Bernd Storck kann sich in Brügge feiern lassen. Foto: imago images/Pro Shots
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Brügge Das alles hätte so gut gepasst in diese Zeit, nahezu wie die Faust aufs Auge. Es wäre die ideale Geschichte gewesen vor dem Hauptstadt-Derby in der Fußball-Bundesliga zwischen Hertha BSC und dem 1.FC Union. Eine, die das Gemeinsame hervorhebt und zeigt, was – Können vorausgesetzt – mit Courage, Mut, Willen, einer gesunden Portion Selbstvertrauen und einer ziemlich großen Prise Glück geht.


Nur ist ja nichts mehr wie vor einer Woche, wie gestern oder wie vor einer Stunde. Diese Geschichte hätte auch deshalb so wunderbar die Stimmung getroffen, weil sie beide Seiten gleichermaßen betrifft, die Blau-Weißen genauso wie die Rot-Weißen. Zwei Akteure spielen dabei eine Rolle, der eine, der einst ein Blau-Weißer war, die etwas größere. Der andere, eigentlich noch ein halber Rot-Weißer, die etwas kleinere. Zusammen haben sie, Bernd Storck (47) als Trainer und Lennart Moser (20) als Torhüter, bei Cercle Brügge, beim belgischen Fußball-Erstligisten, ein regelrechtes Wunder vollbracht. Nach aussichtsloser Lage haben sie mit Cercle die Klasse gehalten.

Natürlich haben sie sich diebisch gefreut, als feststand, dass sie erstklassig bleiben. Als sie schon vor dem letzten Spiel wussten, dass die „Mission impossible“ doch zum guten Ende gekommen ist. Aktuell aber, so rasend schnelllebig ist die Zeit während der Corona-Pandemie, ist das für Storck längst nicht mehr das Thema, jetzt, da eine Runde vor Saisonende in Belgien die Jubiler League wie alle anderen Ligen ihren Spielbetrieb eingestellt hat und der Coach erst einmal gar nicht über Fußball und über sein Husarenstück reden möchte. „Im Moment“, meint Storck, „gibt es wichtigere Dinge in unserem Leben.“

Himmelfahrtskommando für Storck

Wagen wir trotzdem eine Rückblende in den Herbst 2019. Cercle, mit drei Punkten das Schlusslicht in Belgien, bekommt Anfang Oktober bei Zulte Waregem mit 0:6 kräftig eine übergebraten. Es ist im zehnten Spiel die neunte Niederlage. Der Franzose Fabian Marcadal wird gefeuert. Sein Nachfolger ist Bernd Storck. Cercle setzt auch deshalb auf den Coach aus Deutschland, der bei Hertha BSC einst Assistent von Jürgen Röber gewesen ist und als Nachfolger von Pal Dardai Ungarns Nationalelf zur EM-Endrunde 2016 geführt hat, weil Storck in der vorigen Saison in ähnlich aussichtsloser Lage Royal Excel Mouscroun rettete.

Damals kam er, als das Team nach sechs Spielen genau null Punkte hatte. Da dem einstigen Bundesliga-Profi, der mit Borussia Dortmund 1989 den DFB-Pokal gewann, dieses Kunststück zum zweiten Mal hintereinander geglückt ist, gilt Storck in Belgien nun als Wiederholungstäter. Die Spieler, so sehen es Beobachter, würden ihm bei der Ansprache an den Lippen hängen und ihm gewissermaßen aus der Hand fressen.

Dabei ist es keine Magie, die der einstige Röber-Assistent aus dem Hut zaubert. Storcks Art von Magie heißt mal Akribie, dann wieder Disziplin, hin und wieder taktisches Geschick, dazu die Liebe, fast schon die Versessenheit zum Detail und am besten alles zusammen.

So setzt Storck sich in der Winterpause ins Auto, schrubbt die 900 Kilometer zwischen Brügge und Cottbus herunter, um Lennart Moser, vom 1. FC Union zu Regionalligist Energie ausgeliehen, von einem Engagement bei Cercle zu überzeugen.

Lennart Moser hatte mit drei weißen Westen einen großen Anteil am Wunder von Brügge. Foto: imago images/Panoramic International

Das klappt, dennoch scheint ihn diesmal das Glück zu verlassen.  Sechs Spieltage vor Schluss hat das Tabellenschlusslicht neun Punkte Rückstand aufs rettende Ufer. Es scheint vorbei zu sein.

Doch vier Siege am Stück später, alle mit einem Tor Unterschied eingefahren, bringen nicht nur die Wende, sondern die Rettung. Dazu liefert Moser, mit der Rückennummer 99 auf dem Platz dabei, ebenso ab wie Storck: In drei von sieben Spielen hält der Keeper die Null.

Wie es weitergeht, steht allerdings wie überall in der Welt in den Sternen. Das hat derzeit natürlich viel mit Corona zu tun. Aber auch damit, dass Bernd Storcks Vertrag am Saisonende ausläuft …