Nicht nur bei schrillen Kleidungsstücken mutig: Bob Hanning. Foto: City-Press/Moritz Eden

Am Montag fliegt Füchse-Boss und Verbands-Vize Bob Hanning (52) mit dem Nationalteam zur WM nach Ägypten (13. bis 31. Januar). Trotz aller Zweifel, ob der Gastgeber in Corona-Zeiten eine sichere „Blase“ schaffen kann. Weil es für den Handball wichtig sei, das Turnier zu spielen.

KURIER: Ägypten ächzt unter der zweiten Corona-Welle. Sind Sie immer noch der Meinung, dass die WM trotz der prekären Lage vor Ort stattfinden soll?

Bob Hanning: Ja. Wir vertrauen dem Sicherheitskonzept der Ägypter. Und klar ist doch auch, dass wir in Kairo nicht zum Shoppen in die Innenstadt gehen können. Dass wir einzig und allein dafür da sind, dass wir den Sport repräsentieren.

Wer hat das Sicherheitskonzept vor Ort geprüft? Und wer trägt an den Spielorten letztlich die Verantwortung?

Das macht der ägyptische Staat mit der dafür zuständigen Gesundheitsbehörde. Und tatsächlich waren die Konzepte, die uns vorgelegt wurden, anfänglich zu schwach. Inzwischen sind sie aber aus unserer Sicht so, dass wir sagen können: Unter den gegebenen Umständen können wir uns auf eine schöne WM freuen.

Das Risiko maximal minimieren

Die Ägypter wollen sogar Zuschauer zulassen.

Wenn sie sagen, dass sie eine Auslastung von 30 Prozent unter entsprechenden Rahmenbedingungen hinbekommen, würde ich nie auf die Idee kommen, das infrage zu stellen. Ich bin da einfach anders erzogen. Im Übrigen sind wir die einzige Nation, die sich wieder mal so kritisch verhält. Diese Diskussion gibt es weder in Dänemark noch in Schweden oder Norwegen.

Es gibt aber schon Handballer aus diesen Ländern, die mit Sorge nach Ägypten reisen oder abgesagt haben.

Sorge und Respekt sind ja auch berechtigt in der aktuellen Situation. Nur ich sage auch: Dann darf ich auch nicht zu Europapokal- oder Champions-League-Spielen fliegen. Entweder lassen wir gar keine Reisen mehr zu, also auch keine Geschäftsreisen, oder wir versuchen, das Risiko maximal zu minimieren. Ich tendiere zu Letzterem.

„Du brauchst ja auch Abwechslung“

Müsste man nicht momentan hinter das gesamte System Leistungssport ein dickes Fragezeichen setzen?

Ja, kann man. Du kannst der Gesellschaft alles nehmen. Und wenn man das für richtig hält, machst du einfach alles zu. Aber wie wir das jetzt machen, also mit Augenmaß, ist aus meiner Sicht vernünftig. Du brauchst ja auch Ablenkung. Du kannst nicht den ganzen Tag mit dem Drecksthema Corona beschäftigt sein.

Was entgegnen Sie denen, die Ihnen Fahrlässigkeit vorwerfen?

Ich manage beim Thema Corona einen kompletten Sportverein, bin tagtäglich damit beschäftigt. Wir haben eine eigene Kontaktverfolgungsstelle eingerichtet. Wir nehmen die Leute – wenn es sein muss – raus, wir machen mit allen einen Check und wir machen noch zusätzlich über die Diagnostik ein MRT mit dem Herzen. Und es ist doch so: Die Spieler wollen sogar trainieren, wenn sie in Quarantäne sind.

Wovon Sie sie dann abhalten?

Ich habe meine Spieler vor der Saison gefragt: Wollt ihr Europapokal spielen? Setzen wir ein Jahr aus? Was finanziell schwierig wäre, klar. Die Abstimmung war einstimmig. Ich habe auch unsere Nationalspieler gefragt: Möchtet ihr zur WM? Die Abstimmung war auch hier einstimmig. Der Einzige, der nicht die WM spielen wollte, war Fabian Wiede, aber nicht wegen Corona, sondern wegen seiner Schulter.

„Wir brauchen Aufmerksamkeit“

Nicht alle im deutschen Handball verfolgen diesen Ansatz. Carsten Bissel, Aufsichtsrats-Chef von Bundesligist Erlangen, hält die Blase in Ägypten für „Wahnsinn“.

Das kann man so sehen, aber man muss das große Ganze denken. Es geht um unsere Sportart, um Vorbilder, um Leuchttürme. Wir haben im Handballverband im Vergleich zum Vorjahr 80 Prozent weniger Neuanmeldungen, das heißt: Wenn wir unsere Sportarten retten wollen, brauchen wir die Aufmerksamkeit, die wir bei allem Respekt nicht bei einem Spiel Füchse gegen Erlangen erfahren. Das interessiert vielleicht 10.000 Menschen. Das ist die bittere Wahrheit. Aber wenn die deutsche Nationalmannschaft in einem WM-Achtelfinale gegen Spanien antritt, dann interessiert das zehn Millionen. Die WM ist für uns eine Plattform, die wir zwingend brauchen, um unsere Sportart zu retten.

Aber der Schaden für den Handball im Fall eines Super-GAUs bei der WM wäre immens.

Ja. Und es ist auch allen bewusst, dass da nichts passieren sollte.

Mut fürs Turnier in Berlin

Nach der WM findet noch ein Olympia-Qualiturnier statt, im März in Berlin …

… da bin ich dabei.  

Auch bis dahin dürfte die Corona-Pandemie uns noch fest im Griff haben. Ein Geisterturnier ist wahrscheinlich.

Ich hoffe darauf, dass sich bis dahin die Lage schon etwas entspannt hat, dass zumindest eine kleine Zuschauerzahl möglich ist. Und auch da sage ich: Lasst uns mutig sein. Aber mit einer vollen Halle können wir natürlich so schnell nicht rechnen.

Ist dieses Turnier fürs deutsche Nationalteam noch wichtiger als die WM?

Ich finde diese WM total spannend, freue mich darauf.  Und ich will, dass wir dort erfolgreich sind, will sehen, was die jungen Spieler können. Aber natürlich war alles im Hinblick auf die Olympischen Spiele 2021 aufgebaut, mit der klaren Zielsetzung, dass wir da mit um Gold spielen.