Von Bern nach Berlin! Herthas Willy Kanga und Unions Jordan Siebatcheu wagten den Sprung aus der Schweiz in die Bundesliga.
Von Bern nach Berlin! Herthas Willy Kanga und Unions Jordan Siebatcheu wagten den Sprung aus der Schweiz in die Bundesliga. imago images/Koch/opokupix

Berlin kann stolz sein – Deutschlands einzige Stadt mit zwei Bundesligisten. Dazu eine prickelnde Rivalität mit der ganz besonderen Würze. Der 1. FC Union, früher der Underdog, läuft dem großen Traditionsverein Hertha BSC seit dreieinhalb Jahren den Rang als Nummer eins ab. Ein Grund für den KURIER, den Ist-Zustand der beiden Hauptstadtklubs kurz vor dem Jahreswechsel in einer Serie noch einmal zu beleuchten. Gemeinsamkeiten, Überraschungen, Hoffnungen – so sieht es bei Hertha BSC und dem 1. FC Union vor dem neuen Jahr 2023 aus. Im vierten Teil geht es um die beiden Stürmer.

Siebatcheu traf sofort für Union, dann war Flaute

Einfach zum 1:0 eingenickt! Unions Jordan Siebatcheu bei seiner Torpremiere in der Bundesliga im Derby gegen Hertha.
Einfach zum 1:0 eingenickt! Unions Jordan Siebatcheu bei seiner Torpremiere in der Bundesliga im Derby gegen Hertha. imago images/Koch

Wer als Kind in den Heldensagen des Mittelalters geschmökert hat, der weiß, aus Bern kommt Gutes und Edles. Dietrich von Bern ist Teil eines großen Heldenepos. Auch Hertha BSC und der 1. FC Union suchten vor der neuen Saison das Heil im schweizerischen Bern, verpflichten von den Young Boys ihre neuen Topangreifer Wilfried Kanga (24) und Jordan Siebatcheu (26).

Siebatcheu, für sechs Millionen Euro beim Schweizer Meister losgeeist, trat in Köpenick ein schweres Erbe an. Die Fußstapfen waren groß, die der nach Nottingham abgewanderte Taiwo Awoniyi hinterlassen hatte. Mit seinen 20 Buden – 15 allein in der Spielzeit 2021/22 – und fünf Vorlagen war der junge Nigerianer zum eisernen Rekordtorschützen und Publikumsliebling avanciert.

Doch Siebatcheu, der zunächst noch mit der Trikotnummer 38 in Köpenick begonnen hatte, ehe er Michael Jordan zu Ehren sich für die 45 als Rückennummer entschied, schien das zu meistern. Erster Treffer im direkten Duell mit seinem Vorgänger bei der Generalprobe vor dem Pflichtspielstart. Es folgten die Buden im Pokal in Chemnitz und im Stadtderby gegen Hertha beim Ligastart. Traumeinstand!

Siebatcheus WM-Traum mit den USA platzte

Spätestens beim 2:0 gegen Wolfsburg am 7. Spieltag schien es so, als hätte sich mit Sheraldo Becker und dem 1,90 Meter großen Franko-Amerikaner ein neues Traumduo gebildet. Neun Treffer und sechs Assists konnten beide auf sich vereinigen.

Doch der Lauf ging nicht weiter. Und Jordans Traum von der WM platzte. US-Headcoach Gregg Berhalter berücksichtigte ihn nicht mehr für das Turnier im Wüstenstaat. Weil der zwar stets fleißige und sich auch für die Abwehrarbeit nicht zu schade seiende Jordan seinen Kernaufgaben nicht mehr so recht nachkam, als Wandspieler oder Knipser etwas abfiel.

Hatte natürlich etwas damit zu tun, dass er in der Liga mittlerweile viel stärker maßgenommen wird nach seinen Anfangserfolgen. Und auch damit, dass Becker ebenso abfiel. Beide wirkten am Ende der Hinrunde etwas überspielt. „Sturmspitzen müssen gefüttert werden. Darunter hat auch Jordy etwas gelitten“, hatte Urs Fischer, der Trainer des 1. FC Union erkannt.

