Blau-Weiß, Rot-Weiß, der Schal gehört immer mit ins Stadion. In diesem Punkt unterscheiden sich Fans von Hertha BSC und dem 1. FC Union nicht. 
Blau-Weiß, Rot-Weiß, der Schal gehört immer mit ins Stadion. In diesem Punkt unterscheiden sich Fans von Hertha BSC und dem 1. FC Union nicht.  imago images/Koch

Berlin kann stolz sein – Deutschlands einzige Stadt mit zwei Bundesligisten. Dazu eine prickelnde Rivalität mit der ganz besonderen Würze. Der 1. FC Union, früher der Underdog, läuft dem großen Traditionsverein Hertha BSC seit dreieinhalb Jahren den Rang als Nummer eins ab. Ein Grund für den KURIER, den Istzustand der beiden Hauptstadtklubs kurz vor dem Jahreswechsel in einer Serie noch einmal zu beleuchten. Gemeinsamkeiten, Überraschungen, Hoffnungen – so sieht es bei Hertha BSC und dem 1. FC Union vor dem neuen Jahr 2023 aus. Im zweiten Teil geht es um die Fans.

Unions Fans sind der halbe Erfolg

Union ist der Überflieger. Dank Topleistungen und Mega-Support durch die Fans spielen die Köpenicker diese Saison in der Europa League.
Union ist der Überflieger. Dank Topleistungen und Mega-Support durch die Fans spielen die Köpenicker diese Saison in der Europa League. imago images/Koch

Wer immer auf die Gründe des Aufschwungs beim 1. FC Union zu sprechen kommt, wird irgendwann am Punkt sein, wo es um die Fans geht. Der Rückhalt, den die Kicker der Eisernen erfahren – vor allem zu Hause in der Alten Försterei – sucht seinesgleichen.

„Unsere Fans helfen uns immer, pushen uns, geben uns Energie, hatte jüngst Julian Ryerson angemerkt. „Das hilft dir gerade in engen Spielen“, weiß auch Trainer Urs Fischer diese Hilfestellung von außen zu würdigen.

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Es ist schon erstaunlich, wie sich das alles in den letzten Jahren entwickelt hat. Vielleicht beginnend mit dem Aufstieg der Eisernen 2019. Seitdem lieferten sich Hertha und der 1. FC Union über lange Zeit ein enges Kopf-an-Kopf-Rennen bezüglich der Frage, wer denn der größere Verein ist. Mal lagen die Blau-Weißen vorne, mal die Köpenicker. Doch nun scheint der 1. FC Union den Stadtrivalen abzuhängen. Vor zwölf Monaten besaßen 40.531 Menschen einen Mitgliedsausweis der Eisernen. Auf der jüngsten Mitgliederversammlung wurde die Zahl auf 48.364 beziffert. Tendenz steigend. Bei Hertha sind es knapp 45.000.

Natürlich hat dieser Boom auch was damit zu tun, dass der 1. FC Union zu wenig Platz im Stadion hat. Die Alte Försterei fasst eben nur 22.012 Besucher, ins Olympiastadion können fast 75.000 rein. Seit Jahren gibt es in Köpenick Tickets eigentlich nicht mehr im freien Verkauf. Ohne Mitgliedschaft gibt es auch keine Eintrittskarten mehr.

Pyro-Skandal von Malmö führte zur Fandebatte

Das kam bei den meisten nicht gut an. Einige Union-Anhänger zündelten beim Euro-Auftritt in Malmö. 
Das kam bei den meisten nicht gut an. Einige Union-Anhänger zündelten beim Euro-Auftritt in Malmö.  imago images/Koch

Es gibt aber auch manchmal unliebsame Überraschungen. Erinnert sei hier nur an die Pyro-Eskalation beim Europa-League-Spiel in Malmö Mitte Oktober, das kurz vor einem Spielabbruch stand. Es setzte eine satte Uefa-Strafe von 40.000 Euro und führte zu einem Zuschauerausschluss für Gästefans beim finalen Gruppenspiel in Belgien bei St. Gilloise. Und nicht wenigen kam die Aufarbeitung der Geschehnisse danach etwas zu kurz.

Doch beim 1. FC Union verfährt man nicht nach dem Verfahren erst hängen, dann Prozess. Es wurde keiner öffentlich an den Pranger gestellt, sondern in Ruhe diese Eskalation untersucht. Ohne aber dabei vorschnell zu handeln oder der Menge ein Opfer zum Fraß vorzuwerfen.

Denn eine der Stärken des Klubs ist es es, immer wieder in die Fanszene reinzuhorchen. Stimmungen aufzunehmen. Und damit sind nicht nur die Ultras gemeint.

