg nach München. Ihr Ziel: Säbener Straße, mal vorbeischauen bei den großen Bayern, mit denen sie sich 17 Jahre zuvor zwei epochale Schlachten im europäischen Meistercup geliefert haben, in denen Uli Hoeneß eine entscheidende Rolle spielte.

Der Besuch des Branchenführers Ost beim Branchenführer West sieht nicht nur ziemlich konspirativ aus, er ist es zum großen Teil auch. Saupe und Kießling wollen bei Uli Hoeneß Know-how schnorren, weil sie wissen: Die Spielerverträge Ost sind in der Bundesliga ihr Papier nicht wert. Ihrerseits haben die beiden Dynamos einen Plan und kommen nicht mit leeren Händen, nicht als Bittsteller. Sie schlagen den Bayern eine Kooperation vor. „Wir haben ihnen Matthias Sammer und Ulf Kirsten im Paket angeboten“, sagt Kießling „und wollten im Gegenzug, dass die Münchner uns Spieler schicken, die sie für ihr Bundesligateam nicht unbedingt brauchen. Die Vereinbarung hatten wir schon in der Tasche.“

Es hätte fast geklappt. Uli Hoeneß ist angetan, sagt er zumindest. Nur hat der Bayern-Manager die Rechnung ohne Jupp Heynckes gemacht, den damaligen Coach. „Ach“, gibt sich Heynckes abweisend, „das bringt mir nichts. Ehe sich die Spieler aus dem Osten an das Niveau in der Bundesliga gewöhnen, bin ich hier längst nicht mehr Trainer.“

Im eigenen Fall hat Heynckes recht, in dem von Sammer und Kirsten irrt er gewaltig. Der eine, Sammer, wird in seinem zweiten Jahr mit dem VfB Stuttgart Meister, schafft das auch mit Borussia Dortmund, er treibt das DFB-Team 1996 zum EM-Titel und wird als erster und bislang einziger Deutscher mit Wurzeln im Osten Fußballer des Jahres in Europa. Der andere, Kirsten, der „Schwatte“, startet in Leverkusen durch, er wird dreimal Torschützenkönig und ist aktuell mit 181 Treffern die Nummer 7 der Bundesliga-Rekordtorjäger.

Lizenzentzug als Genickschlag

Auch wenn es zwischen den Dynamos und den Bayern nichts wird, wenigstens einen Blanko-Vertrag, in dem alle möglichen Paragrafen, Klauseln und Winkelzüge eingearbeitet sind, nehmen sie mit. „Als die Bundesliga dann kam“, erinnert sich Kießling, „waren wir zumindest mit unseren Verträgen wasserdicht.“

Viel geholfen hat es ihnen trotzdem nicht. Zwar haben sie in der Bundesliga Niederlagen über Niederlagen eingesteckt und die Klasse mit viel Mühe gehalten, die Suppe, die sie sich im Januar 1993 mit der Wahl von Rolf-Jürgen Otto als Nachfolger des eloquenten Wolf-Rüdiger Ziegenbalg zum Vereinspräsidenten eingebrockt haben, hat indes alles in den Schatten gestellt. Mit dem Bauunternehmer aus Hessen sind sie einem der größten Scharlatane, die die Bundesliga je gesehen hat, aufgesessen. Den Vier-Punkte-Abzug für das „Erschleichen der Lizenz“ haben sie sportlich noch ausgebügelt, als es trotz namhafter Trainer – Helmut Schulte, Klaus Sammer, Ralf Minge, Sigfried Held, Horst Hrubesch, erneut Ralf Minge – nichts wird und Dynamo 1995 absteigt, wird der ganze Schlamassel deutlich: Nach der zuvor schon verweigerten Lizenz für die Bundesliga gibt es nicht einmal eine für die 2. Bundesliga, sondern: bei zehn Millionen D-Mark Schulden Zwangsabstieg in die drittklassige Regionalliga Nordost.

Es ist ein Genickschlag, der die Schwarz-Gelben verfolgt wie ein Fluch. In den 25 Jahren seitdem haben sich vor Markus Kauczinski, dem aktuellen Coach, 29 (!) andere Trainer versucht, darunter Dynamo-Legenden wie Hans-Jürgen Kreische, Udo Schmuck, Hartmut Schade und Eduard Geyer. Außerdem einer, der zuvor nichts mit Dynamo zu tun hatte, der es hätte schaffen können, den sie aber vom Hof gejagt haben: Uwe Neuhaus. Man kann es späte Rache nennen, vielleicht ist es aber auch nur ein dummer Zufall, dass Neuhaus in einem der letzten Saisonspiele mit Bielefeld 4:0 gegen sein ehemaliges Team gewinnt, mit Arminia den Erstliga-Aufstieg perfekt macht, er Dynamo aber zugleich in die 3. Liga beamt.

Was bleibt, ist die Hoffnung. Bisher haben sie wichtige Spieler wie Kapitän Marco Hartmann („Ich möchte dazu beitragen, Dynamo wieder dahin zu bringen, wo der Verein hingehört“) und Chris Löwe („Ich habe eine große Sehnsucht danach, zu erleben, wie die Fans feiern, wenn wir wieder aufgestiegen sind“) gehalten, sind andererseits mit Ralf Becker („Wir wollen Persönlichkeiten in der Truppe haben und ein paar emotionale Typen, die den Verein auf dem Platz widerspiegeln“) als neuem Sportchef angetreten.

Becker folgt auf Ralf Minge, der Klub-Ikone, dessen Vertrag nach sechs Jahren nicht verlängert wurde. Dabei haben sie bei der Einweihung ihrer Walter-Fritzsch-Akademie Minge als „Vater des Trainingszentrums“ gelobt, er habe, wie Dynamo-Präsident Holger Scholze sagt, bei der Umsetzung „dicke Bretter gebohrt“. Laut Scholze symbolisiert die Akademie, „dass wir optimistisch nach vorn und vor allem nach oben schauen“.

Minge nur hat beim Eröffnungsakt gefehlt, persönliche Gründe hätten sein Kommen verhindert. Trotz des Aufbruchs – einen blöderen Tag hätte es dafür tatsächlich nicht geben können.