Wenn die Liga in der zweiten Januarhälfte wieder loslegt, dann sollte aber auch Jordan wieder eine Rolle spielen können. Es wäre ja nicht das erste Mal in der Geschichte des Fußballs, dass es eine Eingewöhnungszeit braucht, ehe man aus dem Ausland kommend voll einschlägt.

Wer Jordan zu früh abschreibt, der sollte sich an das erste Jahr von Awoniyi bei den Köpenickern erinnern: Da traf der Nigerianer in 21 Spielen auch nur fünf Mal für den 1. FC Union. Jordans Werte sind also kaum schlechter …

Herthas Kanga kam spät und wurde zum Spätzünder

Herthas Wilfried Kanga traf zum ersten Mal in der Bundesliga beim 2:1 gegen Schalke.
Herthas Wilfried Kanga traf zum ersten Mal in der Bundesliga beim 2:1 gegen Schalke. imago images/Koch

Jordan Siebatcheu und Wilfried Kanga waren das Traum-Sturmduo bei Young Boys Bern. Gemeinsam schossen sie vergangene Saison 34 Tore in der Schweizer Liga. Und jetzt? Siebatcheu traf dreimal für Union und Kanga zweimal für Hertha. Einen eklatanten  Unterschied in der Torquote zu erkennen, fällt wirklich schwer. Das Rennen wird erst in der Zukunft entschieden.

Kanga (4 Millionen Euro Ablöse) startete gegenüber seinem ehemaligen Sturmkollegen mit einem Nachteil. Siebatcheu kam Ende Juli nach Köpenick, Kanga erst Ende Juli zu Hertha. Dem Franzosen-Ivorer fehlten schlichtweg vier Wochen der Saisonvorbereitung. Die Integration, die Spielautomatismen, alles begann später.

Trainer Sandro Schwarz behielt die Geduld und stärkte immer wieder Kanga mit viel Lob: „Willy arbeitet hart und er wird sich dafür mit Toren belohnen.“ Bis zum 11. Spieltag musste der Stürmer warten, dann traf er Ende Oktober beim 2:1 gegen Schalke, da hatte Siebatcheu schon fünf Wochen vorher seine drei Liga-Tore für Union abgeliefert.

Am letzten Spieltag vor der Winterpause legte Kanga beim 2:0 gegen den 1. FC Köln nach. Zwei Tore, die sechs von 14 Zählern für Hertha brachten. Er ist wertvoll für den Klub – nicht nur wegen seiner zwei Treffer. Er steht irgendwie für diesen neuen Spirit im Team. Rückschläge, weitermachen, weiterarbeiten. Jeder seiner Kollegen hat ihm diese zwei Tore von Herzen gegönnt. Eine Blockade im Kopf war trotz viel Pech bei so mancher Torchance nicht zu sehen.

Fredi Bobic glaubt an viele Kanga-Tore

Doch die Anforderungen im nächsten Jahr werden höher werden. Er muss öfter treffen, damit die Blau-Weißen aus dem Tabellenkeller kommen. Fredi Bobic traut es Kanga zu. „Das Glück wird kommen – auch die Tore werden kommen. Viele Stürmer aus meinen anderen Stationen haben auch Zeit gebraucht. Manche ein halbes Jahr oder ein dreiviertel Jahr und dann sind sie explodiert. Da muss man das Vertrauen einfach geben“, sagt der Manager.

Kanga alleine kann Hertha nicht retten. Er braucht genaue Pässe und Flanken von seinen Mitspielern. Das war bisher das größte Manko. Das weiß auch Trainer Schwarz: „Im Ballbesitz und dem eigenen Offensivspiel müssen wir mehr Gefahr und Präzision entwickeln. Gerade im letzten Drittel haben wir noch Luft nach oben.“ Wenn es klappt, könnte Kanga wirklich noch der Überflieger 2023 werden.

Morgen geht der KURIER-Check auf die Zielgerade. Dann im Fokus: die Stadionpläne.

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