2008 feierte der FC Hansa mit Trainer Frank Pagelsdorf den Aufstieg in die Bundesliga. Foto: Imago Images

Es ist manchmal zum Aus-der-Haut-Fahren. Da versucht ein Verein alles, um über den eigenen Schatten zu springen. Er stellt sozusagen alles auf den Kopf, lässt keinen Stein auf dem anderen – am Ende aber ist es, vielleicht mit winzigen Ausnahmen, so wie immer. Fast ist es so, als ob nicht einmal im inneren Zirkel jemand etwas gegen die sportliche DNA machen kann. So wie bei Hansa Rostock. Es war so in vielen Jahren in der DDR-Oberliga und es ist viele Jahre schon so im vereinten Fußball-Deutschland: Die Kogge leckt ihre Lecks.

Was Bayer Vizekusen für die Bundesliga, ist der FC Hansa für die Oberliga. Oft haben sie versucht, den Meistertitel oder wenigstens den Pokalsieg ins Ostseestadion zu holen, manche Male nur hätten sie einen winzigen Schubser gebraucht, um am Ziel ihrer Wünsche anzukommen, geschafft aber haben sie es Jahrzehnte nicht. Erst ganz zum Schluss, als sie mit Uwe Reinders als erstes Team aus dem Osten einen Trainer aus dem Westen verpflichten, klappt es, und das 1991 gleich mit dem Double.

Zuvor haben sie sich fast die Haxen gebrochen bei dem Versuch, das Spieljahr auf Rang 1 zu beenden, und sind dabei manches Mal ziemlich grandios gescheitert. Es ist ein regelrechter Fluch der bösen Tat. Als Empor Lauter, weil es im Umkreis von wenigen Kilometern mit Wismut Aue und Motor Zwickau zwei weitere Erstligisten gibt, im Herbst 1954 aus dem Erzgebirge nach Rostock zwangsverpflanzt wird, ziehen die Männer um ihren Kapitän Kurt Zapf als Tabellenführer an die Ostsee. Bis zum Saisonende werden sie auf Platz 9 durchgereicht. Der Fluch setzt sich fort: 1962 Zweiter hinter dem ASK Vorwärts Berlin, ein Jahr später Zweiter hinter Jena, wieder nur zwölf Monate danach Zweiter hinter Chemie Leipzig, 1968 ist erneut nur Jena besser. Im Pokal das gleiche Dilemma: Finalniederlage 1955 gegen den SC Wismut, 1957 gegen den SC Lok Leipzig, 1960 gegen Jena, 1967 gegen Zwickau, 1987 gegen den 1. FC Lokomotive Leipzig.

Kurios ist das alles durchaus. Sie sind trotz einiger Nationalspieler (Gerd Kische, WM-Teilnehmer 1974 und Olympiasieger 1976, ist unter ihnen die Nummer 1) eine lange Zeit dennoch eher ein Team zu gut für die Zweit-, aber nicht gut genug für die Erstklassigkeit. Erst ganz am Ende eben, als es die DDR nicht mehr gibt und als ob sie im Norden von diesem Fluch, den, so kann es manchmal durchaus scheinen, die Funktionäre mit ihrer Nacht-und-Nebel-Aktion ausgelöst haben, erlöst sind. Auf den Punkt, als es um die Wurst geht, sind sie da: Qualifikation mit, aber vor Dynamo Dresden für die Bundesliga. Und ein erstes, allerdings zugleich letztes großes Duell im europäischen Meistercup gegen den FC Barcelona.

Sie werden eine durchaus beachtliche Größe: In ihrer ersten Saison vermasseln sie im letzten Spiel Eintracht Frankfurt den nahezu sicheren Meistertitel, steigen selbst aber trotz des Sieges ab; mit Trainer Frank Pagelsdorf, der 1994 vom 1. FC Union nach Rostock wechselt und aus der Alten Försterei nach und nach mit Christian Beeck, André Hofschneider, Goran Markov, Dirk Rehbein, Martin Pieckenhagen, Sergej Barbarez und Marko Rehmer fast eine komplette Mannschaft nachholt, gelingt der Wiederaufstieg; 1996 und 1998 schnuppern sie als Bundesliga-Sechster am Uefa-Cup; neben den Publikumslieblingen Steffen Baumgart, Stefan Beinlich und Matthias Breitkreutz tragen später Deutschlands Nationalspieler Oliver Neuville, der jetzige Leverkusen-Trainer Peter Bosz und im Abstiegsjahr 2005 sogar Finnland-Superstar Jari Litmanen das Kogge-Emblem auf dem Trikot.

