Kay Bernstein hat seine Trainingsjacke als Hertha-Präsident kultiviert. Dirk Zingler setzt eher auf Anzug, wenn er seine Reden vor den Unionern hält.
Kay Bernstein hat seine Trainingsjacke als Hertha-Präsident kultiviert. Dirk Zingler setzt eher auf Anzug, wenn er seine Reden vor den Unionern hält. dpa/Gora/dpa/Koch

Berlin kann stolz sein – Deutschlands einzige Stadt mit zwei Bundesligisten. Dazu eine prickelnde Rivalität mit der ganz besonderen Würze. Der 1. FC Union, früher der Underdog, läuft dem großen Traditionsverein Hertha BSC seit dreieinhalb Jahren den Rang als Nummer 1 ab. Ein Grund für den KURIER, den Ist-Zustand der beiden Hauptstadtklubs kurz vor dem Jahreswechsel in einer Serie noch einmal zu beleuchten. Gemeinsamkeiten, Überraschungen, Hoffnungen – so sieht es bei Hertha BSC und dem 1. FC Union vor dem neuen Jahr 2023 aus. Im ersten Teil geht es um die beiden Präsidenten.

Dirk Zingler: Vom Sanierer zum Visionär

Der 1. FC Union ist zwar immer noch ein recht junger Bundesligist, aber was seinen Boss angeht, längst ein Veteran. Seit 18 Jahren ist Dirk Zingler in Amt und Würden. Nur Gladbachs Rolf Königs sitzt genauso lange an den Schalthebeln der Macht. Als der Baustofflogistiker Zingler 2004 an die Spitze der Eisernen rückte, steckten die Köpenicker in der wohl schwierigsten Phase ihrer Vereinsgeschichte. Zingler gebührt dabei der Verdienst, den Klub saniert zu haben. Und vor allem ist mit ihm untrennbar verbunden die Stadion- und Standortfrage dauerhaft gelöst zu haben. Jüngst konnte die Eisernen sogar der Grund und Boden erwerben, auf dem ihre Spielstätte liegt. Ein Meilenstein in der Geschichte der Schlosserjungs.

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Was Zingler mit Kay Bernstein, seinem Pendent bei Hertha BSC, eint, ist ihr junges Einstiegsalter als Funktionär. Bernstein war im Juli 41 als er an die Spitze der Alten Dame rückte, Zingler seinerzeit knapp eineinhalb Jahre jünger. Zwar ist der bis 2025 vom Aufsichtsrat in seinem Amt bestätigte Zingler kein Kind der Kurve – wie auch, gibt ja so etwas nicht in der Alten Försterei – und auch kein Ultra. Aber als Ultraversteher gilt der vom Kicker als streitbarer Präsident eingeordnete Zingler schon.

In Köpenick rennen sie halt nicht jedem Trend hinterher und reden auch nicht jedem nach dem Mund. Erinnert sei hier nur an die Corona-Zeiten, als die Eisernen als Pandemieleugner in Misskredit gezogen worden sind, obwohl sie eigentlich nur nach Lösungen für den Umgang mit dem tückischen Virus suchten. Ironischerweise wurde viele ihrer Vorschläge im Laufe der Zeit dann sogar von der DFL ins Hygienekonzept übernommen.

Dirk Zingler: Früher emotional, heute erfahren

Lang ist es her! Unions Präsident Dirk Zingler bestieg mit 39 Jahren den Thron bei den Köpenickern.
Lang ist es her! Unions Präsident Dirk Zingler bestieg mit 39 Jahren den Thron bei den Köpenickern. imago images/Contrast

Was die Machtfrage angeht, regiert Zingler als Sonnenkönig zu Köpenick. Nicht immer unumstritten, aber unbeirrt. Der Baustoff-Logistiker ist an allen Entscheidungen im Klub beteiligt, hat im Zweifelsfalle das letzte Wort. Aber, und das ist ein Beispiel für seine Weiterentwicklung, beim Thema Sport lässt er Manager Oliver Ruhnert und Trainer Urs Fischer freie Hand und drängt auch nicht in die Öffentlichkeit. In seinen früheren Jahren als Ober-Eiserner ließ sich Zingler noch viel stärker von seinen Emotionen leiten, griff gerne ins Tagesgeschehen ein. Spötter behaupteten seinerzeit, als Union sogar zwischenzeitlich in die Niederrungen der Viertklassigkeit abgerutscht war, er wechsele die Trainer häufiger als die Unterhose.

„Es wäre schon seltsam, wenn man sein Verhalten in einem solch großen Lebensabschnitt nicht verändert. Natürlich handelst du als 58-Jähriger nicht so wie ein 39-Jähriger, weil du Lebenserfahrung dazu gewonnen hast“, sagte Zingler jüngst in einem Interview des Kickers. Ein Beispiel dafür ist auch die Stadionfrage. Früher hätten die langwierigen Prozesse ihn wohl zur Weißglut getrieben. Heute besitzt er die Weisheit, Dinge zu verändern, die in seiner Macht stehen und andere hinzunehmen und trotzdem beharrlich seine Ziele zu verfolgen. Der Traum einer erneuerten, vergrößerten Alten Försterei ist das Projekt, das ihn derzeit am meisten umtreibt. Wann immer es auch fertig gestellt sein wird. „Es ist wichtig, dass wir hier einen Standort haben mit Perspektive für den Profifußball. Dieses Stadion bauen wir auch für unsere Kinder“, so Zingler.