Was in Zukunft aber immer schwerer werden wird, wenn das Wachstum weiter so anhält. Man kann halt nicht mehr so wie am Beginn des Jahrtausends einfach mal durchs Stadion schlendern und gewisse Grundströmungen in sich aufnehmen oder gewisse Entscheidungen verteidigen. Es wird eine Herkulesaufgabe für die Eisernen werden, auch hier künftig weiter den Spagat zu halten.

Manfred Sangel: „Als Hertha-Fan musst du leiden können“

Seit über 50 Jahren ist Manfred Sangel Hertha-Fan und eine Instanz im Verein. Da darf er auch mal mit Frank Zander die Stadionhymne singen.
Seit über 50 Jahren ist Manfred Sangel Hertha-Fan und eine Instanz im Verein. Da darf er auch mal mit Frank Zander die Stadionhymne singen. imago images/Camera4

Fast jeder Blau-Weiße kennt Fan-Ikone Manfred Sangel (63). Als er 1965 als sechsjähriger Steppke zum ersten Mal ins Olympiastadion ging, war klar, dass es Liebe auf den ersten Kick war. Sangel hat über ein halbes Jahrhundert alle Höhen und Tiefen des Klubs miterlebt. Sein Motto sagt er immer ganz gelassen, wenn es mal wieder schlecht um den Verein steht: „Als Herthaner musst du leiden können.“

Auch die letzten dreieinhalb Jahre wurde bei Hertha wieder viel gelitten. Hoffnungen auf eine bessere Zukunft durch die 374 Millionen von Investor Lars Windhorst zerschellten brutal. Eine sportliche Talfahrt mit vielen Trainer-Experimenten endete im Dauer-Abstiegskampf. Corona brachte nicht nur ein finanzielles Loch, sondern auch einen emotionalen Krater. Während der Pandemie-Maßnahmen durfte erst gar keiner ins Stadion, und als es teilweise wieder erlaubt war, kamen die Hardcore-Fans trotzdem nicht in die Ostkurve.

Herthas Support war abgewirtschaftet, genau wie die ganze Vereinsführung um Ex-Präsident Werner Gegenbauer. Doch das war längst nicht alles. Neben dem großspurigen Big-City-Klub-Gefasel von Windhorst, das Hertha zur Lachnummer machte, lief Konkurrent 1. FC Union nach seinem Bundesligaaufstieg Hertha sportlich den Rang ab. Dazu wuchs Union als Verein und hat derzeit mehr Mitglieder als die Blau-Weißen.

Fanfest zum Hertha-Jubiläum brachte den Umschwung

Mit dieser Choreografie zum Heimspielauftakt im Olympiastadion setzten Herthas Fans Maßstäbe.
Mit dieser Choreografie zum Heimspielauftakt im Olympiastadion setzten Herthas Fans Maßstäbe. imago images/Hübner

Es musste ein Umbruch her. Der passierte dann Ende Juni. Mit Präsident Kay Bernstein, der seine Wurzeln in der Fanszene hat, herrscht ein völlig neuer Ton. Nahbarkeit statt Arroganz, Zusammenhalt statt Postenschieberei. Das Fanfest zum 130. Vereinsjubiläum im Sommer 2022 brachte die Stimmungswende. Seit einem halben Jahr gibt es endlich wieder eine Einheit zwischen Anhängern und der Mannschaft. Trainer Sandro Schwarz betont es immer: „Die Unterstützung ist sensationell. Das gibt uns jeden Tag Energie. Die Leute spüren, dass die Mannschaft einen Willen hat und kämpft.“

Dieser Stimmungswandel ist schon erstaunlich und er wird auch nicht durch das dürftige Punktekonto mit nur 14 Zählern auf Platz 15 nach 15 Spielen erschüttert. Jahrelang wurde nur über einen Neuaufbau geredet, jetzt spüren die Fans, dass er wirklich da ist. Sie gehen den Weg der Geduld mit, weil sie wieder an ihre Hertha glauben. Die Erwartungen an eine durch Sparkurs mutierte Durchschnittsmannschaft sind nicht hoch.

Das Minimalziel ist der Klassenerhalt mit der Aussicht auf eine Entwicklung innerhalb des Teams. Schwarz weiß es selbst: „In der Rückrunde müssen mehr Punkte her.“ Viele Spiele wurden manchmal verschenkt, doch die Rückschläge wurden erstaunlich gut weggesteckt. Es wurde gekämpft auf dem Platz. Genau das ist der Kitt, der gerade alles zwischen Fans und Spielern zusammenhält. Im neuen Jahr müssen aber die Enttäuschungen weniger werden, um wirklich einen Durchbruch zu schaffen. Nach vier Pleiten in Folge wäre ein Derbysieg gegen Union Ende Januar genau das Signal, wonach sich Herthas Fans sehnen.

Morgen geht der KURIER-Check weiter. Dann im Fokus: die Torhüter.

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