Es ist trotzdem noch nicht das Ende, irgendwie aber der Anfang davon. In ihrer Not holen die Rostocker Frank Pagelsdorf zurück. Ihm gelingt das erneute Kunststück, Hansa ist in der Saison 2007/08 zum dritten Mal in der Bundesliga. Diesmal jedoch wie zu Beginn nur ein Spieljahr, 2010 aber nach der verlorenen Relegation gegen Ingolstadt sind die Männer von der Küste erstmals in ihrer Vereinsgeschichte Drittligist. Erst einmal nur eine Saison, nach dem erneuten Abstieg nun aber gefühlt schon ewige acht Jahre.

Zunächst fremdeln sie in dieser Spielklasse, in die sie vom Gefühl her nicht gehören wollen. Ihrem eigenen Anspruch aber werden sie nie gerecht, weil sie stets in zweistelligen Regionen der Tabelle landen. Dazu kommen Reibereien im Vorstand und im Aufsichtsrat, wo sich die feinen Herren schon mal gegenseitig als „Totengräber des Vereins“ bezeichnen. Erst zuletzt ist wieder so etwas wie ein Ruck durch die Reihen gegangen und mit Jens Härtel – der Ex-Unioner ist seit 9. Januar 2019 im Amt – haben sie einen Trainer, der weiß, wie zumindest der Aufstieg in die 2. Bundesliga geht. Mit dem 1. FC Magdeburg ist es ihm 2018 gelungen, mit Hansa aber ist er zweimal nur Sechster geworden. Trotzdem steht Härtel für Stabilität.

Dabei scheint so etwas wie der Fluch zurückzukehren, denn oft waren die Rostocker dran an den Aufstiegsplätzen, mehrmals hätten sie sich oben festsetzen können, immer wieder aber haben sie entscheidende Spiele vergeigt, wertvolle Punkte regelrecht verschenkt und so die eigenen Ambitionen weggegrätscht. Auch in der gerade zu Ende gegangenen Saison. Fünf Runden vorm Ende liegen sie auf dem Relegationsplatz und nur ein Pünktchen hinter einem direkten Aufstiegsplatz, bleiben nach einer grottigen Endphase (nur ein Sieg) aber doch wieder nur Möchtegern-Zweitliga-Mitglied.

Das lässt so einen wie Gerd Kische, den Helden von einst, ganz und gar nicht kalt. Der Ex-Nationalspieler hat als Präsident und als Manager gezeigt, dass er auch als Funktionär was auf dem Kasten hat. Neben dem Nachwende-Macher Robert Pischke, einem viel zu früh verstorbenen Schiffsmakler und einstigen Spitzenschiedsrichter, legte speziell er den Grundstein für die insgesamt zwölf Jahre Bundesliga; es ist die längste Periode, die ein Ost-Verein im gesamtdeutschen Fußball in der Eliteliga gespielt hat. Geht es, völlig unabhängig von der aktuellen Situation, um das Gesamtgefüge FC Hansa, dann lässt der Alt-Star kein gutes Haar an den meisten handelnden Personen. Kische spricht wie immer Klartext und da von „Katastrophe“, von „Realitätsfremdheit“ und sogar von einer regelrechten „Überheblichkeit, bei 25 Millionen Euro Verbindlichkeiten eine große Schnauze zu haben“.

Dabei wähnen sie sich in Rostock dank Investor Rolf Elgeti, der den Verein mit einer Millionen-Euro-Spritze und dem Kauf der Stadionkredite 2015 vor der Insolvenz rettete, selbst angesichts der Corona-Folgen durchaus gut aufgestellt. „Bremsspuren dieser Krise werden deutlich sichtbar und spürbar sein“, sagt der Investor, „Hansas Position in der Vereinswelt aber wird nach der Krise eine bessere sein als vorher. Davon bin ich überzeugt.“

Nur sollte sich Elgeti – Stichwort 2. Bundesliga – an diesen Worten messen lassen. Sonst müssen sie an der Küste Jahr für Jahr doch wieder ihre Wunden lecken und versuchen, den Fluch zu besiegen.