Kay Bernstein: Von null auf hundert Hertha-Boss

Hertha BSC hatte am 26. Juni die Revolution gewagt. Ein ehemaliger Ultra wurde zum Präsidenten gewählt. Kay Bernstein (42) lächelte Vorbehalte einfach weg: „Das Image werde ich nicht mehr los.“ Auch Skeptiker, die Bernstein das Amt wegen zu wenig Erfahrung nicht zugetraut hatten, müssen nach einem halben Jahr feststellen: Bernstein trat nicht einmal in ein Fettnäpfchen. Ganz im Gegenteil. Der neue Boss beherrscht das Parkett, alle Hürden nahm er mit lockerer Souveränität. Und davon gab es einige …

In den ersten Wochen mussten sich viele erst mal an den neuen Führungsstil gewöhnen. Bernstein krempelte Strukturen im Verein und der KGaA um. Mehr Transparenz, mehr Teamplay, mehr Nahbarkeit. Das Präsidium hat jetzt auf der Geschäftsstelle ein eigenes Tagungszimmer. Der frische Wind kam nach 14 Jahren unter Ex-Präsident Werner Gegenbauer gut an.

Der erste Rückschlag kam dann im September. „97 Tage war alles gut. Am 100. Tag wollten wir eigentlich gemeinsam mit Investor Lars Windhorst eine Medienrunde machen. Die mussten wir absagen“, erklärte Bernstein auf der Mitgliederversammlung im November. Die Spionage-Affäre gegen Vorgänger Gegenbauer durch Windhorst wurde aufgedeckt. Bernstein und der gesamte Vorstand waren geschockt. Doch nach einem Tag wurde komplett professionell reagiert. Keine Schlammschlacht, sondern nur eine sachliche Mitteilung: „Hertha BSC lässt die Vorwürfe durch eine Kanzlei aufarbeiten und beurteilen.“

Hertha BSC: Bernstein bestand bisher alle Härtetests

Kay Bernstein ist ein Kind der Ostkurve. Auch als Hertha-Präsident will er die Fan-Kultur verbessern.
Kay Bernstein ist ein Kind der Ostkurve. Auch als Hertha-Präsident will er die Fan-Kultur verbessern. imago images/Camera4

Windhorst tobte und kündigte endgültig seinen Rückzug und den Verkauf seiner 64,7-Prozent-Anteile, die er für 374 Millionen Euro erworben hatte, an. Bernstein und das Präsidium blieben gelassen, denn alle wussten, dass der im Sommer 2019 geschlossene Vertrag, wasserdicht war und Windhorst im Zugzwang war. Bernstein ließ sich auf keine Provokationen ein. Erster Härtetest bestanden.

Die zweite Klippe folgte. Die schlimme Bilanz der Vorsaison mit einem Minus von knapp 80 Millionen Euro. Bernstein, eigentlich Chef einer Eventfirma, ging in die Offensive und redete gar nichts schön: „Die Zahlen sind herausfordernd. Diese Erblast ist einer der schwierigsten Aufgaben in der Klubgeschichte. Lasst uns Verzicht üben, wo Verzicht möglich ist.“

Diese ehrlichen, offenen Worte kamen bei allen Herthanern an. Bernstein sieht sich als Arbeiter für seinen Herzensverein. Als Windhorst dann im November mit der US-Investment-Firma 777 Partners einen Käufer seiner Anteile präsentierte, machte sich der Präsident mit seiner blauen Retro-Sportjacke, seinem Markenzeichen, auf den Weg in die Firmen-Zentrale des Finanzunternehmens nach Miami und nur eine Woche später gab es den Gegenbesuch. Konstruktiver kann man wohl nicht in eine neue Partnerschaft starten. Dritte Klippe gemeistert.

Hertha BSC: Wie geht es mit Manager Bobic weiter?

Doch die nächste wartet schon. Will der DFB Manager Fredi Bobic tatsächlich für die Nationalelf als Nachfolger von Oliver Bierhoff abwerben und geht Bobic dann wirklich? Bernstein geht auch da nicht in den Panikmodus und erklärte: „Das ist mir alles zu viel Konjunktiv. Aber: Für den Fall, dass der DFB Interesse an Fredi Bobic hätte und sich daher bei uns melden und auch Fredi sich dann damit ernsthaft auseinandersetzen würde – müsste man offen miteinander reden und klären: Wie kann das funktionieren?“ Es bleibt weiter spannend bei Hertha und für Bernstein sowieso.

Morgen geht der KURIER-Check weiter. Dann im Fokus: Die Fans.

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